Das Sargassomeer ist kein Meer wie jedes andere. Seine Tiefen sind endlos, durchsetzt vom Vielen. Von Wahn, & Tod & Verderben. Von Voodoo & Obeah. Von einer Liebe, die grausam ist, & immer grausam.
Es ist ein Tropenfieber in diesem Buch, in dieser Bertha Rochester, die eigentlich Antoinette Cosway ist, die kreolische Halbweise, die in Jamaika aufwächst, & das in einer Zeit des Umbruchs. In der Mitte des 19. Jahrhunderts: Die Sklaven sind frei, - ich weiß nicht, ob sich das schon bisher rumgesprochen hat. Sie gehen durch die Hitze der Welt, die Befreiten, & streuen dunkle Geheimnisse zwischen die Worte, sie rupfen an dir mit ihrem Lachen, sie zerren dich durch die Straßen mit ihren Gerüchten. Das, was sich Rassismus nennt, wird zum zweischneidigen Schwert, - es lässt sich von Schwarzen & Weißen gleichermaßen benutzen. Keiner ist mehr unschuldig. Es gibt keine Vergebung, nicht in der Karibik, nicht zu dieser Zeit.
Die Welt, in der Antoinette aufwächst, ist geprägt von einem unheimlichen Zauber, von einer Exotik, die so satt & reif ist, dass sie bitter schmeckt, & vergoren. Die Amme, die keine Amme ist, umgibt der Schrecken der Obeah-Frauen; das ist eine, die streut Pulver über die Türschwellen & rollt mit den Augen. & die Mutter? Die verliert alles, zuerst ihre Habe, dann ihr Herz, ihre Kinder & schließlich den Verstand. Der Vater ist ein Geist, wie auch Gott ein Geist ist, & der Rest der Welt bleibt nur ein ferner Traum. Eine Drohung, überall. Durchwirkt von Prophezeiungen, die unaussprechlich sind. Der Tod, - danach sehnt sich das übervolle Leben.
Aber was tun? Antoinette will gesunden. Sie will lieben, um jeden Preis, & ihre Liebe führt sie zu einem, der verflucht wird aufgrund seiner Kälte, - Edward Rochester. Er ist der Inbegriff des englischen Gentlemans. Er kommt in ein Land, das fremd ist, durch das er erkrankt an einem Fieber, das selbst Jane Eyre Jahre später in ihm wiederfinden wird. Er nimmt sich Antoinette, man weiß nicht weswegen, - nur die Befreiten reden. Sie sehen & wissen, sie können das Lachen nicht verstecken. & die Schwüle senkt sich über die Zeilen. Das Feuer. Der Tod. Wer Jane Eyre kennt, weiß, was aus den Rochesters wird, was ihnen widerfährt. Im fernen England. Es ist ein Schicksal, das einen nicht loslässt.
"Sargassomeer" liest sich schnell; ich habe es innerhalb eines Tages schier verschlungen. Jean Rhys Sprache, übersetzt von Anna Leube, hat einen Rhythmus & einen Klang, einen Mythos fast, der einen durch die Seiten jagt. Die Ebenen des Buches sind erstaunlich vielseitig. Es lässt sich wie eine klassische Liebesgeschichte lesen, wie eine Biographie der Sehnsucht, & doch ist es auch wie ein Alptraum, aus dem man nicht erwachen kann. Es ist eine Geschichte über eine untergegangene Welt, in der es noch Geister & Zombies gibt, die an verwunschenen Orten wüten. Geister, die Unglück bringen & nichts als Unglück. Die Geheimnisse sind finster, sie schrecken die Nächte & färben selbst noch die blausten Tage dunkel.
Der Konflikt, der durch Rochester entsteht, der in diese karibische Welt eindringt, der versucht, sie zu ergründen, - er will sie alle, diese Geheimnisse, - ist fast schon sinnlich in seiner Gewaltätigkeit. Man kann "Sargassomeer" als eine Geschichte eines Eroberers lesen, der sein Land verlor, & der es zurückwill, der den Zauber begehrt, welcher der Wildheit des Landes zu eigen ist, & der ihn nicht bekommt, der ihn verschlingt, & schließlich zerstört. Es ist eine Geschichte über Klatsch & Tratsch, über Missgunst. Die Verbindung zu Charlotte Brontës "Jane Eyre" ist großartig, & es lohnt, beide Bücher zu lesen, vielleicht sogar hintereinander. Während Bertha Rochester in "Jane Eyre" nur schlicht die arme Irre unter dem Dach ist, wird sie in "Sargassomeer" zur wahnsinnigen Kämpferin, zu einer Anti-Heldin, einer lebendigen Frau, die vom Leben nicht verschont wird, & deren Zauber im Erinnern liegt, & ihre Erlösung im Vergessen, - Antoinette Cosway. Es ist die Geschichte einer Gesellschaft, die keine Auswege mehr kennt, die sich stattdessen verliert in einem Irrgarten aus Begehren & Wut, Finsternis & Sehnsucht.
Dieses Buch hat es nicht verdient, vergessen zu werden. Im Gegenteil. Es sollte gelesen, gelesen, gelesen werden. Sofort. Absolute Empfehlung!