Erstaunlich lange setze man sich nicht mehr intensiv mit dem Geheimnis des Schönen auseinander. Als ob die grossen Klassiker, Frankfurter Soziologen und Kunstkritiker schon alles dazu gesagt hätten. Weshalb stille Wasser plötzlich wieder in Bewegung kommen, lässt sich bekanntlich kaum ergründen. Möglich, dass zunehmender Körperkult, boomende Schönheitschirurgie und Beststeller von Evolutionspsychologen eine Rolle spielten. Und wenn ein Autor wie Umberto Eco den Versuch unternimmt, die Geschichte der Schönheit neu zu verfassen, steckt das an. Zumal ich kaum der einzige bin, den Ecos Version nicht vom Hocker riss. Da enthält das Buch von Winfried Menninghaus „Das Versprechen der Schönheit“ mehr Substanz, aber dafür kein Bildmaterial.
Den ehemaligen Arzt Ulrich Renz hat es nach eigenen Angaben bereits früh erwischt. Von der Schönheit fühlt er sich angezogen, seit man ihm Schneewittchen vorlas. Einige Jahrzehnte später wagt er nun den Versuch, dem Geheimnis der Schönheit in Worten näher zu kommen. Und zwar so, dass seine Ergebnisse auch den Laien verständlich sind, ohne den wissenschaftlichen Anspruch aufzugeben. Das ist ihm gelungen. Ulrich Renz recherchierte, las sich durch riesige Bücherstapel durch, suchte nach passendem Bildmaterial und sichtete eine Unmenge von Studien. Eine so seriöse Arbeit konnte wohl auch Renz nicht leisten, ohne sein normales Schlafpensum zu reduzieren. Denn im Gegensatz zu Menninghaus und Eco verfügt Ulrich Renz nicht über Heerscharen von Studenten, die auf der Suche nach professorenkompatiblen Seminar- und Diplomarbeiten sind. Die Website des Autors, schoenheitsformel.de, bestätigt die Vermutung, dass hier ein Besessener am Werk war. Gegliedert hat er das Ergebnis seines Tuns in sechzehn Kapitel und vier Teile. Die Leistung von Ulrich Renz besteht ja nicht in eigenen Forschungsarbeiten, sondern im Sammeln, Auswählen, Ordnen und Vermitteln. All das ist ihm bemerkenswert gut gelungen. Auch wenn mich einige Wiederholungen und Längen im Laufe der Lektüre immer mehr störten. Doch der flüssige Schreibstil, die 49 Abbildungen und die unterhaltsamen Einblicke in Wissenschaftsbuden und kreative Experimente hellten meine Laune immer wieder auf. Und weil „Die Schönheit“ zu den zwölf Zeichensprachen gehört, mit denen ich in meinem Buch „Tausend und eine Macht“ die Arbeitsergebnisse des Unbewussten zu erfassen versuche, weiss ich das Buch von Ulrich Renz besonders zu schätzen. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Schönheitsexperten fördert er Neues und längst Verschollenes ans Tageslicht. Wo die Beweislage dürftig ist, merkt er es an. Wo sich wichtige Studien widersprechen, stellt er deren Kernaussagen einander gegenüber. Wo er an Tabus kratzt, macht er dies mit dem nötigen Respekt. Wissenschaftsjournalismus, wie er sein sollte.
Mein Fazit: Die Schönheitsforschung ist spannend. Besonders, wenn sie so vermittelt wird, wie Ulrich Renz dies gekonnt vorführt. So machen 344 Seiten Wissenschafts-, Kultur-, Kunst-, und Gesellschaftsgeschichte Spass und klug.