Ich kann verstehen, dass ein so gewagtes Projekt wie Ripleys verschiedene Meinungen und kritische Simmen heraufbeschwört. Ist es überhaupt rechtens, einen so großartigen Weltliteratur-Roman wie Margaret Mitchells "Vom Winde verweht" fortzusetzen? Schließlich hat die Autorin ihr Ende mit bedacht gewählt. Und das ganze dann auch noch in einer vollkommen anderen Zeit - Generationen später, mehr als 50 Jahre nach Erscheinung des Vorgängers?
Ripley war sehr mutig und stellte sich dieser Herausforderung. Ich finde, sie ist ganz und gar nicht gescheitert. Die Frage hierbei ist doch, wollen wir überhaupt eine Fortsetzung der Geschichte um Scarlett oder sind wir schon so sehr mit dieser geschichte und diesem Schicksal verwachsen, dass wir gar nicht WOLLEN, dass Scarlett sich ändert, so wie es die Zeiten auch tun?
Ripley lässt Scarlett reifen und erwachsen werden. Die Zeiten ändern sich, ihre Situation ändert sich und auch ihre Umgebung ändert sich. Am Ende bleibt nichts oder fast nichts von Mitchells Scarlett - aber warum auch? Wir haben hier eine der vielen Varianten wie sich Scarlett hätte weiterentwickeln können und ich finde, dies ist eine durchaus authentische!
Am Anfang des Buches finden wir sie noch - die zickige, starköpfige Scarlett, die denkt, sie braucht nur mit dem Finger zu schnippen und schon bekommt sie, was sie will. Wir erleben mit ihr die Bitterkeit des Lebens und wie sie eine schmerzliche Lehre nach der anderen erfährt. Wir erleben, wie sich Scarlett entwickelt. Zuerst beginnt sie tatsächlich, sich und ihr bisheriges Verhalten in Frage zu stellen.
Der Verweis auf ihre irischen Wurzeln, der landesbedingte, gesellschaftsbedingte Umbruch schafft eine solide und glaubwürdige Basis für ihren schließlichen, so tiefgehenden Wandel.
Und vielleicht haben manche Leser es nicht bemerkt - Ripley hat mit einer echten Detailgetreutheit gearbeitet, nicht nur, was die Vorlagen aus Mitchells Werk betraf, sondern auch bezüglich der Sitten, Gewohnheiten und historischen Fakten Irlands. Was Mitchell historisch in Vom Winde verweht anhand der Südstaaten darstellte, versucht Ripley hier anhand der irischen geschichte und deren Konflikte.
Das gelingt nicht schlecht, aber auch nicht mit Bravour, zeigt aber auch hier, dass sich Zeiten, Land und MENSCHEN eben ändern.
Ich finde die Wandlung Scarletts lässt Ripley sehr behutsam und authentisch von statten gehen.
Was die Kritik betrifft, Ripleys Schreibstil sei langweiliger als Mitchell, die Figuren farbloser, so kann ich darüber nur den Kopf schütteln - das empfinde ich ganz und gar nicht so. Ich finde, Ripley schreibt ebenfalls farbenfroh und echt- sie schreibt aber ANDERS als Mitchell.
Das Ende jedoch gefällt mir persönlich nur bedingt. Ich finde, die über 800 Seiten erhoffte und angestrebte Wiedervereinigung von Rhett und Scarlett geht zu aprubt und schnell von statten, inmitten des Chaos und Trubels einer Revolte, deren Entstehung man als Leser nicht wirklich gut nachvollziehen kann. Überhaupt finde ich, dass das Buch in den letzten Kapiteln inhaltlich schwächelt.
Ansonsten finde ich das Buch aber sehr, sehr gelungen!