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Für diese These findet Pigott eine Menge Belege: Vor allem in den australischen und kalifornischen Weinregionen wird der Rebensaft nicht mehr mit handwerklichen Methoden veredelt, sondern (ähnlich wie Bier in einer modernen Brauerei) in einer technisierten Umgebung kontrolliert, nach den Vorgaben von EDV-Programmen, in Gärung und Ausbau gelenkt von Computersystemen. Auf diese Weise entsteht oftmals - besonders bei den Rotweinen - eine dickflüssige Trinkmarmelade, ein alkoholreicher Sirup mit aufdringlichen Duftnoten, angereichert mit höchst zweifelhaften Beigaben. Auch wenn diese Mixtur durchaus nicht billig ist und sich auf allen Kontinenten großer Beliebtheit erfreut, ist sie nichtsdestotrotz ein nach allen Regeln der Kunst gestyltes und zum Teil gepanschtes Modegetränk. Ein Traubi-Cola mit Einheitsgeschmack, Anbauregion Planet Erde.
Nun wäre es ein ökologischer Unfug sondersgleichen, eine derart zweifelhafte Ware über eine Entfernung von 20.000 Kilometern nach Europa zu importieren, das ja bekanntlich unter seiner eigenen Weinschwemme zu leiden hat. Doch ebenso wie es Millionen Liter Wein gibt, die nichtssagend schmecken und die sich oft genug hart an der Grenze zur Fehlerhaftigkeit bewegen, existieren auch in Übersee eine Menge hervorragender Tropfen, die nur knapp unter der 100-Punkte-Bewertungsskala liegen und diese in Einzelfällen sogar erreichen. Das wiederum ist ein Verdienst jener Winzer, die ihren Wein immer noch (oder wieder) nach eindeutigen Kriterien anbauen und behandeln. Es sind zumeist Leute, die sich keiner Mode unterwerfen, statt dessen den Terroir-Gedanken verfolgen und ziemlich eigensinnig ihre Vorstellungen von Qualität in die Tat umsetzen. Diese Art von Winzer findet man überall, ob in Australien, in Kalifornien oder auch in deutschen Landen, und es sieht so aus, dass sie keine verschwindend kleine Minderheit sind, sondern stattliche Zuwächse verzeichnen können.
In diesem Spannungsfeld also erkundet Stuart Pigott die verschiedenen Wege, die der Weinwirtschaft im weiteren Verlauf des 21. Jahrhunderts offenstehen. Unermüdlich verkostet er eine Unzahl der verschiedensten Tropfen, beschreibt lebendig und plastisch die Landschaften und Menschen, auf die er während seiner Erkundungsreisen trifft und nimmt im übrigen bei seinen Beurteilungen kein Blatt vor den Mund. Er kritisiert dabei den rapiden Qualitätsverfall einiger Spitzen-Chateaux im Bordelais ebenso wie den fatalen Irrtum einiger deutscher Erzeuger, die ihre Weine in der Hoffung auf einen erhöhten Absatz mit einer "neuseeländischen" Geschmacksnote ausstatten. Leider wird es den meisten Lesern kaum möglich sein, den Exkursionen des Autors in eigener Person zu folgen. Was im deutschen Sprachraum noch denkbar ist (nämlich sich ein eigenes Urteil an Ort und Stelle zu bilden), dürfte auf globaler Ebene an zeitlicher und finanzieller Ausdünnung scheitern. Aus diesem Grund ist Pigotts Werk zwar interessant und lehrreich, zumal es eine ungeheure Fülle an Details und Weinen bietet, doch kann es einen gewissen theoretischen Touch nicht verhehlen. Womit dann automatisch eine Prise Langeweile ins Spiel kommt. Ansonsten aber: ein hervorragendes Buch, interessant für jeden, der sich ernsthaft mit Wein beschäftigt.
Pigott setzt sich mit Gewächsen der neuen Modeländer europäischer Weintrinker auseinander - und spart nicht mit Lob, Kritik und klaren Präferenzen. Während er denn süsslich-marmeladigen Einheitsgeschmack vieler Rotweine aus der Neuen (und mittlerweile in deren Gefolge auch in der Alten) Weinwelt brandmarkt (und damit auch indirekt den Geschmack von Weinpäpsten wie Robert Parker geißelt) und stattdessen die "etwas anderen", indivuelleren Weine herausstellt, die auch diese Länder produzieren, zeichnet er ein sehr differenziertes Bild, das sich allen Stereotypen entzieht.
Das ist wohltuend, genauso wie seine schönen Schilderungen von Begegnungen mit Winzern. Weniger wohltuend ist -- neben der manchmal überdreht wirkenden Sprache bei der Beschreibung der verkosteten Weine -- die Tatsache, dass Pigott zwar mit den "billigen" Weinen (im doppelten Wortsinn) eines Berliner Supermarktes einsteigt, sich bei seinen Verkostungen aber fast nur mit (vermeintlichen und echten) Weltklasseweinen (=Nischenweinen) auseinandersetzt, die für den normalen Weinliebhaber -- auch den, der viel Geld in sein Hobby investiert -- nicht erschwinglich oder gar nicht erhältlich sind, vielleicht mit Ausnahme der deutschen Gewächse, die wahrlich mehr Aufmerksamkeit verdient hätten.
So schön sich das Buch also streckenweise liest, und so interessant viele der nach dem 100-Punkte-System bewerteten Weine im Anhang sind, es sind weder Bezugsquellen noch Preise angegeben. Letztere würden, sofern die Weine hierzulande überhaupt zu kaufen sind, wohl häufig das Budget des potenziellen Kunden sprengen.
Trotzdem: Weinliebhabern und -kennern sei das Buch empfohlen, und es wäre schön, wenn es über diese Themen noch mehr Stoff gäbe -- nicht nur solchen zum Trinken...
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