Das Besondere der ersten Commisario Brunetti Romane ist sicherlich nicht mehr vorhanden, aber lesenswert sind Donna Leons Kriminalgeschichten aus Venedig allemal - dies mal meiner Rezension voran gestellt.
Im mittlerweile 18. Fall von Guido Brunetti, "Schöner Schein", beginnt Donna Leon wie bereits in den letzten Romanen mit zwei parallel laufenden Handlungssträngen. Da ist auf der einen Seite die deutlich jüngere Ehefrau Franca Marinello des venezianischen Großindustriellen Maurizio Cataldo, die wegen ihres nach Schönheitsoperationen maskenhaft entstellten Gesichtes in der Klatschpresse nur Superliftata genannt wird und die Brunetti auf einem Empfang seines Schwiegervaters, Conte Falier, kennen lernt. Sie überrascht ihn mit besonders tiefgehenden Literaturkenntnissen und fasziniert ihn so sehr, dass seine Frau Paola (vollkommen zu Unrecht) Eifersucht entwickelt. Da sein Schwiegervater überlegt, mit Cataldo in Geschäftsbeziehung zu treten, bittet er Brunetti, die beiden auf ihre Vertrauenswürdigkeit zu überprüfen. Dabei erfährt Brunetti unerwartete Dinge hinter dem "schönen Schein" von Superliftata und ihrem älteren Mann.
Gleichzeitig wird Bruneti von seinem Chef, dem immer nur auf seinen eigenen Vorteil bedachten, affektierten und ziemlich inkompetenten Vice-Questore Patta, gebeten, einem Sonderbeauftragten der Carabinieri, Maggior Guarino, Amtshilfe bei dessen Ermittlungen in einem brisanten Müllskandal zu leisten. Doch kaum befasst sich Brunetti mit dem Fall, wird Guarino inmitten der Müllverbrennungsanlagen vor den Toren Venedigs ermordet aufgefunden.
Bei seinen weiteren Ermittlungen stösst Brunetti auch dank eines Fotos, das ihm Guarino noch vor seiner Ermordung zukommen liess, auf den zwielichtigen und gefährlichen Terrasini, der Kontakte zur Mafia vermuten lässt und der offensichtlich eine Affäre mit Franca Marinello hat, was beide Fälle zusammen führt.
Wieder einmal greift Donna Leon aktuelle politische Themen Italiens auf - dieses mal das große Müllproblem des Landes - wer erinnert sich nicht noch an die Zeiten, als Neapel im Müllchaos versank und die italienische Regierung das Militär in den Süden zum "Aufräumen" schicken musste.... oder an die Müllfrachter, die in Afrika den hochgiftigen Sondermüll aus Europa abluden - bis der Skandal aufflog.
Das Besondere an Donna Leon ist es, dass sie angenehm unspektakulär, aber gleichzeitig sehr vielschichtig diese Themen in ihren Roman verarbeitet. So auch in Commisario Brunettis 18. Fall. "Schöner Schein" liest sich locker und flüssig, die Sprache ist wie gewohnt einfach und trotzdem nicht zu abgedroschen. Das Ende ist anders, als man es Anfangs erwartet und auch die philosophischen Dispute Brunettis mit seiner Frau Paola sind tiefgründig und ironisch gestaltet - somit sind eigentlich alle Zutaten für einen guten Roman vorhanden.
Dass es letztendlich aus meiner Sich nur 4 statt 5 Sterne gibt, liegt daran, dass dieses Muster so langsam Abnutzungserscheinung zeigt - die Romane Leons sind unterhaltsam und auch durchaus spannend, aber sie nutzen sich mit der Zeit ein wenig ab. Irgendwie hat man beim lesen das Gefühl des "déjà vu". Nichts desto trotz aber lohnt sich der Kauf des neuen Falls von Brunetti "Schöner Schein", denn die Qualität schlägt die Abnutzung ;-).