ZUM FILM:
Wenn man beachtet, welchen Status "Scarface" heute in aller Welt genießt, so kann man kaum glauben, dass er zum Zeitpunkt des Kinostarts - 1983 in den USA, 1984 in Deutschland - weder von den Kritikern noch vom Publikum übermäßig euphorisch aufgenommen wurde. Der Film konnte folglich auch an den Kinokassen keinen durchschlagenden Erfolg erzielen. Ich kann mich gut erinnern, dass sich damals zahlreiche Kritiken vor allem mit der Frage beschäftigten, wie häufig das Wort "fuck" im Film fallen würde. Ebenso thematisiert wurde der hohe Gewaltfaktor. Vor allem letzterer Umstand sorgte dafür, dass "Scarface" in Deutschland auf dem Index landete. Die Folge: Auf Video und DVD war über viele Jahre nur eine stark gekürzte Fassung frei erhältlich. Nur, wer nach Filmen fragte, die "unter dem Ladentisch" liegen würden, bekam tatsächlich die ungekürzte Fassung angeboten. Diese liegt nun auch erstmals frei verkäuflich auf Blu-Ray vor, da der Film im Mai 2011 vom Index genommen worden ist.
Bei all der Diskussion um den hohen Grat der Gewalt in "Scarface" darf man nicht vergessen, dass in erster Linie eine packende Geschichte vom Aufstieg (und Fall) des aus Kuba in die USA eingewanderten Gangsters Tony Montana erzählt wird. Diese Geschichte führt den "american dream" - vom Tellferwäscher zum Millionär - in Perfektion vor. Nur, dass der "american dream" des Tony Montana mit unzähligen Leichen garniert ist, die ihm bei seinem Aufstieg zum mächtigen Drogenboss im Wege stehen.
Brian De Palmas "Scarface" ist dabei keine grundsätzlich neue Geschichte. Sie wurde bereits 1932 von Howard Hawks inszeniert. Als De Palmas "Scarface" in den frühen 80ern ins Kino kam und, wie eingangs erwähnt, nicht wirklich überzeugen konnte, erinnerten sich plötzlich viele Leute an das "viel bessere Original". Heute, knapp 30 Jahre später, erinnert sich hingegen kaum mehr jemand an das Hawks-Original. Ich denke, dies beweist sehr anschaulich, wie gut De Palmas "Scarface"-Version tatsächlich ist. Der Film steht für sich alleine und erzählt eine fesselnde wie auch tragische Geschichte, die im wesentlichen von einem grandios aufgelegten Al Pacino getragen wird.
Die deutsche Synchronisation ist wirklich sehr gelungen. Trotzdem: Al Pacinos Performance wird noch beeindruckender, wenn man den mit seiner Rolle verbundenen spanischen bzw. kubanischen Dialekt hört. Tipp an alle Zuschauer: Zumindest einmal testweise die Sprachfassung wechseln.
ZUR BLU-RAY:
Das Bild ist wirklich eine Augenweide. Wer die DVD besitzt und das Blu-Ray-Bild sieht, wird die DVD postwendend einmotten oder verkaufen. Ich bin platt, wie scharf und detailliert das Bild über weite Strecken ist. Auch die Farbgebung ist sehr natürlich. Die größte Freude bereiten jedoch der sehr gelungene Schwarzwert und der zumindest gute Kontrast. Das Bild wirkt dadurch oftmals recht plastisch, wenngleich in dunklen Szenen öfters Details verlorengehen. Alles in allem kann man dem Bild in Anbetracht seines Alters eine überdurchschnittliche Qualität zusprechen.
Beim Ton sieht es hingegen nicht mehr ganz so gut aus. Der deutsche Ton liegt in DTS 2.0 = Stereo vor. Erschwerend kommt bei "Scarface" hinzu, dass das Basismaterial meines Wissens nach urspünglich eine Mono-Tonspur gewesen ist. Durch die 2.0-Tonspur werden zwar so etwas wie Stereoeffekte erzielt. Jedoch wirkt das mehr wie ein über zwei Kanäle ausgegebener Mono-Sound. Das Ergebnis enttäuscht zudem weitestgehend in Sachen Dynamik, Höhen und Bass.
Die englische DTS-HD 7.1-Tonspur klingt zwar räumlicher und frischer, ist jedoch auch von aktuellen Produktionen meilenweit entfernt. Vor allem sind für meinen Geschmack die Surrounds zu laut abgemischt, so dass man das Gefühl hat, einen Sound mit zu viel Hall zu hören. Merke: Auch der beste Upmix wird immer nur ein Kompromiss bleiben.
Ich besitze die für Sammler sicher interessante, limiterte Holzbox. Enthalten sind darin mehrere Bildkarten, mehrere Dollars mit Tony Montanas Konterfei, eine nachgebildete "green card" im Kreditkartenformat und ein schönes Booklet. Für Fans mindestens ebenso interessant ist das umfangreiche Bonusmaterial. In zahlreichen Dokumentationen wird detailliert auf die Entstehung von "Scarface" und dessen Entwicklung zu einem Kultfilm eingegangen. Besonders die 38-minütige Doku "Das Scarface-Phänomen" macht deutlich, wie stark der Film mittlerweile in der modernen Kultur verankert ist und wie oft er von anderen Stellen zitiert wird.
Eher dem Bereich "Spielerei" zuzuordnen ist die U-Control-Funktion. Ist diese während des Films aktiviert, kann man sich u.a. die Anzahl der gesprochenen F-Wörter und die Anzahl der abgeschossenen Patronen einblenden lassen. Die beiden Summen werden parallel zur Handlung aktualisiert.
FAZIT:
Der Film ist überragend! Die Blu-Ray kann hingegen nur beim Bild und beim Bonusmaterial weitestgehend überzeugen. So macht es eine große Freude, "Scarface" anzuschauen, jedoch weniger Freude, ihn auch anzuhören. Aufgrund des Ausgangsmaterials muss sich jedoch jeder Zuschauer im Klaren darüber sein: Besser wird der Film vermutlich nie klingen. Auch wenn das Ergebnis nicht brauschend ist.