„Ich vergaß mich wie sie, wir verirrten uns gemeinsam; was ich weiß, ist, daß wir in eine Art Abgrund stürzten, in dem ich mit ihrer Beihilfe versank und in dem ich noch wäre, wenn man nicht im Gegensatz zu dem, was gewöhnlich geschieht, äußerst stark sein müßte, um dort lange zu verweilen." - Romane wie Marquis de Sades „Justine", Giacomo Casanovas „Geschichte meines Lebens" oder Godard d'Aucours „Thémidore", aus dem das Eingangszitat stammt, sind Klassiker der erotischen Weltliteratur. Sie erzählen von amourösen Abenteuern, von Libertinage und hemmungsloser Leidenschaft, vom wechselseitigen Begehren der Geschlechter und der Sehnsucht nach völliger Paralyse in der rauschhaften Vereinigung mit dem anderen. Doch obwohl ihre Attraktivität ungebrochen zu sein sein, vermag man sich am Beginn des 21. Jahrhunderts nur schwerlich vorzustellen, wie das 18. der Liebe gefrönt hat, welche Spielarten es bevorzugt hat und wie ein flüchtiger Blick auf entblößte Haut überhaupt Faszination und Verzückung hat hervorrufen können. Zu sehr erscheint die Erotik unserer Zeit medialisiert und popularisiert, zu fremd andererseits die Epoche der Kostüme und Perücken. Der in Paris lebende Fotograf Alexandre Dupouy nimmt den Betrachter in „Scènes libertines" mit auf eine Reise durch das Zeitalter der Aufklärung. Anknüpfend an Passagen aus der erotischen Literatur Frankreichs und Italiens entwerfen seine geschickt und aufwendig komponierten Bilder ein Szenarium historischer Sinnenhaftigkeit, in dem Männern und Frauen ein Fest von Werbung und Unterwerfung, Überwältigung und Vereinigung feiern. Weißgepuderte Damen lösen die Fesseln ihres Korsetts oder heben frivol ihren Rock, um einem galanten Werber einen unverholenen Blick auf ihre Scham oder gar eine intime Annäherung zu gestatten. Dupouy legt in dem vorliegenden Band einmal mehr Zeugnis von seiner Faszination für das 18. Jahrhundert ab, das er als Wiege körperlicher Freizügigkeit begreift. Insofern ergänzen sich die „Scènes libertines" mit Vorgängerwerken wie den „Scènes d'interieur". Ob die fotografische Umsetzung der Vorbildstellen aus der Literatur gelungen ist oder nicht, das zu beurteilen, bleibt dem jeweiligen Betrachter überlassen. Die wechselseitige Bezogenheit von Bild und Text aber verleitet dazu, auch die Bücher wieder in die Hand zu nehmen, um gedanklich das weiterzuspinnen, wovon die Fotografien nur ein Streiflicht haben geben können.