Als im Hochsommer diesen Jahres die Musikgazetten ihre Lobeshymnen über The Arcade Fires anstehende Neuveröffentlichung "The Suburbs" ausschütteten, waren meine Erwartungen zweigeteilt: Große Vorfreude und gespannte Erwartung auf das Werk der vielköpfigen kanadisch-amerikanischen Indie-Kombo mischten sich mit Zweifeln, ob die intensive, immer irgendwie getrieben wirkende Energie des Vorgängers "Neon Bible" denn aufrecht erhalten - geschweige denn ausgebaut und verbessert - werden könnte. Doch das groß angelegte Konzeptalbum überzeugt auf ganzer Linie - Arcade Fire haben aus meiner Sicht für die nächsten Jahre Maßstäbe gesetzt und tatsächlich, wie vom Musik-Express angekündigt, "das erste große Indie-Album der 10er Jahre" geliefert. Das Bestechende dabei ist, dass die exzentrischen Multiinstrumentalisten um das "Frontpaar" Win Butler und Régine Chassagne auf "The Suburbs" ein musikalisch wie textlich in sich geschlossenes Rock-Kunstwerk abliefern, das im Vergleich zu seinem Vorgänger vielleicht nicht den auf den ersten "Blick" ins Ohr schmetternden Hit à la "Intervention" aufweist, aber gerade nach mehrmaligem Hören als Gesamtprodukt überzeugt, aber genau so auch eine Songperle nach der anderen enthält, die sich allesamt nach einiger Zeit auch als Einzelsongs im Gehörgang einnisten und da für einige Zeit nicht mehr herauszudrängen sein werden.
Das hat natürlich in erster Linie mit der großen atmosphärischen Varianz der Songs - von ruhig-melancholisch über hymnisch-heroisch bis getrieben-rockig - zu tun, aber zudem spielen auch das Textliche wie auch das Technische eine große Rolle. Mit letzterem Schlagwort sei vor allem auf Produktion und Arrangement verwiesen; deren Umsetzung sorgen nämlich dafür, dass die breit angelegten Klangteppiche der Band nie wabernd und breiig wirken, sondern immer völlig transparent und dynamisch ohne Ende wirken - wie schwierig das bei Bands mit so großer Instrumentalbesetzung ist, weiß jeder, der einmal selbst Hand an Musikaufnahmen gelegt hat.
Textlich überzeugen The Arcade Fire mit einfühlsamer und nie platter Gesellschaftskritik. Das Album setzt sich, wie der Titel es bereits erahnen lässt, mit dem (oft dysfunktionalen und langweiligen) Leben in der Vorstadt sowie dem Themenkomplex der modernen Zivilisation im Allgemeinen auseinander. Schilderungen der Langeweile des Lebens in der Vorstadt, die in Gewalt und (Selbst-)Zerstörung münden kann ("The Suburbs", "Suburban War"), Klagelieder über die Isolation und Entfremdung des modernen Menschen in der kapitalistischen Konsumgesellschaft ("Ready to Start", "Modern Man"), Songs über die geistige Verwahrlosung ("Rococo") oder das Nicht-Mehr-Vorhandensein junger Menschen in den (Vor-)Städten ("City with no Children") oder Einschätzungen der zunehmenden urbanen Zersiedelung in den USA ("Sprawl I und II") - solche auf feiner Beobachtungsgabe und tiefer eigener Empfindung basierenden Reflektionen über das Leben in Zeiten immer weiter zunehmender Urbanisierung haben bei The Arcade Fire immer auch eine durchaus differenzierte, ja intellektuell überzeugende Note. Sie legen den Finger in Wunden, die westliche Gesellschaften tatsächlich heute umtreiben, und somit sind sie in höchstem Grade relevant und sollten - auch und vor allem textlich-thematisch - gehört werden.
