"Sarrazin. Eine deutsche Debatte" ist eine ausgesprochen breite Sammlung an Texten zur Debatte um das Buch "Deutschland schafft sich ab" von Thilo Sarrazin. Es enthält über 50 Interviews, Kurzberichte, Leitartikel, Artikel aus Print- und Online-Medien, die mal Polemik, mal Kritik, mal Unterstützung und mal ausgeprägte Analyse zum Ausdruck bringen. Die Sammlung erhebt nicht den Anspruch der Vollzähligkeit und reicht vom 26. August 2010 bis zum 14. Oktober 2010. Autor/-in, Titel, Medium und Erscheinungsdatum werden jeweils klar angegeben. Im angefügten Autorenverzeichnis werden sämtliche Autoren/-innen noch einmal aufgeführt und dabei mit ihrem jeweiligen Geburtsjahrgang, dem beruflichen Hintergrund und den entsprechenden Medien, für die sie schreiben, benannt. Herausgeber ist die 2008 vom VDZ (Verband Deutscher Zeitschriftenverleger) gegründete Deutschlandstiftung Integration, die lediglich im kurzen Vorwort Stellung bezieht und die sogenannte "Sarrazin- Debatte" als einen Beitrag zur Inetgrationsdiskussion ansieht.
Das Kompendium selbst macht deutlich, dass es wenig hilfreich ist, bei der Integration und der Bewertung des Buches von Thilo Sarrazin auf die üblichen Schwarz-Weiß- Reflexe zurückzugreifen; es wird vielmehr sichtbar, dass die Thematik der Integration von Menschen in Deutschland zu komplex ist, als nach einfachen Lösungen zu suchen. Vor allem machen die Beiträge klar, dass auch ein "Verschleiern" bzw. "Schönreden" von Zuständen bzw. Misständen wenig förderlich sind. Und man wird sich immer wieder dabei ertappen, dass man sowohl dem einen, als auch anderen Argumentationssträngen folgen könnte.
Für mich ist die Stärke des Buches, dass hier sowohl von der Herkunft, dem Alter und von der (partei-) politischenden Ausrichtung der Autoren/-innen her als auch von der jeweiligen politischen Prägung des jeweiligen Mediums her ganz unterschiedliche Positionen berücksichtigt worden sind; auch wenn ich Auszüge aus "DIE ZEIT"- Artikeln vermisse. Diese wären wohl zu ausführlich gewesen. Sonst aber lässt sich das Buch sehr gut lesen und verdeutlicht nicht nur die Schwierigkeiten in der Diskussion um Integration, sondern macht auch klar, wie die Meinungsbildung in Deutschland von Medien geprägt wird. Insbesondere der Aspekt, dass viele Beteiligte nur die Auszüge und nicht das Buch als Ganzes gelesen haben, wirkt offenbarend. So müssen sich wohl auch viele Autoren/-innen und Politiker/-innen fragen, inwieweit sie mit ihren Äußerungen die Debatte unnötig - und teilweise in eine Richtung weisend - geschürt, eine Plattform geboten haben und damit einer Polarisierung Vorschub geleistet haben, welche keine vernünftige Auseinandersetzung mehr ermöglicht. So stellen die Artikel des Buches die Debatte in einen breiteren zeitlichen Kontext und machen auf politische Versäumnisse aufmerksam, die jeder politischen Strömung anzulasten ist. Von daher ist das Buch aber auch zukunftsgerichtet und lässt einen mit diversen Argumenten und Vorschlägen zurück, die man weiter in der alltäglichen Auseinandersetzung einbringen kann. Deutschland ist nicht mehr schwarz- weiß, sondern bunt. Und bezogen auf die Flagge könnte man sagen: aller guten Dinge sind mindestens 3: schwarz - rot - gold! Und wer letzten Endes sich darunter wie als deutsche Bürger/-innen wie auch immer identifizieren kann, sollte vernünftig diskutiert werden. Wer Unterschiede total nivelliert, tut sich genauso wenig einen Gefallen, wie derjenige, der keinen gemeinsamen Nenner mehr sucht - und sei es nur der "kleinste gemeinsame Nenner"!
Dieses Buch ist ein Muss für alle, die mitdiskutieren wollen und an einer integrativen Gestaltung Deutschlands interessiert sind. Und vor allem: man sollte dieses Buch ganz - und nicht nur in Auszügen - lesen, lesen, lesen - und diskutieren!