Der Autor stellt die interessante These auf, dass sich der Mensch immer mehr zum Sklaven der Technik und damit möglicherweise zu einem Steigbügelhalter einer späteren Herrschaft der Maschinen über uns und die Welt mache. Allerdings hapert es an der Beweisführung. So behauptet er etwa, dass die Evolution der Technik den gleichen drei Prinzipien wie die biologische Evolution gemäß Darwin folge, und genau das ist leider nicht zutreffend. Erschwerend kommt hinzu, dass er dabei auf Richard Dawkins' Universellen Darwinismus setzt, dem viele kritische Bedingungen für Evolution fehlen.
So heißt es beispielsweise (40): "Dies ist ein fundamentaler Irrtum, der erstaunlicherweise bis heute nicht ausgerottet ist. Wer da wirklich ums ,Überleben' kämpft, sind nicht Tier- und Pflanzenarten, sondern Gene." Der fundamentale Irrtum liegt auf Seiten des Autors.
Ferner (40): "Die Gene sind das Einzige, was von Generation zu Generation 'überlebt'." Nein, viele Arten geben auch nichtgenetische Kompetenzen an ihre Nachkommen weiter.
Und (42): Entscheidend an Dawkins' Erkenntnis ist, dass die Evolution offensichtlich auf unbelebte Materie wirkt, denn die Gene selbst sind ja nicht lebendig. Dass das so ist, kann man am Beispiel der Viren sehen. Viren sind keine Lebewesen. Sie haben keinen Stoffwechsel, keine Organe und können sich nicht selbst vermehren. Trotzdem entwickeln sie sich ständig weiter, verändern sich, passen sich an ihre Umwelt an. Sie unterliegen offensichtlich der Evolution."
Hier muss ich mich dann doch einmal als Frau positionieren: Auch Männer haben - biologisch betrachtet - ihre Fortpflanzungsfunktionen an den Wirt "Frau" ausgelagert (outgesourct). Sollten sie deshalb nicht nicht mehr der Evolution unterliegen? Doch, das tun sie. Denn Viren und Männer sind gemäß der Systemischen Evolutionstheorie selbstreproduktive Systeme und von daher selbstverständlich evolutionsfähig.
Die Prinzipien der Evolution beschreibt der Autor wie folgt (44f.):
"Wenn es tatsächlich so oder ähnlich gewesen ist, dann waren drei Dinge notwendig, um die Evolution in Gang zu setzen und die Entstehung des Lebens zu ermöglichen:
- Replikatoren, die Kopien von sich selbst herstellen konnten,
- Fehler bei der Herstellung dieser Kopien, die hin und wieder zu reproduktionsfähigen Mutationen führten,
- und eine aufgrund der Umweltbedingungen unterschiedliche Wahrscheinlichkeit dieser verschiedenen Replikator-Arten, erneut kopiert zu werden, und sich auszubreiten.
Mehr als diese drei simplen Voraussetzungen braucht es offensichtlich nicht, um einen ganzen Planeten mit Gänseblümchen, Pilzen (...) und einer Bücher schreibenden Affenart zu füllen."
Doch es braucht mehr, viel mehr sogar, nämlich so etwas wie einen Evolutionsantrieb, den Dawkins Egoismus, Mersch "Reproduktionsinteresse" und Darwin "Struggle for Existence" bzw. "überreichliche Nachkommensproduktion" nennen.
Besonders deutlich wird das beim vom Autor präsentierten Evolutionswürfelspiel auf den Seiten 52ff. Hier behauptet er, das Spiel genüge den drei Prinzipien Reproduktion, Mutation und Selektion und deshalb komme es darin zur Evolution. Denn (50): "Evolution ist eine mathematische Zwangsläufigkeit. Sie entsteht immer dann, wenn drei simple Mechanismen wirken: Reproduktion, Mutation und Selektion."
Dabei übersieht er, dass das Spiel aus sich heraus niemals evolvieren könnte. Dazu bräuchte es nämlich einen Würfler, von manchen auch Schöpfer genannt. Sollte das Spiel dagegen eigendynamisch evolvieren können, dann müsste die Rolle des Würflers in die Würfel selbst integriert werden. Anders gesagt: Man müsste den Würfeln ein "Reproduktionsinteresse" verordnen. Oder noch anders gesagt: Man müsste ihnen so etwas wie Leben einhauchen.
Und genau deshalb können auch die Übertragungen des Autors auf die angebliche Evolution der Technik nicht funktionieren (57): "Kaum jemand wird bezweifeln, dass bei der Entwicklung von Technik Reproduktion stattfindet. Nicht nur Produkte wie Autos (...) werden in großen Mengen 'reproduziert', sondern es werden zum Beispiel auch Konstruktionspläne für Autos (...) vervielfältigt, beispielsweise auf den Computerfestplatten der Herstellerfirmen."
Evolvieren können gemäß Merschs
Systemischer Evolutionstheorie nur selbstreproduktive Systeme, und das sind technische Systeme nun einmal nicht, sehr wohl aber deren Erzeuger wie Nokia, Volkswagen, Airbus etc. Anders gesagt: Ein Großteil unseres technischen Umfeldes wird überhaupt nicht vom Menschen hervorgebracht, sondern von einer neuen Klasse an selbstreproduktiven Systemen (der aktuellen Krone der Schöpfung), den Unternehmen. Wir versklaven uns folglich nur indirekt gegenüber der Technik, in direkter Weise stattdessen gegenüber der Unternehmenswelt. Hier besteht dann meiner Meinung nach ein wirklicher Handlungsbedarf. Wir sollten nicht die Technik bekämpfen, sondern die Märkte regulieren.
Zu den Ausführungen des Autors über die Dawkins' Memetik sage ich lieber nichts, da ich die Mem-Theorie, zu der Bunge/Mahner in
Über die Natur der Dinge. Materialismus und Wissenschaft immerhin meinen, sie sei konzeptuell so unklar, dass sie an Sinnlosigkeit grenze, für absolut unwissenschaftlich halte.
Fazit: Das Buch hat ein wichtiges Anliegen und in vielen Punkten teile ich auch seine Einschätzung: Wir Menschen scheinen gegenüber einer zunehmend beschleunigten Evolution um ums herum langsam aber sicher die Kontrolle zu verlieren. Doch leider scheitert es bei der Analyse. Mein dringender, auch schon an anderer Stelle geäußerter Rat wäre: Die aktuellen medienpräsenten Vordenker dieser Gesellschaft sollten sich endlich mit den Vor-Vordenkern kurzschließen, statt ihre Aussagen auf den untauglichen Konzepten eines Richard Dawkins' fußen zu lassen. 4 Sterne dennoch, denn das Buch ist insgesamt sehr verständlich und exzellent geschrieben.