Aus der Amazon.de-Redaktion
Ursprünglich als TV-Zweiteiler geplant, liebäugelt Regisseur Carlo Rola mit dem Gangsterepos, bleibt aber auf halbem Weg in melodramatischen Gefilden stecken. Zumindest hat man kaum Kosten gescheut, um das Berlin der 20er-Jahre wiederauferstehen zu lassen. Dabei orientierte man sich weniger an einer historisch exakten Rekonstruktion als vielmehr am Mythos der damaligen Weltmetropole. Das legendäre Gangsternest Mulackritze in der hügellosen Spandauer Vorstadt befindet sich neben einer steil ansteigenden Treppe, und überhaupt fühlt man sich architektonisch eher an die k. u. k. Monarchie erinnert als ans Wilhelminische Preußen. Kein Wunder, wurden die Außenaufnahmen doch in Prag gedreht.
Erzählt wird die Geschichte zweier Aufsteiger, die zunächst aus schierer Verzweiflung im Finanzamt einbrechen und schließlich Geschmack an der Sache finden. Als hedonistische Parvenüs ziehen Ben Becker und Jürgen Vogel durch die Berliner Salons, hübschen Damen gegenüber kehrt man den Gangster heraus: "Gestatten, wir sind Einbrecher". Die Polizei ist hilflos, und nach einem besonders gewagten Coup werden die Brüder praktisch über Nacht zu Berühmtheiten. Doch dort oben ist die Luft dünner. Die Unterwelt fordert ihren Tribut, und dummerweise legt man sich gerade mit den künftigen Machthabern an -- den Nazis.
Carlo Rola geht es nicht um Authentizität sondern um große Gefühle, "Bigger than Life", unverhohlen angelehnt an amerikanische Ausstattungsfilme. Und tatsächlich: amerikanisch der Verzicht auf eine langwierige Exposition, flott das Erzähltempo, überlebensgroß die Stars. Und amerikanisch letztlich auch die Geschichte von zwei Berliner Jungs, die ihrer Stadt einen Hauch von Chicago verliehen. --Thomas Reuthebuch
Produktbeschreibungen
Video Jakob Kurzinhalt
Movieman.de
Moviemans Kommentar zur DVD: Ein stabiles und rauscharmes Bild, eine umfassende Akustik mit ein paar kleinen Transparenzmankos und eine üppige Extraausstattung belegen eine erfreuliche Disc-Produktion, bei der einzig der Menü-Aufbau etwas zu langwierig ist. Der Audiokommentar reflektiert die effektive und spaßige Zusammenarbeit von Schauspielern und Regisseur und sogar ein gestelltes Casting mit Opfer Ben Becker aus "Versteckte Kamera" ist enthalten. Der Film zeichnet liebe- und detailvoll die 20er Jahre in Berlin nach und bietet neben köstlichem Wortwitz einen spielfreudigen Jürgen Vogel, der erleichtert scheint, einmal nicht den Depressiven geben zu müssen. Typen-Komödie von Feinsten.MO
Bild: Die anamorphe CinemaScope-Abtastung hinterläßt einen guten Eindruck. Eine hohe Rauscharmut und ein feinsinniges Colorgrading sorgen im Zusammenspiel mit einem fast perfekt tarierten Kontrast für ein lebendiges Bild. Nur in der Artefaktfrage ist die Disc nicht ganz optimal. Sich bewegende Gesichter verlieren oft ein wenig an Schärfe und ziehen dezent, aber merklich nach (00.11.18). Dagegen bleiben dunkle Objekte vor dunklem Hintergrund sehr stabil (00:10:21, dunkler Flur, dunkle Anzüge). Die Tiefe der Schärfe reicht nicht ganz für ein "Sehr gut", liefert aber eine freundliche Detailauflösung.
