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Ein Blick in Richard Rortys Bilderwelt
Von Uwe Justus Wenzel
Was Philosophen tun, wenn sie philosophieren, das ist nicht nur Nichtphilosophen nicht ganz klar. Die Frage ist innerhalb der philosophierenden Kommunität, vorsichtig gesagt, umstritten. Das hat sie mit vermutlich allen Fragen philosophischen Zuschnitts gemein. Und was ein «philosophischer Zuschnitt» wäre auch darin krümmt sich ein Fragezeichen, das niemand so leicht zum Ausrufungszeichen wird strecken können. Solchen Anfechtungen und nun müssten Anführungszeichen das Abgeschmackte mildern ist Philosophie seit ihren Anfängen ausgesetzt. Es charakterisiert und hebt die Philosophie von den aus ihrem Herrschaftsbereich ausgewanderten Wissenschaften mehr oder minder scharf ab, dass sie sich fortwährend selbst thematisiert, auch dann, wenn sie sich normalbetrieblich sozusagen einer «Sachfrage» widmet. Lediglich im Grad der Ausdrücklichkeit differieren die stets mitlaufenden Selbstvergewisserungen. Derzeit nehmen die höchst expliziten auffällig zu.
WENIG, ABER VIEL
Einen nicht geringen Anteil an der gegenwärtigen Konjunktur philosophischer Selbstbesinnung hat Richard Rorty. Er traut der Philosophie nicht mehr sehr viel zu, aber in gewisser Weise doch mehr, als viele andere ihr zutrauen. Das liegt daran, dass Rorty eines Geistes ist mit John Deweys Pragmatismus. Von dieser Warte erscheinen philosophische Probleme, einerseits, lediglich als Epiphänomene. Philosophie, so referiert Rorty Dewey in dem nun in deutscher Übersetzung vorliegenden Essay «Philosophie & die Zukunft », sei «parasitär», stets eine Reaktion auf anderswo in Kultur und Gesellschaft stattfindende Entwicklungen.
Der Weg aber führt, anderseits, auch zurück in die Gesellschaft und verschafft der Philosophie einen gewissen, freilich diffus anmutenden Einfluss. Sie findet den Weg in diesem Szenario nur, wenn sie sich manches abschminkt. Sie soll sich, Rorty-Leser kennen das, ihres Wahrheitsanspruchs begeben; soll nicht mehr so tun, wie wenn sie sich an etwas «da draussen» annähere, an eine für sich feststehende und auf Entschleierung wartende Wirklichkeit, die sich immer richtiger erfassen lasse. Der philosophische Therapeut empfiehlt: «Statt Metaphern der Annäherung an etwas, das nicht wir selbst sind, sollten wir Metaphern der Erweiterung unser selbst verwenden, Metaphern, die davon handeln, wie wir uns selbst fähiger und besser machen.» Oder, mit Dewey: «empfindsamer» dem uns umgebenden Leben gegenüber.
Um Metaphern also geht es, um Bilder, die wir uns von der Welt machen und davon, wie wir sie sehen. Wir? «Wir Philosophieprofessoren» schreibt Rorty mehr als einmal; und er meint es in etwa auch so: Zunächst möge zur «Alltagsweisheit der Intellektuellen» werden, was hernach allmählich in den common sense einsickern soll. Die empfohlene Selbsterweiterung sie soll uns auch noch «reicher, vielfältiger und interessanter» machen beginnt hiernach mit der Veränderung des Selbstbildes der Philosophen. In herbem Kontrast jedoch zu dem lebenskünstlerischen Vokabular, dessen er sich bisweilen bedient, skizziert Rorty die neuen Vorbilder. Nicht mehr die Gestalt des Weisen oder des Priesters soll der Philosoph vor Augen haben, sondern die Rolle des Ingenieurs oder des Rechtsanwalts. Warum? Zuvörderst, weil er seine Themen nicht mehr selbst bestimmen könne wie angeblich der Weise oder der Priester. Wie Ingenieure und Rechtsanwälte müssten «zeitgenössische» Philosophen die «Bedürfnisse ihrer Auftraggeber» erkunden, um ihrer Aufgabe gerecht zu werden. Welcher Auftraggeber, welcher Aufgabe?
