Das schöne an den Kempowskis Büchern der "Deutschen Chronik" ist ja, dass man sie nicht chronologisch gelesen haben muß. Jedes Buch für sich ist, trotz der zeitlichen Einordnung, ein abgeschlossenes Werk.
Hier wird die Zeit zwischen dem Ende des 1. Weltkrieges bis 1939 geschildert. Karl und Grethe Kempowski, jung und naiv, beziehen zu Beginn der zanziger Jahre ihre erste eigene Wohnung in einem Arbeiterviertel von Rostock. Es herrscht Wohnungsnot. Die proletarische Welt in diesem Haus ist für die beiden "Bildungsbürger" ein Schock, den es zu erstmal zu verdauen gilt.
Karl, dem ungeliebten Sohn, gelingt es mehr schlecht als recht in der Firma seines Vaters Fuß zu fassen. Nach den einschneidenden Erlebnissen als Frontsoldat im 1. Weltkrieg, kommt er im zivilen Leben nicht mehr wirklich zurecht. So trifft er sich abends mit ehemaligen Veteranen um sein mangelndes Selbstwertgefühl wieder aufzurichten.
Das erste Kind wird geboren und kurz darauf auch das zweite und Karl und Grethe können endlich eine größere Wohnung ("leider nicht Beletage")im "richtigen" Viertel beziehen. In der Ehe arrangiert man sich so gut es geht. Das Leben der beiden ist geprägt durch die Liebe zu den gemeinsamen Kindern. Nach etwas längerer Zeit wird noch ein Nachzügler geboren, der "Peterpump" - Walter Kempowski.
An den gesellschaftlichen Ereignissen der Zeit nehmen sie nur am Rande teil. Zu groß ist die Enttäuschung über den verlorenen Krieg und die politischen Wirrnisse der Weimarer Republik. Karl, zeitlebens Monarchist, und Grethe, christlich-liberal, ziehen sich ins Privatleben -geprägt durch Literatur, Religion und Musik- zurück. Symbol für das Versagen des Bürgertums in dieser Zeit.
Nach dem kurzen wirtschaftlichen Aufschwung vor der Inflation und den schweren Jahren der Depression, erhoffen auch sie sich vorerst vom Nationalsozialismus eine durchgehende Verbesserung der Lebensverhältnisse, obwohl sie selber nie Nazis sind ("wie die Ascheimerleute" ).
Meisterhaft gelingt es Kempowski private Biografie und gesellschaftliche Entwicklung miteinander zu verbinden. Tragisches und Heiteres, Alltag und Geschichte stehen gleichwertig nebeneinander. Detailierte, ironisch distanzierte, aber nie langweilige Beschreibungen lassen die Zeit vor dem geistigen Auge des Lesers lebendig werden. Man ist wirklich mitten drin im Geschehen.
Geschichtsroman, Heimatroman (eine Liebeserklärung an Rostock im allerbesten Sinne!!), Lebens- und Liebesroman, Schwanengesang auf das deutsche Bürgertum, das alles vereint Kempowski als meisterliche Kollage in einem Buch.
Lesen, lesen, lesen !!!! Das ist meine Empfehlung.