Diesen Film kann man eigentlich niemandem empfehlen, und dennoch wage ich zu behaupten: Es ist kein Fehler sich ihn anzusehen.
"Schöne Tage" glänzt nicht durch beeindruckende, sondern durch natürlich-authentische Aufnahmen (Filmmaterial aus den Achtziger Jahren!); keineswegs durch nennenswerte, mehr durch solide Kameraführung. Sie werden keinen bekannten Schauspieler erkennen, denn Laiendarsteller wurden als Besetzung gewählt; die noch dazu in einem befremdlich-brutalen (Kärntner) Dialekt sprechen. Dennoch bleibt der Film merkwürdig stumm. Und sei es nur, dass man beim Mitansehen verstummt - dass einem selbst die Worte für "sowas" wegbleiben.
Die Handlung spielt auf einem Bergbauernhof, Anfang bis Mitte der Fünfziger Jahre. Doch erwarten Sie bloß keine Heimatfilmidylle im "Ganghofer" - Stil. In diesem Film glänzt Liebe, Freundschaft, Gemeinschaft nur durch eines: Dur Abwesenheit, und zwar durch vollkommene! (Gewisse Parallelen bestehen, obwohl nur am Rande, zu den Filmen "Schwabenkinder", "Herbstmilch" und "Bergkristall". - Auch wer grad neulich von der Millieustudie "Tannöd" begeistert war, wird hier ein Stück Bauernhof-NICHT-Idylle mit hartherzigen Bauersleuten in der Hauptrolle wieder finden. Es wird zwarwohl erschlagen, aber in den Selbstmord getrieben ...
Wir befinden uns in der Nachkriegszeit, als es österreichischen Bergbauern existenziell an den Kragen ging. Der kleine Franzi Holl wird von seiner Mutter zu seinem leiblichen Vater - auf einen Bergbauernhof - abgegeben. Dort wird er weniger als "Sohn des Bauern", mehr als neuer Knecht behandelt und unterdrückt, wo es nur geht. Die Herrschaft seines Vaters, wird beispielsweise vermittels der Arbeitsszenen bei der Heumahd eindrücklich geschildert. Franzi darf zwar die Schule besuchen, wird dort aber schnell unbeliebt, weil er stinkt. Dass Franzi Bettnässer ist, wird ihm das Leben (bis ins Jugendalter) nicht einfacher machen. Aber das kümmert so gut wie keinen. Seine Mutter macht sich mehr Sorgen um das Bettzeug, als darum, ob, oder wie man dem Jungen helfen könnte.
Weit über zwei Stunden versucht man wie gebannt einen Faden zu finden, in diesem trostlosen Film, der dem Zuschauer ein denkbar hartes Schicksal vor Augen führt. Was aus diesem Jungen Burschen irgendwann noch mal wird, bleibt (am Ende des Filmes) relativ ungewiss.
Schön sieht sich "Schöne Tage" gewiss nicht an. Es gibt allerdings einige klitzekleine Szenen die Hoffnung machen ...
Die Verfilmung von Fritz Lehner bietet uns ein eindrückliches Laienschauspiel, über Knechtschaft, besser eine Art Leibeigenschaft, von der viele nicht glauben möchten, es habe sie in dieser Art gegeben. Franz Innerhofer, dessen Autobiographisches Buch "Schöne Tage" dem Film als Vorlage diente, hat hiermit allerdings seine Kindheit verarbeitet. Als Autor erlangte er in den Siebzigern einen großen Bekanntheitsgrad, Ende der Neunziger wurden seine literarischen Werke kaum noch beachtet und noch miserabler besprochen. Der Autor nahm sich im Januar 2002 das Leben. (Franz Innerhofer war es wichtig, nach all den Erlebnissen, den Mund nicht mehr halten zu müssen. Das möchte man ihm nach Lektüre des Buches, oder Ansehen des Filmes nicht verdenken. - Möge er in Frieden ruhen.)
In Österreichs Schulen wird sein Buch "Schöne Tage" noch immer gerne als Pflichtlektüre gehandelt, wobei ich - musste es auch lesen - das meinem Nachwuchs gerne ersparen würde. Schön liest sich das nicht. Und wie erwähnt, schön sieht sich auch der Film nicht an. Und dennoch - jetzt wiederhole ich mich schon wieder - ist es kein Fehler sich "Schöne Tage" anzuschauen.
"Schöne Tage" (Österreich, 1981); REGIE, DREHBUCH: Fritz Lehner; PRODUZENT: Hermann Wolf; KAMERA: Toni Peschke, Bernd Watzek; MUSIK: Bert Breit; MIT: Andreas Umnig, Martin Fritz, Johann Woschitz, Veronika Dovjak, Josef Holister, Regina Maurer...
Laufzeit: ca. 150 min.
Die DVD aus der "Edition Der Standard" ist optisch und haptisch ein Highlight, und wartet auch noch mit ein paar Texten, zu Regisseur, Autor und Film auf!