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Sarajevo Marlboro
 
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Sarajevo Marlboro [Gebundene Ausgabe]

Miljenko Jergovic
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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 176 Seiten
  • Verlag: Schöffling; Auflage: 1 (11. März 2009)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3895613924
  • ISBN-13: 978-3895613920
  • Originaltitel: Sarajevski Marlboro
  • Größe und/oder Gewicht: 21 x 13,2 x 2 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 114.106 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Kriegsbeschädigungen

Miljenko Jergovics Erzählungsband

«Sarajevo Marlboro»

Sie heissen Salih, Cipo und Izet, Ivanka, Ruza und Mujesira, die unscheinbaren Helden aus Miljenko Jergovics Erzählungsband «Sarajevo Marlboro», der den Wahnsinn des Krieges in Bosnien nicht polemisch oder larmoyant räsonierend, vielmehr als einen Reigen individueller Katastrophen wie in schärfstem Blitzlicht vorführt. Hier herrscht keine Musse für abgerundete Geschichten, hier regiert das krude Detail, der rasche Spot, denn was sich als Leben oder Lebenslauf präsentiert, ist prekär, absurd, fragmentarisch. «Der Erzähler», so Claudio Magris in seinem Vorwort, «beschreibt die fünf Minuten, in denen sich ein Leben verdichtet und zerbricht. Den Krieg, den grossen Protagonisten dieser aussergewöhnlichen Erzählungen, sieht man nicht; er steht nicht im Vordergrund, sondern er bildet den Rahmen, den Hintergrund, der alles einschliesst.»

Ein Beispiel unter vielen, betitelt «Der Gärtner». Der Ich-Erzähler und seine Nachbarin Ivanka kommen vom Wasserholen zurück, als ringsum Granaten einschlagen. Die beiden stürzen in das erstbeste Hochhaus. Ivana zündet sich eine Zigarette an. Wenige Minuten später ist sie tot. «Die Beisetzung verlief schnell und oberflächlich. Ich ging auf den Markt und fand zwischen alten Schuhen und überteuerten Rindskonserven Karotten-, Raps- und Blattsalatsamen. Ich kaufte ein paar Tüten und kehrte auf Nebenstrassen, wo ich sicher niemandem begegnen würde, nach Hause zurück. Die Wäsche, die Ivanka vorgestern gewaschen hatte, war noch nicht trocken. Ich presste meinen Kopf in ein feuchtes weisses Hemd.» Anschliessend streut der Ich-Erzähler die gekauften Samen in mit Humus gefüllte Styroporkästen, raucht eine Zigarette mit Freund Tadija. Das Leben geht weiter. Als der Salat die ersten Blätter zeigt, muss Tadija ins Spital. Als sich die ersten winzigen Karotten zeigen, ist Tadija tot. Krebs. Der gärtnernde Ich-Erzähler wird «bald die ganze Ernte einfahren müssen», allein.

Fünf Buchseiten, deren Paraphrase das Entscheidende unterschlägt: die schmerzliche, wilde, anrührende, poetische, sinnliche Kraft des Details. Jergovic, vielfach ausgezeichneter Reporter, politischer Kolumnist, Lyriker, der von 1966 (seinem Geburtsjahr) bis 1993 in Sarajewo lebte, hat einen untrüglichen Blick für die Einzelheit sowie eine sprachliche Lakonik, die sich ganz auf das Detail abstützt. Als wäre das Detail die einzige Gewähr, dass wir (gewesen) sind, Existenzbeweis mit einem Hauch von Metaphysik. Der erfrorene Kaktus, die zwei reisefertigen Koffer, die Blattsalate, die klingelnde Strassenbahn, ein Tongefäss zur Zubereitung eines bosnischen Eintopfs, ein weisses Zigarettenpäckchen, sie werden zu Chiffren versuchten oder versehrten Lebens, zu Zeichen schicksalhafter Fügung, schieren Zufalls, hartnäckiger Vitalität. Und für den Autor zum Mittel, «die Ereignisse zu rekonstruieren».

Die «Ereignisse» widerspiegeln den Krieg, der alles aus seiner Bahn wirft und einen gespenstischen Zustand der Irrealität installiert. Jergovic skizziert dazu ein Vorspiel: eine traumatische Urszene aus der Kindheit des Ich-Erzählers. «Der Ausflug», der den Band als «unumgängliches Detail aus der Biographie» eröffnet, schildert eine Bus-Exkursion nach Jajce, da das Kind zum Zeugen eines tödlichen Verkehrsunfalls wird.

