Würden sie einen Roman lesen wollen, der von der Suche eines Rudels sehr ungewöhnlicher Piraten nach einem sehr großen Fisch erzählt? Sollten Sie aber.
China Miéville, der mit der bizarren Fantasy "Perdido Street Station" sowohl Kritiker als auch Leser begeistertete, ist zu klug, als dass er eine schlichte Fortsetzung dieses Romans veröffentlichen würde.
Statt dessen erzählt er ein neues, hinreissend größenwahnsinniges Abenteuer aus der Welt von Bas-Lag, das allerdings bereits auf den ersten Seiten den Stadtmoloch New Crobuzon, in welchem "Perdido Street Station" ausschließlich spielte, verlässt und erst auf den letzten Seiten den Rückweg dorthin antritt.
Bellis Coldwine, eine einstige Geliebte von Isak Dan der Grimnebulin, des Antihelden aus "Perdido Street Station" stellt fest, dass sie - wie alle Bekannte Isaks - von der Geheimpolizei gesucht wird und versucht einer Verhaftung zu entgehen, indem sie eine Stelle als Dolmetscherin in einer am anderen Ende der Welt gelegenen Kolonie antritt.
Auf der Überfahrt wird ihr Schiff jedoch von Piraten aufgebracht; so gerät sie in den schwimmenden Stadtstaat Armada, ein Konglomerat lose verbundener Schiffe; dort erhält sie aufgrund ihrer Sprachkenntnisse die Aufgabe, ein seltsames, offenbar Jahrhunderte altes Tagebuch zu übersetzen. Mit wachsendem Grauen entdeckt sie, dass das Tagebuch mit der Genauigkeit einer Bedienungsanleitung von der Jagd auf einen Avanc, einem mythischen Seeungeheuer berichtet.
Offenbar planen die Machthaber von Armada einen Fischzug der ganz besonderen Art...
Natürlich werden sich Miévilles Fans nur eines fragen: "Ist es wieder so gut?" Die Antwort lautet: Ja.
Wieder ertüftelt Miéville einen komplexen und überraschenden Plot (die Jagd auf den Avanc ist natürlich nur Mittel zu einem noch aberwitzigeren Zweck), wieder scheint der Roman vor Farbenpracht und Erfindungsfreude nur so zu bersten: Eine Rasse unterseeischer Kentauren (halb Mensch, halb riesige Krabbe,) ein Söldner, der seine Kindheit als einzig lebendiger Mensch (und daher als Pariah) in einer Stadt voller Untoter verbracht hat, eine humanoide Rasse, bei der nur ein Geschlecht über Intelligenz verfügt, ein Schwert, das die Wahrscheinlichkeit eines Treffers manipuliert und nicht zuletzt ein verliebter dampfgetriebener Cyborg. Auch sein Gefühl für Psychologie sowie der stakkatoartige, oft aber dennoch verblüffend lyrische Stil lassen Miéville weit aus den Niederungen des Sword-and-Sorcery-Unfugs heruasragen.
Am bemerkenswertesten ist aber Miévilles Skepsis gegenüber jeglicher Form von staatlicher Macht: Verrat, sagt sein Roman, kann die höchste Form der Treue sein...