23 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Gut zu brauchen für Psychopharmakafürchtige, 30. Dezember 1999
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Schöne neue Psychiatrie Band 2: Wie Psychopharmaka den Körper verändern (Taschenbuch)
Die beiden Bände arbeiten ähnlich wie der "Chemische Knebel" (auch von Peter Lehmann und auch in seinem Verlag erschienen), die wirkungsweise von Psychopharmaka sowie Elektroschock auf. Die einzelnen Gruppen der Psychopharmaka wie Neuroleptika („antipsychotische Mittel"), Antidepressiva und Psychostimulantien werden unterschieden und einige gebräuchliche Präparate werden beispielhaft separat analysiert. Dabei behauptet Lehmann, daß diese Präparate hochschädlich sind, insb. Neuroleptika schon bei geringer Dosis zum Tode führen können, Selbstmordabsichten hervorrufen oder kontraindiziert (sie bewirken das Gegenteil dessen, was bezweckt werden soll) wirken. Die verschiedensten schädlichen und „Neben"-Wirkungen werden ausführlichst dargestellt. In der eigenen Buchbesprechnung des Verlages heißt es: „Das Buch ermöglicht eine fundierte und unabhängige Entscheidung - Einnahme von Psychopharmaka .....trotz erheblicher Gesundheitsrisiken - oder lieber doch nicht." Aus meiner Sicht ist das nicht das Hauptproblem für Psychiatrie-Erfahrene. Die Frage stellt sich: Wie erkämpfe ich mir stationär überhaupt das Recht, entscheiden zu dürfen, ob ich Psychopharmaka nehmen will oder nicht. Auch ambulant ist das Mitspracherecht z.b. über die Dosis durchaus nicht selbstverständlich. Es werden Depotspritzen gegeben, bei denen der Patient häufig genug weder die Dosis kennt noch das Präparat. Er/Sie weiß gar nicht, wenn er/sie wieder auf Tabletten umsteigen will, wieviel Tabletten das überhaupt sind. Neuroleptikaeinnahme kann als Auflage gemacht werden, um entlassen zu werden, oder um Sozialhilfe zu bekommen. Es obliegt also dem Einzelnen, einen"guten" Arzt bzw. Rechtsanwalt zu finden, der ihm die persönliche Freiheit nach Beratung läßt, z.B. selber die Dosis zu bestimmen. Das Wesentliche scheint mir in einer psychiatriekritischen Arbeit nicht zu sein nachzuweisen, wie schädlich Psychopharmaka sind. Es ist sicher wichtig, aber das Wichtigste ist unsere Freiheit, die Freiheit, Psychopharmaka abzulehnen bzw. die Dosis selbst zu bestimmen, die Freiheit der Aufenthaltsbestimmung. Es sollte der Frage nachgegangen werden, welche Wünsche haben wir, wie können wir uns selber und gegenseitig helfen, so daß wir keine Psychopharmaka brauchen. Aus Lehmanns Buch resultiert eher die Frage: Wie erfinde ich eine chemische Substanz, etwa ein Naturheilmittel, das möglichst unschädlich ist und die optimale Wirkung erzielt? Mit diesem Forschungsvorhaben würde auch jeder Psychiater übereinstimmen. Damit sind wir aber in einem Bedürfnis nach Freiheit und Legalisierung der Ver-rücktheit noch kein Stück weiter.
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5.0 von 5 Sternen
Gutes Kompendium zu den Wirkungen von Medikamenten, die in Psychiatrien eingesetzt werden, 26. April 2011
Rezension bezieht sich auf: Schöne neue Psychiatrie Band 2: Wie Psychopharmaka den Körper verändern (Taschenbuch)
Beide Bände erschienen 1996 und sind seither noch nicht überarbeitet worden. Hierzu erkenne ich allerdings auch keinerlei Bedarf, da die beschriebenen Wirkungen der heute noch häufig verschriebenen Mittel umfangreich mit zuverlässigen Quellen belegt sind.
Beide Bände beziehen sich größtenteils auf Neuroleptika und daneben auf Antidepressiva, Lithium, Carbamazepin, Pschostimulanzien und Tranquilizer. Der erste Band enthält darüber hinaus ein Kapitel zu Elektroschocks, der zweite Band Kapitel zu Abhängigkeit und Entzug (inklusive Tipps zum erfolgreichen Absetzen). Der erste Band enthält außerdem eine umfangreiche Liste, bei der Handelsnamen, Wirkstoffe, Wirkstoffgruppen und die Länder registriert sind, wo die Medikamente vertrieben werden.
Ein wesentlicher Unterschied zwischen beiden Bänden ist, dass sich Band 1 mit den Wirkungen auf die Psyche befasst und Band 2 mit den Wirkungen auf den Körper. Beiden Büchern ist eigen, dass sie sich gut als Nachschlagewerk für spezifische Nachforschungen machen. Denn der behandelten Medikamentengruppe (wie 'Neuroleptika') folgt im Inhaltsverzeichnis je die Auflistung der Unterkapitel und deren Punkte. Hat jemand Interesse an einem bestimmten Bereich wie 'Zahnschäden' oder 'Erhöhung der Suizidtendenz', so lassen sich diese gut finden.
Ein Register am Buchende ermöglicht es, schnell herauszufinden, wo im Buch bestimmte Medikamente Erwähnung finden (Neuroleptika sind bekanntlich durchaus etwas verschieden in ihren typischen Nebenwirkungen, wenn auch die meisten Nebenwirkungen bei allen Präparaten gleich aussehen).
Menschen, die in einer Psychiatrie untergebracht sind oder gegenwärtig Neuroleptikas schlucken, kann ich definitiv vom Buch abraten. Durch die umfangreiche Darstellung der negativen Aspekte besteht die Gefahr, dass Neuroleptikas übereilt und schlecht organisiert abgesetzt werden. Zudem besteht eine mögliche negative Wirkung des Buchs darin, dass jemand an sich selbst mehr Nebenwirkungen festhält, als er tatsächlich hat.
Die Nebenwirkungen von Medikamenten sind weit schlimmer, als es die meisten Pfleger und Ärzte meinen (Diese sollten aus meiner Meinung nach im Laufe ihrer Ausbildung Selbstversuche machen und vorher keinesfalls in einer Psychiatrie anfangen). Dieser blinde Fleck bei Angestellten von Psychiatrien, die Auswirkungen vollkommen unterschätzen, ist für mich nur teilweise nachvollziehbar.
Der Beipackzettel von Medikamenten gibt einen Überblick, enthält jedoch sehr vieles vor. Aus verständlichen Gründen versuchen Beipackzettel, in geringstmöglichem Ausmaß die Schattenseiten der Produkte aufzulisten (Immerhin ist die Pharmaindustrie ein Wirtschaftszweig, in dem jeder seine Produkte bestmöglich absetzen will).
Zwar erscheint die Lehmann`s Darstellung sehr negativ und überspitzt. Hierfür sind seine Darstellungen jedoch gut belegt und man muss bei Lehmann und seinem eigenen Verlag kaum fürchten, dass die Darstellungen und herangezogenen Studien von der Pharmaindustrie in Richtung pro Medikamente verfälscht sind (Beim Thieme-Verlag, Springer-Verlag und diversen Autoren ist dies keinesfalls gegeben, so rechtschaffen Verlage und Autoren auch wirken).
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