Paul Muni ist der unbestrittene Star des Films - was für ein Vollblut-Schauspieler! Nach meinem Dafürhalten ist seine Verkörperung des Gangsterbosses Tony Camonte bis heute unübertroffen, und das will bei einer solch illustren Konkurrenz - de Niro, Pacino, Cagney, Robinson u.a. - ja nun einiges heißen. Am ehesten kommt noch Marlon Brando als Vito Corleone an ihn heran.
Was Muni von seinen Kollegen abhebt, ist die vielschichtige Interpretation. Er schafft es, einerseits die Rolle des "Klischee-Gangsters" auszufüllen, wie es die Leute sehen wollen - gewissenloser Italoamerikaner aus einfachen Verhältnissen boxt sich nach oben und wird dann größenwahnsinnig -, andererseits aber seinem Charakter so viele weitere Facetten zu verleihen, dass man wirklich sagen kann, dass hier zum ersten Mal ein Bösewicht als ganzheitliche Person, ja fast als Identifikationsfigur angeboten wird. Nicht umsonst dauerte es fast zwei Jahre, bis die Zensoren den Film in die Kinos ließen, und das auch nur, weil einige an Moral und Staatsbürgerpflicht erinnernde Szenen eingefügt worden waren und der Titel den Zusatz "The Shame Of The Nation" erhielt. Man darf nicht vergessen, dass der Film in einer Zeit erschien, in der die Prohibitions-Kriminalität tatsächlich noch gesellschaftliche Realität war, und offensichtlich fürchtete man, Al Capone könne durch sein offensichtliches Alter Ego Tony Camonte noch an Sympathie gewinnen.
Jahrzehnte, bevor das "method acting" populär wurde, sehen wir in Paul Muni einen Schauspieler, der sich vollständig in seine Rolle hinein lebt. Muni spielt Camonte nicht, er ist Camonte: sein schaukelnder, leicht gorillaartiger Gang, seine drollige Art des Grüßens, das schlitzohrige Grinsen - dies alles hat sich Muni für diese Rolle zurecht gelegt. Er begnügt sich nicht damit, einfach nur eine zerknitterte Visage in die Kamera zu halten und böse dreinzuschauen, sondern wechselt fast übergangslos zwischen der fast naiven Begeisterung eines Lausbuben und der Brutalität eines Straßenschlägers. Mit demselben Enthusiasmus, mit dem er sein erstes Maschinengewehr abfeuert, steigert er sich in die Handlung einer banalen Theateraufführung hinein. Mit derselben Macht- und Gewaltbesoffenheit, mit der er auf dem Weg nach oben zahllose Menschen umbringt, markiert er gegenüber seiner Schwester den scheinbar moralischen Beschützer.
Und Paul Muni bietet uns noch eine andere Facette, die wir in Gangsterfilmen so nicht gewohnt sind: er besitzt großes komödiantisches Talent. Die Szenen mit seinem trotteligen Sekretär Angelo sind umwerfend und machen Camonte noch menschlicher und eben nicht zur hirnlosen Bestie.
Viele hochkarätige Film-Gangster waren bzw. sind fast ihr Leben lang auf ihre Rolle festgelegt. Wenn sie keine Verbrecher spielen, so dann doch "artverwandte" Charaktere aus der Halbwelt: Casino-Besitzer, CIA-Leute, Pokerspieler, ansonsten bestenfalls Offiziere oder Detektive. Paul Muni musste dank seines Talents und seiner Wandlungsfähigkeit dieses nicht befürchten: Seinen Oscar gewann er 1935 für die Darstellung des Mediziners Louis Pasteur.