Was ist der Mensch nicht ein wunderbares Wesen, wankelmütig und wandelbar. Als ich die ersten Rezensionen zu "Scarsick" gelesen hatte, war ich mehr als nur abgeschreckt und ließ mich sogar zu einem "die kauf ich mir wahrscheinlich nicht" hinreißen. Als ich aber in die ersten Samples reinhören konnte, war ich mehr als nur gespannt auf die Musik - und bin wahrhaftig vom Saulus zum Paulus bekehrt. Vorweg: Die Scheibe ist erstaunlich gut, ich finde sie sogar fantastisch.
"Scarsick", der Opener, stimmt bereits heftig auf das Album ein. Scharf schmettert Gildenlöws Sprechgesang durch die Boxen, begleitet von treibenden Rhythmen und bretternden Gitarrenriffs. Der Song macht bereits Lust auf mehr, und der Chorus stimmt nachdenklich für den Rest des Albums. Ein gelungener Einstieg.
In "Spitfall" setzen sich PoS kritisch (und zwar auf musikalische Weise kritisch!) mit der HipHop- und Rap-Szene auseinander, enttarnen all die geheuchelte Da-Hood-Mentalität des Goldkettchen-Genres als puren Schein und Geldmaschine. Auch hier ist der Chorus bemerkenswert, da er sich vollkommen von dem Rest des Songs loslöst. Diese beiden ersten Songs zeigen bereits, wie PoS an ihr neues Album herangehen: Sie nehmen sich Grundgerüste gängiger Pop- und Rock-Songs der modernen Musikszene und setzen diesen den eigenen Stempel auf, der das gesamte Gefüge gehörig durcheinander wirbelt. Das macht sogar richtig Spaß, wenngleich der Sprechgesang manch arglosem Hörer erst einmal übel aufstoßen könnte.
Mit "Cribcage" führt uns die Band in seichtere Gewässer ohne banal zu wirken. Die Lyrics, einer der wirklichen Schwachpunkte des Albums, mögen als "direkter Appell" gemeint sein und daher einfach gestrickt sein, allerdings entbehren sie nicht einer gewissen unfreiwilligen Komik. Das ist schade, denn der Song hat unglaubliches Potential, sodass die unglückliche Textarbeit glücklicherweise marginal ins Gewicht fällt.
Der Song "Amerika" kommt so sachharin daher, dass es schon fast weh tut, ist in seiner satirischen Wirkung dadurch aber noch eine Ecke bissiger (und klingt nach 3 Durchläufen schon gar nicht mehr übel). Und in den Song haben die Schweden auch den ein oder anderen Gag versteckt, der einem unweigerlich ein Lächeln auf die Lippen zaubert.
"Disco Queen" ist wohl der große Stein des Anstoßes für die Kritiker. Laut einem Interview mit Daniel behandelt der Song ähnlich wie "In the Flesh" das Thema Missbrauch. Interessanterweise bedienen sich PoS dabei eine Beats, wie man ihn in den 70ern gerne unter der Discokugel vernahm - der Name ist also Programm. Hier allerdings findet Gildenlöw durchaus eine interessante Metaphorik in den Lyrics, wie eine Nadel in die Rillen der schwarzen Haut dringt; gemeint ist eine Vinyl-Platte aus den 70ern, und gleichzeitig ist das Thema "Vergewaltigung" angesprochen. Musikalisch ist der Song längst nicht auf den Upbeat beschränkt, sondern führt sehr rasch in die bekannten Düstergefilde der Schweden, wie man sie auch aus "Ashes" kennt. Dabei ist "Disco Queen" der wohl abwechslungsreichste Song auf dem neuen Album und hat einen furiosen Mittelteil, der jedem Progger eigentlich das Herz aufgehen lassen müsste. Ich gebe gerne zu, dass der Song mit Sicherheit auch gut auf den Beat verzichten könnte, und dadurch gewinnen würde - konzeptuell jedoch passt das Gewummere wiederum. Und irgendwo ist es herrlich zu hören, wie die Band geschickt aus der Pop-Falle heraus zu ihren Wurzeln findet.