Der zerquetschte Fiat 600 rüttelt den Jungen aus Übelkeit und Lethargie wach, schafft eine paradoxe Bewusstseinslage zwischen Schrecken und Euphorie – abnorme Normalität. «Endlich bist du ganz wach und klar. Du löcherst die Mutter mit deinen Fragen, schlenkerst mit den Beinen, verlangst von Dzemo die Feldflasche, bringst die Umgebung zum Lachen, bist im Zentrum der Aufmerksamkeit, und es geht dir gut, als wärest du umgekommen.» Der schwarze Humor des letzten Satzes findet seine Fortsetzung in der sarkastischen Beschreibung des Reiseziels: «Jajce ist aus riesigen Lego-Klötzen gemacht. Eine grosse Hand hat sie wie nach dem Prospekt aufgestapelt. Nichts ist echt, ausser dem Wasserfall. Er ist gross und schrecklich.»

Zwischen Stil und Moral gibt es bei Jergovic keinen Unterschied. Er ist ein beeindruckender Erzähler, der Danilo Kiš' 1986 geäusserte These bestätigt, wonach für den ostmitteleuropäischen Schriftsteller die literarische Form eine Existenzfrage sei: «die Form als Streben, dem Leben und den metaphysischen Zweideutigkeiten Sinn zu verleihen; die Form als Möglichkeit der Wahl; die Form als Suche nach einem archimedischen Punkt im uns umgebenden Chaos; die Form als Gegengewicht zur Desorganisation der Barbarei und irrationalen Willkür der Instinkte.»

Nirgends zynisch, hält Jergovic die Balance zwischen Sarkasmus und Mitleid, zwischen Derbheit und Poesie. Sein Erzählen ist noch im Schweigen beredt – ein Versuch, der grassierenden Sinnlosigkeit zu trotzen. Freilich weiss Jergovic um die Relativität auch dieses Unterfangens. Sein letztes Memento gilt den verbrannten Bibliotheken Sarajewos, sein letztes Wort lautet: «Streichle deine Bücher zärtlich, Fremder, und bedenke, sie sind Staub.»

Ilma Rakusa -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

kulturnews.de

Der Osten ist gerade angesagt, und Miljenko Jergovis Buch ist ein gutes Beispiel dafür: Der mittlerweile in Zagreb lebende Schriftsteller schrieb "Sarajevo Marlboro" bereits 1994, während des Bosnienkriegs und der Belagerung Sarajevos. Auf Deutsch aber erscheint die Kurzgeschichtensammlung mit 15 Jahren Verspätung. Für die Einordnung der 29 Texte ist es allerdings unumgänglich, ihren Entstehungszeitpunkt zu kennen. Jergovi lässt diverse Icherzähler zu Wort kommen, die auf fünf bis zehn knappen Seiten winzige Ausschnitte aus ihrem oder dem Leben einer ihnen irgendwie nahestehenden Person liefern - es geht um die Wirkung des Straßenbahnbimmelns auf einen ehemaligen Boxer oder um die Suche nach einem irdenen Topf, in dem ein ganz bestimmter bosnischer Eintopf gekocht werden soll. Und immer schleicht sich der gerade begonnene Krieg in die Geschichten ein, mal leise und dezent, mal laut und blutig. Dass Miljenko Jergovi auch Poesie verfasst, merkt man seinen Geschichten an: Stilistisch sind sie kunstvoll komponiert, und die oft naive Sprache der Icherzähler steht in schönem Kontrast zu ausgefallenen Satzkonstruktionen. Zudem sind die Texte wirklich kurz - bisweilen zu kurz. Oft endet eine Geschichte bereits, bevor man ihren Protagonisten verstanden hat, und es kostet Mühe, sich gleich auf die nächste Momentaufnahme einzulassen. Ein Buch also, dass man definitiv häppchenweise lesen sollte. (jul)

