Da wieder im Saft stand das Jahr,
Kam Christus der Tiger
(T.S.Eliot "Gerontion")
Wenn man die Erinnerung nur entwirren könnte, hätte man einen Faden in der Hand, der direkt in die Unendlichkeit führen würde. Nun, in diesem Roman über das Alter, oder die Begegnung mit dem Alter, lässt sich auch eine neue Jugend finden, eine Ewige.
In diesem Roman über eine Freundschaft sind zwei Männer lebenslang miteinander verbunden, weil der Vater des einen Mannes zu ihm sagte, als er noch ein Kind war, dass einmal ein anderes Kind für ihn sterben wird. Während die Mutter des anderen Mannes zu diesem als Kind sagte, das eben dieser Freund von ihm, an seiner Stelle einst sterben wird.
In diesem Roman über den geheimen Einfluss der einen Generation auf die Nächste, über die Last der Versprechen der Eltern auf die Kinder... Über die Torheit des Alters... Über das Verhältnis der Japaner zu ihrem Staat. Über die Frage, ob das heutige Japan bald verschwinden wird. Über die Frage, ob sich der poetische Gehalt eines Textes daran misst, wie sehr er einem zum Denken anregt. Über das Austreiben böser Geister durch Literatur, und inwiefern dieses mit der Frage des Erzähl-Stils, der Art Wörter zu verwenden, dem Selbstverständnis als Schriftsteller, Architekten, Regisseurs... verbunden ist.
In diesem Roman darüber, wie ein Mensch in der Nähe eines anderen das Gefühl dafür verlieren kann, wer er eigentlich ist. Darüber wie sich Leser gegen über Dichtern oft unterwürfig verhalten und auch darüber, dass wir so sind, wie wir einen Text interpretieren...
In diesem Roman darüber sich den Anfängergeist zu bewahren, immer wieder erneut staunend von der Seite der Kunst zurück aufs Leben und vom Leben zurück auf die Kunst zu schauen, um durch das Erfahren der so in einem entstehenden Bewegung, sich für Gedanken an die Zukunft und die Schönheit zu öffnen.
In diesem Roman, in dem das ineinander verschlungene Leben verschiedener Menschen zum Vorschein tritt, dadurch das ihre Gespräche, die sie miteinander führen ihnen auch im Nachhinein vorgespielt werden, so dass sie sie beliebig kommentieren und möglicherweise sogar noch abändern können...
In diesem so in alle Richtungen jederzeit völlig offenen Roman wird das Leben, aufgelöst in sich ständig wieder neu und anders zueinander anordnenden Beziehungsgeflechten, auf einen Autor, der Teil der Handlung ist, zurückgespiegelt. In einem gewissen Sinne beschweren sich die auftretenden Freunde beim Autor, wieso er nie in der Lage war wirklich über sie zu schreiben. Der Clou ist dabei, dass er vielleicht gerade auf diese Art nun einen Weg findet endlich über sie zu schreiben, ohne sie vorher durch sich selbst hindurch filtern zu müssen. Hier werden Fragen weitergedacht, bei denen die europäische Literatur, etwa bei Beckett oder Pirandello, stehen geblieben ist. Existiert das eine Wesen nicht immer nur in dem Robinson-Sinne, in dem ein anderes Wesen es auf eine bestimmte Art wahrnimmt?
Das Leben ist offenbar nichts anderes als die Art, auf die in einer Geschichte immer noch eine andere zum Vorschein kommt. Die Art, auf die ein Mensch von einem anderen besessen ist, oder eben auch frei ist, von einer solchen Besessenheit. Und ein Mensch, der wirklich in Angesicht der Wahrnehmung eines solchen Lebens lebt, besitzt bereits eine neue nun entstehende Art von dramaturgischen Bewusstsein.
Fraktale können auf viele verschiedene Arten erzeugt werden, doch alle Verfahren enthalten ein rekursives Vorgehen. So wird auch in diesem Roman eine bestimmte Ausgangssituation immer wieder auf sich selbst zurückgewendet. Dies ist die Struktur dieses Romans, die ihn selbst hervor zu bringen scheint. Es handelt sich dabei um eine literarische Technik, die dieser Autor in seinem gesamten Werk bereits dabei ist zu ergründen und bei der die Grenzen zwischen Roman und Wirklichkeit mehr und mehr verschwimmen, sich verästeln. Ist es nicht gerade dieses Muster der Selbstähnlichkeit, welches jetzt alle Menschen als Teil von aufeinander bezogenen Gruppen innerhalb von Gruppen, ihre Interdependenz bewusst werden lässt?
Der Verrat an der freien Sprache, oder: Die Autorität der akademischen Sprache, ist die einer toten Sprache. Auch darum geht es hier, nicht zuletzt.