Mit "Kingdom of Loss" wird der zweite Teil des Albums eingeläutet. Von nun an klingen die Songs eher wie Pain of Salvation, ohne weitere experimentelle Ausflüge in musikalische Klangwelten anderer Genres. Der erste Song des zweiten Teils ist ein Wunderwerk an Melodie und Harmonie und strahlt voller trauriger Momente, geradezu wie eine Elegie. Der Chorus ist erfüllt von einem beinahe zerbrechlichen Gesang - begleitet von sphärischem Flötenspiel - der unheimlich gut zu der textlichen Traurigkeit passt. Ganz groß!
Es folgt mit "Mrs Modern Mother Mary" der erste Song, der mich nicht ganz überzeugt. Zwar sind auch hier wieder druckvolle Momente vorhanden, und schlecht ist der Song bei weitem nicht, allerdings lässt er viel von dem Einfallsreichtum vermissen, den die anfänglichen Songs vorgegeben haben. Dennoch ist er im Rahmen des Konzepts wieder sehr schlüssig und erlaubt eine kleine Verschnaufpause.
Ein weiteres Highlight erster Kajüte ist dann "Idiocracy". Bedrohlich beginnt das Klangwerk, die Rhythmusabteilung hat alle Hände voll zu tun, um dem Hörer Schauer über den Rücken zu jagen. Die schon fast geisterhaften Gesänge tun dazu ihr übriges. Und schließlich bricht der Song in einem aufwühlenden Chorus (Balalaika inklusive!) auf zum großen Finale. Phänomenal!
Der wohl härteste Track des Albums ist "Flame to the Moth". Und hier muss ich zugeben ist Daniels Scream-Einlage wahrhaftig gewöhnungsbedürftig. Allerdings überzeugt der Song konzeptionell von vorne bis hinten und wartet mit interessanter Struktur und teilweise rasanten, bisweilen brisanten Melodien auf. Herrlich abwechslungsreich und raffiniert inszeniert.
"Enter Rain", der längste Track der Scheibe, passt wiederum vom Konzept her sehr gut, lässt mich aber ein wenig ratlos zurück, weil die Songstruktur nicht wirklich spannend ist. Die Melodie ist nett, plänkelt aber eher nebenbei daher. Da wir aber am Ende eines sehr düsteren und oft melancholisch angehauchten Albums sind, hat das auch wieder seine Berechtigung. Von daher passt der Song, aber für sich alleine ist er nicht unbedingt der große Wurf.
Von einem "schlechten" Album zu sprechen ist hier eindeutig fehl am Platz - Zu gut, druckvoll und einfallsreich ist die Produktion, in der die Bässe aus den Boxen knallen; geradezu perfekt der Gitarrensound, der immer noch sphärisch verklärt "Pain of Salvation" ist, und dennoch immer wieder Neues entdecken lässt; und der Gesang der Beteiligten ist einmal mehr fantasievoll und facettenreich gestaltet. "Scarsick" ist nicht die beste Platte von Pain of Salvation. Die Enttäuschung wird bei all denen groß sein, die erwartet haben, dass Pain of Salvation die Schublade "Prog-Metal" mit all ihrer Vielfalt nicht verlassen würden. Denn wie schon überall zu lesen war: Metallisch klingen hier die wenigsten Songs. Wen das nicht stört erhält einmal mehr ein großes Werk von großartigen Musikern, das bei jedem Durchlauf spannender und interessanter wird mit unglaublich faszinierenden Rhythmusspielereien und fröhlichen Soundexperimenten. Ich kann jedem abgeschreckten Fan nur dringend raten, sich von den Vorurteilen frei zu machen und die Musik wirken zu lassen, wie sie es verdient hat.