Die Einschätzung dieses Buches hängt natürlich mit dem wissenschaftlichen Weltbild der Rezensentin zusammen. Mit diesem (aus Sicht des gesunden Menschenverstandes normalen, aus Sicht des der Spiritualität einseitigen) Blickwinkel sind die Texte Chopras verworren, unlogisch und unklar, die des Autors Mlodinov meist das Gegenteil. Aber auch er muss sich Kritik gefallen lassen: vieles ist pädagogisch schwach und unklar --- selbst wenn man sich in der Materie einigermaßen auskennt. Schon das erste Sachthema ("Wie entstand das Universum?") ist von Mlodinov in vielen Bereichen unverständlich und mit zu vielen Fachbegriffen (Raumzeit, Inflation, Quantenfalten) gespickt beschrieben.
Chopra dagegen greift tief in die Kiste der undefinierten Begriffe, schwammigen Formulierungen und unbewiesenen Behauptungen (S. 108 "Wenn die Gedanken aufhören zu fließen, tut dies auch die Zeit" und S. 109 "Das ganze Universum ist nicht mehr als die Bewegung der Gedanken"). Und leider greift er auch auf die unselige Geschichte von "Shakespeares Affen" zurück, um die Unwahrscheinlichkeit eines Zufalls in der Evolution zu illustrieren. Damit beweist er nichts --- außer seinem Unverständnis von Emergenz und Autopoiese (Selbsterzeugung) und dem Zusammenspiel von Zufall und systemischen Gesetzen. Denn dieses Beispiel ist einfach falsch: der Zufall erzeugt nicht das (unwahrscheinliche) Endergebnis der Evolution, sondern lenkt nur einzelne Schritte, die danach gesetzmäßig ablaufen (so wird z. B. das Prinzip der Vererbung - einmal "erfunden" - in allen Lebewesen gleichartig genutzt, vom Einzeller über die Gänseblume bis zu uns). Auch unzulässige Anthropomorphismen ("die Zelle erinnert sich" / "die DNS lernt") sind schön zu lesen, erzeugen aber Verwirrung.
Aber ich will ja nicht die jeweiligen Ansichten kritisieren, sondern das Buch als solches beurteilen. Es stellt zu jedem der wichtigen philosophischen Themen (z. B. "Was ist Leben?", mehr nachlesbar im Inhaltsverzeichnis) jeweils je eine Antwort der beiden Autoren vor, wobei der zweite auf die Position des ersten Bezug nehmen kann (aber nicht umgekehrt). Deswegen wechseln sie sich zu jedem Thema in der Position ab. Deepak Chopra argumentiert aus Sicht der Spiritualität, die im Prinzip an höhere Mächte glaubt (nicht unbedingt unser christlicher "Gott"), an ewiges und unendliches Bewusstsein im Universum, an eine mit Sinn und Bedeutung erfüllte Welt. Leonard Mlodinov (Co-Autor von Stephen Hawking) vertritt die materialistische Weltsicht eines Physikers: wahr ist alles, was nachweisbar und belegbar ist. Der Rest ist Spekulation, Behauptung, Glaube --- nicht das Spielfeld des Wissenschaftlers.
Hier eine kleine Kostprobe (leicht abgewandelt). Chopra argumentiert: »Die Spiritualität jedenfalls muss nicht auf ein Wunder zurückgreifen, um das Leben zu erklären, sobald man sich von der Idee eines toten Universums verabschiedet hat... Denn für meine Ansicht gibt es ein zwingendes Argument: Das Universum brachte komplexe Lebensformen hervor, weil das Leben darin schon immer existiert hat, schon vor der Entstehung unseres Universums.« Mlodinov hält mit einer lustigen Analogie dagegen: "...sehen wir uns doch einmal an, wie es logisch funktioniert, wenn wir es in einen etwas gewöhnlicheren Kontext stellen, zum Beispiel das Frühstück. Das hieße: »Wir müssen nicht auf ein Wunder zurückgreifen, um zu erklären, wie das Spiegelei mit dem Dotter nach oben auf meinem Teller landete, sobald wir uns vom Konzept eines eilosen Tellers verabschiedet haben.... Eine bessere Erklärung als das Wunderbare ist das Argument, das Universum habe ein Spiegelei mit der Dotterseite nach oben hervorgebracht, weil das Ei in dieser Form schon immer existiert hat, schon zu der Zeit, als der Teller geschaffen wurde.« Diese Erklärung ist offensichtlich nicht besonders einleuchtend." Na gut, das schrammt knapp an der Grenzen zum Trivialen vorbei (meist sind die wissenschaftlichen Argumente Mlodinovs stringenter), aber es entlarvt die nebulöse Sprache und die unbegründeten Annahmen der spirituellen Sicht.
Dies, wie gesagt, mit der materialistischen Brille der Rezensentin. Denn wo die Wahrheit liegt, das wissen nur die Götter. So es sie gibt.
Also (trotz und wegen des Gesagten): Lesenswert für alle, die das Denken des "gegnerischen Lagers" ausführlich kennen lernen wollen.