Dennoch bleiben sie vor allem eine Rock-Band, und zwar eine großartige, wie sie mit diesem Album endgültig beweisen können. Im Fokus sollten daher ihre Songs stehen, und die sind so variantenreich und überzeugend, dass sich ein Blick auf die einzelnen Stücke hier trotz des Konzeptalbumcharakters definitiv lohnt. Dabei beginnt das Album ganz unscheinbar: Der Titelsong shuffelt sich zuerst ohne rechten Höhepunkt im Midtempo durch die eingängige Akkordfolge, die nach und nach eine gewisse Spannung offenbart - doch sie löst sich nicht auf, der Song bleibt gewissermaßen in der Sphäre des Unbestimmten. Deutlich dynamischer geht es dann auf "Ready to Start" zu: ein typischer Arcade Fire-Rocker, kraftvoll und zugleich zutiefst verletzlich und schüchtern vorgetragen von Win Butler, während um ihn herum ein erstes Rock-Feuerwerk abgebrannt wird. Die Midtempo-Nummer "Modern Man" kommt da deutlich ruhiger und gesetzter daher, mit einem wunderschönen, verträumt-melancholischen Refrain. Mit "Rococo" liefern dann erstmals die Streicher-Spezialisten ein Meisterstück ab: Der bedrohlich anmutende Song kulminiert in einem minimalistischen Streicher-Motiv, das sofort im Ohr bleibt und trotzdem auch nach mehrmaligem Hören noch für Gänsehaut sorgt, gerade dank des dynamischen Steigerungslaufs, den dieser Song vollführt. Es folgt die erste von Régine Chassagnes glockenheller Stimme gesungene Nummer: "Empty Room" ist dabei ein hektischer Rocker, der Streichersounds mit genuin rockigen Elementen wie dem treibenden Bass und der E-Gitarre verbindet, deren Sound hier übrigens stark an die isländische Kult-Band Sigur Rós erinnert - ob hier nach dem Vorbild Jonsi Birgissons der Cello-Bogen an den elektrisch verstärkten Sechssaiter angelegt wurde? Es folgt mit "City with no Children" dynamischer, aber weniger hektischer Riff-Rock mit typischem Win Butler-Refrain, voller Inbrunst und emotionaler Intensität. Eine wunderschöne, langsame Nummer voller Melancholie liefert dann der im Duett der beiden Front-MusikerInnen vorgetragene Song "Half Light I". "Half Light II" stellt hierzu das Kontrastprogramm dar: Eine treibende Bass-Drum auf allen geraden Zählzeiten gibt das Tempo vor für die packende Rock-Hymne voller instrumentaler Gimmicks und Gänsehaut-Momente. Das Ganze entwickelt eine solche Intensität, dass das Ende dieses Songs - gerade in Anbetracht des folgenden Übergangs zu den geerdeten Gitarren-Arpeggios von "Suburban War" - tatsächlich den Charakter einer Zäsur hat, die das Album in ihre zwei Hälften teilt. Nach "Suburban War" erklingt nochmal hektischer Gitarren-Rock mit "Month of May", das - wenn man so will - "härteste" Stück der Scheibe. Darauf folgt eine Strecke von Tracks, die es - wohl durch die Länge des Albums bedingt - etwas schwerer haben, die Aufmerksamkeit des Hörers zu gewinnen. Gut möglich, dass es mir daher erscheint, als bildeten "Wasted Hours", "Deep Blue", "We Used to Wait" und "Sprawl I" die schwächste Phase des Albums. Mit dem extrem eingängigen "Sprawl II" liefert Régine Chassagne mit ihrer ultra-hohen und dabei immer wunderschönen Stimme nochmal ein echtes Highlight des Albums, ehe die orchestral angelegte Reprise des Titelsongs dem Album seinen würdigen Abschluss verleiht.
Arcade Fire haben es geschafft, all ihre Sträken, vom melancholischen Folkrock über wilde, intensive Indie-Kracher bis hin zu orchestralen Ausflügen auf "The Suburbs" zu bündeln und dabei auch textlich ein in sich geschlossenes Gesamtkunstwerk vorzulegen, das für den Indie-Rock definitv auf lange Sicht Maßstäbe setzen wird.