Nach dem 15-fach Platin-Gold-Rubin-Diamant-Album "Culcha Candela" war zu befürchten, dass Culcha Candela sich in die seichten Popgefilde verabschieden wird. Mit der Single "Schöne neue Welt" allerdings zeigten die Jungs sich erfreulicherweise wieder mal von ihrer kritischen Seite. Allerdings ist der Song musikalisch doch arg eintönig und hat wenig mit heißer Kultur zu tun.
Trotzdem stimmte mich die Singleauskopplung hoffnungsvoll, dass Culcha sich wieder eher Richtung "Union Verdadera" und "Next Generation" bewegen würde.
Einerseits wurde meine Hoffnung erfüllt, andererseits aber leider auch wieder enttäuscht.
Die positiven Seiten:
- Es wurden wieder mehr Instrumente (Bläser!) live eingespielt, was zu Culcha passt und dem Album Leben einhaucht
- Culchas früherer Exklusivproduzent Krutsch wurde wieder mit ins Boot geholt, was sich musikalisch meist positiv bemerkbar macht
- Textlich ging es tatsächlich eher bergauf; Äußerungen wie "Geile Sau" oder "ihr habt unsern Shit im Haus" Marke Kommerz und Selbstverleugnung finden sich Gott sei Dank nicht mehr auf "Schöne neue Welt"
Das Negative:
- Musikalisch ging sehr viel an Vielfalt verloren! Es gibt fast keinen typischen Reggae-, noch einen Reggaeton- oder Dancehallsong zu hören, von Soca oder ähnlich Exotischem ganz zu Schweigen. Vielmehr machen sich eintönige Pop- und HipHopbeats breit, die manchmal arg mainstreamig ausfallen ("Somma im Kiez"). Ausnahmen sind "I like it" und "Viva la vida".
- Stimmverzerrer sind meine Sache nicht, und bei Culcha erst recht nicht! Wer die Jungs schon mal accapella hat singen hören, weiß, dass es fast ein Verbrechen ist, diese tollen, facettenreichen Stimmen zu verfälschen. Unnötig!
- Leider gibt es wieder einen Totalausfall ("Manchmal"), der fast wie "Besonderer Tag" nichtssagend und schlicht langweilig ist. Und auch "Eiskalt", was von der Thematik her sehr an "Krayzee" erinnert, ist nah dran, von mir kategorisch geskippt zu werden.
- Sehr viele Songs (zumindest für Culcha-Verhältnisse) sind nur auf Deutsch; die Verschmelzung der Sprachen und Kulturen (was ja eigentlich der Reiz an Culcha ist) findet somit leider weniger oft Platz.
Fazit: Ironischerweise kommen vor allem beim Bonustrack "Viva la vida" bekannte Culcha-Gefühle auf. Früher wäre das der Titelsong des Albums plus erste Singleauskopplung gewesen; so aber kriegen nur eingefleischte Fans als Besitzer der exklusiven Albumversion mit, dass die Candeleros ihr Handwerkszeug nicht verlernt haben.
Es scheint, als hätte Culcha Candela versucht, sowohl Charthörer als auch "alte" Fans glücklich zu machen. Wegen mir könnten sie auf die erstere als Hörerschaft gern verzichten! Insgesamt gefällt mir das neue Werk aber doch ein wenig besser als "Culcha Candela". Hoffentlich haben sie mit diesem Album und den Singles kommerziell weniger Erfolg (hört sich hart an, wäre aber tatsächlich mein Wunsch), sodass sie wieder in der "Versenkung" verschwinden. Wobei "Versenkung" hier Kultur, Feuer und Kreativität bedeuten könnte. Es gibt schlimmeres.