Sax oder nie! - Die Bekenntnisse des Johnny Controlletti, Panama Publications, 2007
ISBN: 9-783936732030
Umfang: 297 Seiten
Preis: 19,90 Euro
von Fred Schmidtlein - House of Rock:
Weitestgehend ohne Fiktion kommt unser dritter Tipp aus, schließlich erzählt der Musiker Olaf Kübler sein Leben. "Sax oder nie! - Die Bekenntnisse des Johnny Controlletti" hat er seine Biographie genannt, die so ähnlich bereits 1996 unter dem Titel "Klartext / Voll daneben" erschien, damals als Duett mit Gerhard Augustin. Dieser wiederum hat seine Erlebnisse mit AMON DÜÜL II, Ike Turner und all den anderen Verrückten vor drei Jahren als "Der Pate des Krautrock" präsentiert und dabei auch Teile des nun vorliegenden "Sax oder nie!" verwendet. Ein paar Überschneidungen also, aber das macht nichts, denn andere Anekdoten sind entweder neu oder aus der Sicht Küblers beschrieben.
Olaf Kübler, geboren in Gießen (aka Shanghai an der Lahn) und heute 70 Jahre alt, ist bekanntermaßen und ohne Widerspruch einer der wichtigsten Saxophonisten der Nachkriegszeit, kommt aus dem Jazz und mutierte ab den späten Sechzigern zum Rock'n'Roller mit Ausflügen ins Geschäftsleben. Als Manager und Produzent von AMON DÜÜL II, viel gebuchter Studiomusiker und letztendlich langjähriger Sax-Mann in Lindenbergs PANIKORCHESTER ließ er ähnlich wie sein Freund Augustin wenige Joints ungeraucht, höchstens die Seitenlinien von Fußballplätzen ungeschnupft und kaum ein Glas mit Inhalt alt werden - es waren halt wilde Zeiten und der Rock'n'Roll hatte noch den herrlichen Geruch eines ausgestreckten Mittelfingers, von dem man nicht weiß, wo er vorher gesteckt hat.
Jahrzehnte später kommen einem die alten Geschichten natürlich wie ein Schwarzweißfilm vor, viele Protagonisten sind längst tot und vergessen, andere sieht man nach "Sax oder nie!" in einem neuen Licht. Küblers bizarre Zeit in verschiedenen Jazzkapellen, seine noch bizarrere Begegnung mit Elvis, der Umzug nach München und die Eroberung des legendären Clubs "Domicile" und der Münchner Studios macht großen Spaß, auch wenn gerade die Entwicklung zum "Musik-Mogul" in München etwas grobkörnig und ohne ein paar womöglich wissenswerte Details erzählt wird. Der Aufstieg kommt dem Leser arg schnell und reibungslos vor, aber vielleicht litt Kübler seinerzeit an Heuschnupfen und kann sich nicht mehr an alles erinnern, was unter seinem "Baum Nummer 7" im Biergarten am Chinesischen Turm alles passiert ist. Auf jeden Fall sind die Ereignisse mit und um die Chaoten AMON DÜÜL II einmal mehr (s. a. Gerhard Augustin) anschaulich beschrieben und man wundert sich nicht, dass die Auftritte des DÜÜL-Überlebenden Chris Karrer bis heute eine absurde Dramatik haben (zuletzt gesehen bei einem Konzert von GURU GURU, bei dem Karrer mit großer Entourage gottgleich erschien und als Gast auf der Bühne seltsame Geigentöne produzierte - so ganz von dieser Welt waren die Düülisten nie).
Kübler ist ein toller Erzähler mit jeder Menge Wortwitz, was ihn zum Stichwortgeber für Lindenberg werden ließ. Viele Lindi-Jünger werden bis heute nicht wissen, dass wesentliche Sprüche aus dem Frühwerk des just wiedererstandenen Nuschelkönigs ursprünglich von Kübler kreiert wurden, Udo sie aber gerne und skrupellos für sich reklamierte. Dass es darüber später sogar zu einem anwaltlichen Vergleich kam, dürfte ebenfalls weitgehend unbekannt sein. Tja, der Udo war schon ein lustiges Kerlchen'
Äußerst amüsant sind auch die Geschichten um Willy Michl, der vor dreißig Jahren ein cooler Blueser war und heute als Isarindianer für Stirnrunzeln sorgt. Daneben tauchen natürlich viele alte Bekannte auf, einige davon werden nie zu Küblers besten Freunden zählen, andere wären Stoff für eigene Biographien.
Ein klasse Buch, das sich in einem Rutsch weg liest und Inspiration gibt, sich die eine oder andere lange nicht mehr gehörte Platte aufzulegen.
Schönen Urlaub auf Balkonien, dem örtlichen Baggersee oder wo auch immer!