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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Frieden und Krieg 4. Januar 2010
Von Hyrax
Format:Gebundene Ausgabe
Miljenko Jegovic macht es dem Leser nicht einfach. Der 1966 in Sarajevo geborene Autor präsentiert in seinem frühesten auf Deutsch erschienen Werk 30 Geschichten, die nicht leicht in ein politisches Raster der Gewohnheit fallen wollen. Zwar haben sie alle etwas gemeinsam. Sie spielen samt und sonders um die Zeit der Belagerung Sarajevos im Kontext der Stadt. Ihre Protagonisten sind keine Helden, sondern Menschen aus Herz und Rand der Bevölkerung. Damit enden aber auch die augenfälligsten Gemeinsamkeiten.
Ansonsten ist das Spektrum der Geschichten und ihrer Helden so bunt zusammengemischt wie die bosnische Einwohnerschaft der Vorkriegszeit. Auch die emotionale Bandbreite ist beeindruckend. Manches ist komisch (wie der Kondor von Treskavica), manches lakonisch (wie die Sache mit den Marlboro aus Sarajevo), manches melancholisch (wie die Geschichte Zlaja und Elena). Auch das soziale und ethnische Milieu wechselt, ohne dabei allzu sehr in Klischees zu verfallen. Ja, man kann durchaus einiges über den Vielvölkerstaat lernen. Aber das ist nicht die eigentliche Botschaft des Autors.
Deutlich tritt die Stimme seine schließlich zu Tage. Sein Thema ist die tiefe Tragik des unwiderruflichen Zerfalls. Es gibt wenige "Menschen, die über diesen Krieg schreiben, ohne sich selbst beweihräuchern oder mit toten oder lebenden Menschen abrechnen zu wollen[...]. Ohne konkrete Absicht für sich oder andere versuchen sie verzweifelt, das geborstene Bild der Welt zu kitten." Das macht die Dramatik und die Stärke der inmitten der Kriegswirren geschriebenen Kurzgeschichten aus. Vielleicht offenbart die literarische Qualität tatsächlich bisweilen Schwächen. Aber das ganze Werk macht deutlich: Hier schreibt einer, dem außer seinen Augen für das Unverständliche des Bürgerkrieges, seiner Stimme für die Menschen und dem triebhaften Drang, das Unglaubliche der Welt vorzuhalten, nicht mehr viel geblieben ist.
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6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Ausnahmetalent 14. Juli 2009
Format:Gebundene Ausgabe
Miljenko Jergovic wurde 1966 in Sarajevo geboren. Er gehört zu den grossen und international bekannten Autoren aus dem serbokroatischen Sprachraum. Sein bisher nicht sehr umfangreiches Werk ist dafür überaus vielseitig. Der Erzählband "Sarajevo Marlboro" erschien schon 1994 und wurde nun für die Ausgabe bei Schöffling neu übersetzt, eine Ehre, die nur wenigen Autoren zuteil wird. Es wird gesagt, dass seine Geschichten vom Krieg handeln, aber das ist nur teilweise richtig, denn im Kern ist der Krieg immer nur der Auslöser, um dem Charakter des Menschen und den Beziehungen untereinander auf die Spur zu kommen, so etwa in "Kaktus", der sich als stacheliges Band einer Beziehung erweist oder in "Diebstahl", wo ein Apfelbaum zu Zank und viel später zur Versöhnung Anlass gibt. Keine Verwandtschaft mit Heinrich Böll oder Franz Fühmann also. Die dreissig Stories sind kurz und erinnern an einen anderen grossen Erzähler aus Jugoslawien, an Aleksandar Tisma, der 2003 starb und im Grossen und Ganzen der Erzähler mit dem längeren Atem und einem konsequenten Pessimismus war. Im Unterschied zu Tisma wirkt Jergovic schon beinahe fröhlich, weil er oft am Ende seiner Erzählungen mit einer philosophischen, ja bisweilen pathetischen Klammer versöhnlich wirken will. Auch fällt einem bei der Lektüre die scheinbar absurde Welt von Raymond Carver ein; Jergovic benutzt gerne Dialoge und kann wie Carver menschliche Situationen und Beziehungen, ja ganze Leben, blitzschnell sezieren, als ob man mit einem Messer durch die Butter schneidet. Wer auf kurze Erzählungen steht, dem sei das Buch wärmstens empfohlen. Ob die dem Autor im Nachwort prophezeite nobelpreisreife Meisterschaft schon bald Früchte trägt, wird sich zeigen; meiner Einschätzung nach ist es ein wenig hoch gegriffen.
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