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Auf diese Weise baut die Musik von Gerhard Schöne stabile Brücken zwischen den Generationen. Seine neue Platte mit dem schlichten Titel „Gerhard Schöne singt Kindergedichte" macht da keine Ausnahme. Hier hat der Mann, der auch schon als Briefträger und Laienschauspieler tätig war, Gedichte aus den letzten hundert Jahren gesammelt und in wundervolle, erfinderisch arrangierte Melodien gekleidet. Nicht nur Erich Kästner, Joachim Ringelnatz und James Krüss finden ein Sprachrohr in die Gegenwart, auch Verse von Bertolt Brecht, Wolfgang Borchert und Theodor Fontane entwickeln neue Ausdruckskraft.
Gleich zu Beginn bringt Gerhard Schöne sein Publikum ins Grübeln: „In dieser Minute", ein Gedicht von Eva Rechlin, handelt von der Parallelität scheinbar bedeutungsloser Ereignisse, die zusammen die Welt in Bewegung halten. Angetrieben vom monotonen Takt eines Metronoms, kombiniert der Titel Momentaufnahmen zu einem bunten Patchwork, das für Kinder und Erwachsene gleichermaßen spannend ist. Weitaus malerischer, wenn auch voll gebrochener Farben, ist die Geschichte über den Garten des Herrn Ming, auf den sich James Krüss 1961 gleich mehrere Reime machte. Rund um den Wasserrosenteich eines alten Gärtners kreisen in diesem zauberhaften Stück die Ereignisse - freilich ohne Happy-End: „Man liebt sich sanft und leise / doch keiner liebt zurück / und niemand in dem Kreise / hat in der Liebe Glück / Sie leben und sie warten / sind traurig und verliebt / in diesem kleinen Garten / von dem es viele gibt". Erstaunlich, wie es Gerhard Schöne hier im Duett mit Laura Saleh - der Tochter seines langjährigen Freundes und Arrangeurs Karl-Heinz Saleh - gelingt, die differenzierten Verse für Kinder zugänglich zu machen. Auch Theodor Fontane kommt zu neuen Ehren: Seine bekannte Ballade vom „Herrn von Ribbeck zu Ribbeck auf Havelland" hat bei Schöne die Qualitäten eines alten Volkslieds - auch wenn die Musik gerade erst entstanden ist. Eltern, die Fontanes Ribbeck früher für die Schule auswendig lernen mußten, werden ihn jetzt erst richtig zu schätzen wissen und so schnell nicht mehr vergessen.
Jedes der 19 Lieder auf Gerhard Schönes jüngster Platte hält neue Überraschungen bereit; die Produktion hat tatsächlich die Qualitäten eines packenden Hörspiels. Nach einer Reihe eher träumerischer und immer wieder auch sehr lustiger Titel („Das verhexte Telefon" oder „Der kleine Regenwurm"), ziehen plötzlich dunkle Wolken auf: „Ich will Dich heut' nicht sehen", gerade erst vor drei Jahren von Bernhard Lins verfaßt, blickt tief in un-tröstliche Kinderseelen: „Ich will dich heut' nicht sehen / ich weiß, das klingt gemein / doch ich kann heute leider nicht / auf Knopfdruck lustig sein". Nach dem Seemannsgesang von der Hochseekuh beispielsweise und den köstlichen Berliner Betrachtungen eines waschechten Wieners folgt mit „Dämmerung" von Günter Bruno Fuchs ein sprödes, sehr geheimnisvolles Gedicht, das Gerhard Schöne bei der Zusammenstellung der Titel für seine neue Platte besonders am Herzen lag. Selbst wenn dieses Stück im Reigen der vielen aufmunternden Lieder des Albums eher eine Ausnahme bildet, so mag man doch darüber streiten, ob solch surreale, düstere Stimmungen sich überhaupt für eine Platte mit Kindermusik eignen. Andererseits: Auch in jungen Jahren sind wolkenlose Himmel auf Dauer nicht allzu interessant. So gesehen, gibt es für jeden, der sich Zeit für Gerhard Schöne nimmt, eine ganze Menge zu entdecken.
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