Wenn man sich die Rezensionen auf dieser Seite so durchliest, stellt man fest, dass man gegenüber "A Scanner Darkly" offensichtlich keine neutrale Position beziehen kann. Entweder man liebt oder man hasst diesen Film. Und das ist auch kein Wunder: ohne hier viel wiederholen zu wollen, was bereits andere klar zum Ausdruck gebracht haben, muss man sich beim Kauf dieses Films vor allem über eines klar sein: Es handelt sich um KEINEN Mainstreamfilm. Das heißt nicht, dass er quasi zwangsweise "besser" ist, aber er ist in jedem Fall ungewöhnlich - und in diesem ganz speziellen Fall ist er tatsächlich besser. Kurze Zusammenfassung: Keanu Reeves spielt einen Undercovercop, der auf der Suche nach der Quelle der Droge "Substanz T" ist, welche sich schon seit langem im allgemeinen Umlauf befindet. Während seiner Ermittlungsarbeit wird er selbst zur Einnahme dieser Droge gezwungen, was letztendlich zu einer Spaltung seiner Persönlichkeit führt. Zugleich muss der Drogenfahnder Fred (so sein Deckname) sich selbst in Gestalt seiner Undercoveridentität Bob Arctor überwachen, was zu weiteren Verwirrungen führt... Es gibt nicht viel Spannendes an der Story, was man im eigentlichen Sinne "verraten" könnte, lediglich das Ende kommt etwas überraschend, wäre im Mainstreambereich aber vermutlich deutlich dramatischer inszeniert worden. Ansonsten sollte man sich, bevor man den Fernseher eiinschaltet, auf das Ansehen zahlreicher Dialoge zwischen den einzelnen Protagonisten einstellen, denn gesprochen wird wirklich viel. Wer jetzt schon sagt, dass könne nichts werden, braucht eigentlich gar nicht weiterzulesen. Alle anderen sollten sich ins Gedächtnis rufen, dass dieser Film auf einer Romanvorlage von Phillip K. Dick basiert (den man, nebenbei bemerkt, eben auch mögen muss), in welcher dieser seine eigenen Drogenerfahrungen sehr drastisch und für seine Verhältnisse ungewohnt realitätsnah verarbeitet. Es lohnt sich, das Buch zu lesen, bevor man den Film kauft: es ist eine erstklassige VERFILMUNG, und wer das Buch mag, wird den Film lieben - der Rückschluss dürfte wohl auf der Hand liegen. Es geht hier nicht um Spannung oder darum, dramaturgisch möglichst geschickt unterhalten zu werden. Dies soll das schlichte,tragische Leben einiger Drogenabhängiger wiedergeben, vermischt mit einem Spritzer der Paranoia und des bitteren Humors, der Phillip K. Dicks Werk zueigen ist. Besonders die Dialogszenen mit Arctors Freunden sind in dieser Hinsicht brilliant gespielt, Robert Downey Jr.s und Woddy Harrelsons Leistungen sind Hervorragend. Aber auch Reeves zeigt hier (wenigstens die meiste Zeit über) dass er durchaus mehr kann, als ihm allgemein an schauspielerischem Talent zugestanden wird. Das alles hat nichts mit Spannungskino zu tun: Es ist die leicht verzerrte Autobiographie eines Abhängigen - Dicks Widmung an dessen verstorbene/erkrankte Freunde am Ende des Films sollte dies hinreichend klar machen, sie ist auch im Roman zu finden.
Hat man sich mit der zwar schleppenden,aber dafür durchaus anspruchsvollen Handlung ersteinmal arrangiert, so gibt es noch ein zweites Element an Linklaters Film, welches die Zuschauer spaltet: Die Optik. Nun ja. Das hier eingesetzte Rotoscopingverfahren ist wohl ganz einfach Geschmackssache und in jedem Fall vollkommen ungewohnt. Von solch extremen Standpunkten wie "Die gedankliche Sicht Arctors soll visuell dargestellt werden" bis hin zu "Schmiererei, das Spiel der Darsteller ist nicht mehr zu erkennen" ist eigentlich alles zu hören. Meine Meinung: Zunächst sollte man wissen, dass letzterer Standpunkt Unsinn ist. Die Animatoren haben sich sehr viel Mühe gegeben, was man auch in jeder Sekunde des Films merkt, denn die schauspielerische Leistung der Darsteller leidet niemals unter dem Comic-Look. Wenn tatsächlich mal etwas vernachlässigt wurde (was selten vorkommt), dann ist das der Hintergrund, aber es ergibt sich immer ein stimmiges Gesamtbild. DER LOOK STÖRT ALSO NICHT. Frage ist jetzt noch, inwieweit er wirklich sinnvoll ist. Nun, das ist eine Frage, die zu beantworten jedem selbst überlassen bleibt. Ich persönlich sehe durchaus einen "psychologischen" Sinn dahinter, schließlich wird Linklater dieses Verfahren nicht nur des geilen Aussehens wegen gewählt haben (wäre auch etwas aufwendig gewesen - mal das Making-of ansehen)...
FAZIT: Wer dazu bereit ist, ein wenig Action und Spannung zu opfern, um sich einen anspruchsvollen Film über Drogenabhängige, die Folgen von Drogen und die Gesellschaft, in welcher diese entstehen, anzusehen, der sollte zugreifen. Ein gewisser Hang zum experimenntellen wird evtl. voraußgesetzt, da der Look so ungewohnt ist. Für Liebhaber von PKD und Kenner des Buches(und zu diesen zähle ich mich) ist "A Scanner Darkly" ohnehin ein Pflichtkauf: Linklater hat das "Dick-Feeling", auch in Bezug auf diesen Roman, perfekt umgesetzt. Das allein hätte für fünf Sterne gereicht, doch mit den richtigen Erwartungen ist der Film auch so sehr gut. ABRATEN würde ich all denjenigen, die einen zu hohen Spannungsbogen voraussetzen oder Filme mit vielen Dialogen bzw. unngewohnter Optik prinzipiell nicht mögen. Allgemein sollte man davon ausgehen, dass hier die Figuren, nicht die Dramatik im Vordergrund stehen. Wer also noch schnell was "Ungewöhnliches" für den nächsten DVD-Abend sucht: Finger weg!