Ton: Ein vitales Klangbild, dem zuweilen wegen leichter Höhenarmut ein wenig die griffige Transparenz fehlt. Glasklar sind nur einzelne Momente der Tonspur, etwa das oft im Soundtrack verwendete Banjo (00.03.55). In der Musik wird auch ein leicht über-intesiver Bass geboten, der etwa die Tuben leicht verzerrt abbildet (00.06.20). Auch an Weiträumigkeit mangelt es der Kulisse nicht, d.h. die Kanäle werden sinnvoll angesteuert, auch im Rearbereich- nur fehlen halt ein wenig die Höhen... --movieman.de
VideoMarkt
Video.de
Blickpunkt: Film
Franz und Erich Sass hießen die beiden Ganoven, die im Berlin der Roaring Twenties den Gesetzeshütern ein ums andere Mal ein Schnippchen schlugen, unter anderem deshalb, weil die Brüder die ersten waren, die bei ihrer 'Arbeit' einen Schneidbrenner benutzten. Ihre Karriere fand schließlich am 27. März 1940 ein jähes Ende, als sie von der Gestapo in Sachsenhausen erschossen wurden. Nun hat der versierte TV-Regisseur Carlo Rola, der insbesondere durch die populäre Iris-Berben-Reihe 'Rosa Roth' bekannt wurde, dem Geschwister-Paar in Spielfilmform ein Denkmal gesetzt und so vor der völligen Vergessenheit bewahrt. 'Sass' ist allerdings keine reine Rififi-Geschichte. Zwar darf man dem Duo auch über die Schultern schauen, wenn es Gräben buddelt, mit allerlei modernem Werkzeug Panzerschränke öffnet oder mittels Wasserdruck Tresore zum Bersten bringt. Aber Rola nimmt sich darüber hinaus viel Zeit für seine (Haupt-)Figuren - für den cleveren, wortgewandten Franz (Ben Becker als eleganter Charmeur und Herzensbrecher) ebenso wie für den naiven, aber technisch beschlagenen Erich (Jürgen Vogel als trottelig-naiver Spitzbube) und deren Beziehung zu ihren Eltern (treffend besetzt: Otto Sander & Karin Baal), zu den Polizisten (bedauernswert: Henry Hübchen als Kriminalsekretär), die sie erfolglos verfolgen und zu den Frauen (mal mondän: Jeanette Hain, mal verführerisch: Julia Richter), in die sie sich erfolgreich verlieben. In diesen ruhigen, ja fast beschaulichen Szenen wechselt 'Sass' allmählich vom Krimi, von der Räuberpistole ins waschechte Melodram, das in seinen bewegendsten Momenten an die episch breite Erzählkunst eines Sergio Leone erinnert.
Natürlich kann und will Rolas Werk kein zweites 'Es war einmal in Amerika' sein. Dennoch entsteht dank einer exquisiten Ausstattung, detailgenauen Kostümen und der virtuosen Kameraarbeit von Bundesfilmpreisträger Martin Langer ('14 Tage Lebenslänglich') ein adäquates, atmosphärisch dichtes Bild vom Berlin der wilden Zwanziger. Und wenn Ben Becker und Jürgen Vogel am Ende im Kugelhagel der Nazi-Schergen (und in Zeitlupe) ihr Leben lassen müssen, denkt man unwillkürlich an Butch Cassidy und Sundance Kid alias Paul Newman und Robert Redford, die einst in George Roy Hills Western-Klassiker 'Zwei Banditen' im Sperrfeuer der bolivianischen Miliz einen heldenhaften Tod starben. Gauner ist schließlich gleich Gauner, egal, ob in Hollywood oder in Babelsberg. Doch bei allem Respekt gegenüber dem amerikanischen Kino erzählt Rola - ähnlich wie in seinem Kino-Erstling 'Peanuts - Die Bank zahlt alles' (1995), der das Leben des Pleite-Milliardärs Jürgen Schneider thematisierte - auch hier eine durch und durch deutsche Geschichte, die Vergleiche mit Al Capone oder Lucky Luciano nur bedingt zulässt.
Nun bleibt abzuwarten, ob Constantin, wohl noch immer berauscht vom Kassenhit 'Der Schuh des Manitu', die richtige Marketing-Strategie findet, um ein nationales Interesse am dem raubenden Brüderpaar zu wecken. lasso.