Der neue Philosoph entsteigt dem Elfenbeinturm oder der Kanzel in Situationen, so Rorty wiederum in Anlehnung an Dewey, in denen «die Sprache der Vergangenheit mit den Bedürfnissen der Zukunft» in Konflikt gerate. Ist also «die Zukunft» die Auftraggeberin? Wohl doch nicht allein. Der Philosoph betätigt sich als Advokat zweier Parteien. Er hat zu vermitteln, zu versöhnen, hat alte und neue «Überzeugungen» so zusammenzuflechten, dass sie einander «befruchten können, statt sich gegenseitig zu behindern». Etwa so, wie Leibniz, Kant und Hegel je auf ihre Weise versucht hätten, christliche Ethik (alt) und kopernikanisch-galileische Wissenschaft (neu) miteinander in Einklang zu bringen. Auch, und besonders, erwachse der Philosophie ein Pensum aus den modernen «Massendemokratien». Diese nämlich ruinierten die selbstverständlich gewesenen «platonischen» Unterscheidungen zwischen Vernunft und Leidenschaft, Logik und Rhetorik, Wahrheit und Nützlichkeit, Philosophie und Sophistik. Versöhnen statt spalten lautet für Rorty auch in diesem Betracht die Maxime.
Verflicht die Philosophie Logik mit Rhetorik, so wird sie zur «Maklerin». Ihren Kollegen im Immobiliengeschäft ist sie darin verwandt, dass sie sich wiewohl behutsam des Mittels der reformatorischen «Überredung» bedient. Ihre Fernperspektive sei die weltweite Realisierung einer «demokratischen Utopie». Dafür schickt Rorty sie als Schlichterin in den Kampf der Weltanschauungen und nivelliert expressis verbis die Differenz zwischen Wissenschaft und Ideologie. Eine Philosophie, die sich auf der Höhe und also in den Niederungen der Zeit bewegen will, hat, so der lässliche Pragmatiker, eine gewisse «Entprofessionalisierung» hinzunehmen; sie muss Abstriche an ihrer «Unversehrtheit», an ihrer Autonomie machen.
PEND ELSCHWUNG
Ob Rorty sich aller Implikationen dieser Selbsterweiterung der Philosophie bewusst ist? In einem anderen Versuch, das Proprium der Philosophie zu bestimmen, lässt er die Zügel jedenfalls nicht sogleich schiessen. Er macht sich in dem Aufsatz über «Die Schönheit, die Erhabenheit und die Gemeinschaft der Philosophen» sogar anheischig, die Gruppe derer, die legitimerweise «Philosophen» heissen dürfen, einzugrenzen (auf diejenigen, die Kant und Platon gelesen haben) und die «Techniker» analytischer Provenienz, die philosophische Probleme für blosse Denksportaufgaben halten, ebenso auszuschliessen wie die «reinen Philologen», die auch nicht zur Sache kommen. Die übrig bleiben, die veritablen Philosophen mithin, setzt Rorty in das Bild eines Pendels: Deren «Streben» sieht er zwischen dem Argumentativen und dem Nicht-Argumentativen, zwischen dem Diskursiven und dem Nicht-Diskursiven, zwischen Rationalität und Revolte, zwischen Grenzbefestigung und Grenzüberschreitung «endlos» hin und her gehen.
Das Pendel mag in Schwung kommen und einen allmählich grösser werdenden Kreisbogen beschreiben solange es ein Pendel bleibt und nicht ins Rotieren gerät, gibt es noch ein Ausserhalb der Philosophie. Damit wäre immerhin die Möglichkeit gewahrt, einen Trennstrich zu ziehen zur Ideologie. Während der erste Essay der Philosophie eine Osmose nahelegt, auf dass sie ihre advokatorische Mission erfülle, scheint dieser zweite auf Identitätsbewahrung zu setzen. Eine «soziale Funktion» denkt er ihr trotzdem zu. Die beiden Pole der Pendelbewegung markieren nach Rorty nämlich nicht nur den Bewegungsspielraum philosophischen Tuns, sie besitzen so etwas wie Entsprechungen (Doubletten?) im kulturellen Setting der Gesellschaft. Was Rorty hier an Präzision vermissen lässt, scheint er durch ein gewisses Pathos ausgleichen zu wollen: Eine «Katastrophe für die Zivilisation» wäre es, so ist zu lesen, wenn die Spannung wiche, wenn eine der beiden «Parteien» oder Strömungen die Oberhand gewänne. (Unter den vielen Namen auf den Bannern der Parteien meint man auch die von Rationalismus und Romantik entziffern zu können.) Jenem «Teilbereich der gegenwärtigen Hochkultur», der «Philosophie» heisse, obliege es, diese Spannung stellvertretend? lebendig zu halten.
Ein recht schlichtes kulturphilosophisches Schema nimmt Kontur an: Entweder erstarrt die Ordnung, oder sie löst sich auf es sei denn, die weltoffene Philosophie übernähme den Part des Go-between zwischen den Baumeistern und den Abrissunternehmen. Ist das nun zu viel der Ehre für die einstige Weltweisheit oder zu wenig?
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