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Produktinformation
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Miljenko Jergovics Erzählungsband
«Sarajevo Marlboro»
Sie heissen Salih, Cipo und Izet, Ivanka, Ruza und Mujesira, die unscheinbaren Helden aus Miljenko Jergovics Erzählungsband «Sarajevo Marlboro», der den Wahnsinn des Krieges in Bosnien nicht polemisch oder larmoyant räsonierend, vielmehr als einen Reigen individueller Katastrophen wie in schärfstem Blitzlicht vorführt. Hier herrscht keine Musse für abgerundete Geschichten, hier regiert das krude Detail, der rasche Spot, denn was sich als Leben oder Lebenslauf präsentiert, ist prekär, absurd, fragmentarisch. «Der Erzähler», so Claudio Magris in seinem Vorwort, «beschreibt die fünf Minuten, in denen sich ein Leben verdichtet und zerbricht. Den Krieg, den grossen Protagonisten dieser aussergewöhnlichen Erzählungen, sieht man nicht; er steht nicht im Vordergrund, sondern er bildet den Rahmen, den Hintergrund, der alles einschliesst.»
Ein Beispiel unter vielen, betitelt «Der Gärtner». Der Ich-Erzähler und seine Nachbarin Ivanka kommen vom Wasserholen zurück, als ringsum Granaten einschlagen. Die beiden stürzen in das erstbeste Hochhaus. Ivana zündet sich eine Zigarette an. Wenige Minuten später ist sie tot. «Die Beisetzung verlief schnell und oberflächlich. Ich ging auf den Markt und fand zwischen alten Schuhen und überteuerten Rindskonserven Karotten-, Raps- und Blattsalatsamen. Ich kaufte ein paar Tüten und kehrte auf Nebenstrassen, wo ich sicher niemandem begegnen würde, nach Hause zurück. Die Wäsche, die Ivanka vorgestern gewaschen hatte, war noch nicht trocken. Ich presste meinen Kopf in ein feuchtes weisses Hemd.» Anschliessend streut der Ich-Erzähler die gekauften Samen in mit Humus gefüllte Styroporkästen, raucht eine Zigarette mit Freund Tadija. Das Leben geht weiter. Als der Salat die ersten Blätter zeigt, muss Tadija ins Spital. Als sich die ersten winzigen Karotten zeigen, ist Tadija tot. Krebs. Der gärtnernde Ich-Erzähler wird «bald die ganze Ernte einfahren müssen», allein.
Fünf Buchseiten, deren Paraphrase das Entscheidende unterschlägt: die schmerzliche, wilde, anrührende, poetische, sinnliche Kraft des Details. Jergovic, vielfach ausgezeichneter Reporter, politischer Kolumnist, Lyriker, der von 1966 (seinem Geburtsjahr) bis 1993 in Sarajewo lebte, hat einen untrüglichen Blick für die Einzelheit sowie eine sprachliche Lakonik, die sich ganz auf das Detail abstützt. Als wäre das Detail die einzige Gewähr, dass wir (gewesen) sind, Existenzbeweis mit einem Hauch von Metaphysik. Der erfrorene Kaktus, die zwei reisefertigen Koffer, die Blattsalate, die klingelnde Strassenbahn, ein Tongefäss zur Zubereitung eines bosnischen Eintopfs, ein weisses Zigarettenpäckchen, sie werden zu Chiffren versuchten oder versehrten Lebens, zu Zeichen schicksalhafter Fügung, schieren Zufalls, hartnäckiger Vitalität. Und für den Autor zum Mittel, «die Ereignisse zu rekonstruieren».
Die «Ereignisse» widerspiegeln den Krieg, der alles aus seiner Bahn wirft und einen gespenstischen Zustand der Irrealität installiert. Jergovic skizziert dazu ein Vorspiel: eine traumatische Urszene aus der Kindheit des Ich-Erzählers. «Der Ausflug», der den Band als «unumgängliches Detail aus der Biographie» eröffnet, schildert eine Bus-Exkursion nach Jajce, da das Kind zum Zeugen eines tödlichen Verkehrsunfalls wird.
Der zerquetschte Fiat 600 rüttelt den Jungen aus Übelkeit und Lethargie wach, schafft eine paradoxe Bewusstseinslage zwischen Schrecken und Euphorie abnorme Normalität. «Endlich bist du ganz wach und klar. Du löcherst die Mutter mit deinen Fragen, schlenkerst mit den Beinen, verlangst von Dzemo die Feldflasche, bringst die Umgebung zum Lachen, bist im Zentrum der Aufmerksamkeit, und es geht dir gut, als wärest du umgekommen.» Der schwarze Humor des letzten Satzes findet seine Fortsetzung in der sarkastischen Beschreibung des Reiseziels: «Jajce ist aus riesigen Lego-Klötzen gemacht. Eine grosse Hand hat sie wie nach dem Prospekt aufgestapelt. Nichts ist echt, ausser dem Wasserfall. Er ist gross und schrecklich.»
Zwischen Stil und Moral gibt es bei Jergovic keinen Unterschied. Er ist ein beeindruckender Erzähler, der Danilo Ki' 1986 geäusserte These bestätigt, wonach für den ostmitteleuropäischen Schriftsteller die literarische Form eine Existenzfrage sei: «die Form als Streben, dem Leben und den metaphysischen Zweideutigkeiten Sinn zu verleihen; die Form als Möglichkeit der Wahl; die Form als Suche nach einem archimedischen Punkt im uns umgebenden Chaos; die Form als Gegengewicht zur Desorganisation der Barbarei und irrationalen Willkür der Instinkte.»
Nirgends zynisch, hält Jergovic die Balance zwischen Sarkasmus und Mitleid, zwischen Derbheit und Poesie. Sein Erzählen ist noch im Schweigen beredt ein Versuch, der grassierenden Sinnlosigkeit zu trotzen. Freilich weiss Jergovic um die Relativität auch dieses Unterfangens. Sein letztes Memento gilt den verbrannten Bibliotheken Sarajewos, sein letztes Wort lautet: «Streichle deine Bücher zärtlich, Fremder, und bedenke, sie sind Staub.»
Ilma Rakusa -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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