Vom Überleben der Realität in der Fiktion
Eine neue Generation bosnischer Erzähler
Während der Belagerung Sarajewos schreibt ein junger Autor eine merkwürdige Geschichte. Er erzählt darin von einer Radioserie, die von Woche zu Woche den Lebenslauf von zwei Männern verfolgt, die nach der «Methode der statistischen Zufallsvariablen» aus der Bevölkerung Sarajewos herausgegriffen wurden. Von klein auf unterscheiden sie sich, von klein auf sind sie einander ähnlich. Der eine treibt sich gerne auf Sportplätzen herum, der andere beschäftigt sich lieber mit Comics, beide fahren sie mit den Eltern im Sommer ans Meer. Doch auch nachdem ihr Lebensweg exakt recherchiert und auf soziologische Determinanten untersucht wurde, bleibt «völlig unbegreiflich», warum der eine zu den Paramilitärs gehen und seine Heimat zerstören, der andere hingegen in Sarajewo ausharren und an der Liebe zur Stadt der vielen Völker festhalten wird. Dass sie eines Tages aufeinandertreffen, ist ein Zufall, wie so vieles in ihrem Leben, doch mit unentrinnbarer Folgerichtigkeit endet die Begegnung damit, dass der eine getötet und der andere zum Mörder wird. Karim Zaimovic hat dieses fiktive soziologische Radioexperiment, in das er sich selbst als den am Ende ermordeten Mann einführte, 1994 tatsächlich im Sarajewoer Radiosender Zid vorgetragen. Ein Jahr später, im August 1995, ist er auf die von ihm beschriebene Weise 24jährig zu Tode gekommen.
Ein anderer bosnischer Autor, Dubravko Brigic, überlebte den Krieg, emigrierte nach Toronto und starb dort 38jährig an der Fremdheit. Da nicht und dort nicht zu Hause, schrieb er über die Entwurzelung: «Diejenigen, die ihre Heimat verlassen haben, sind sich bewusst, dass sie anstelle zweier Heimatländer jetzt zwei fremde Länder haben. Sie werden von nun an, wenn sie es nicht schon sind, für immer und überall Fremde sein. Für sie ist das einzige Ruhebett die Sprache. Deshalb lungern sie vor den Briefkästen und warten auf Briefe aus ihrer ersten Fremde.»
Eine bosnische Literatur
Brigic und Zaimovic sind 2 von 22 bosnischen Autoren, die jetzt in einem vorzüglichen Lesebuch zu Wort kommen, das auf paradoxe Weise von der Zerstörung und dem Fortleben Bosniens zeugt. Einzig im literarischen Reich der Fiktion nämlich ist Bosnien noch eine ungeteilte Wirklichkeit. In der politischen Realität hingegen existiert es spätestens seit dem Abkommen von Dayton nicht mehr die Teilung des Landes ist im Alltag längst vollzogen, und die drei Bevölkerungsgruppen sind in einen völkischen Autismus zurückgefallen, in dem sie nahezu unansprechbar verharren. Die Literatur hat diese Zerstörung Bosniens zwar zur Kenntnis genommen, ja sie handelt von fast nichts anderem, doch hebt sie sie zugleich auf. Und zwar weder im ideologischen noch im utopischen Sinne, sondern schlicht als Tatsache, dass es sie immer noch gibt: eine bosnische Literatur, die nicht kroatisch, serbisch, muslimisch sein möchte und der die Multinationalität als reale Voraussetzung wie als ideelles Ziel noch selbstverständlich ist.
Freilich, wie und wo wird diese Literatur heute geschrieben? 9 der 22 Autoren, die Dragoslav Dedovic als Herausgeber der «Zeitgenössischen Erzählungen aus Bosnien-Herzegowina» aufbietet, leben mittlerweile in Chicago oder Kerkrade, Tampere oder Köln. 2 sind tot, und die anderen «sehen sich dem Phantomcharakter der eigenen literarischen Szene gegenüber». Die Leser, die die bosnische Literatur einst hatte, sind gestorben, emigriert oder an den Nationalismus verloren worden, dem die Sprache nicht als Mittel der Verständigung, sondern der Trennung heilig ist. Die Zeitschriften der Vorkriegszeit existieren nicht mehr, und wo neue gegründet wurden, dort finden sie wie die Bücher, die wieder verlegt werden, eine grotesk geringe Verbreitung. Die Nachkriegsliteratur, schreibt Asmir Kujovic, einer der jungen Erzähler der Anthologie, «erinnert an eine Theateraufführung, bei der kein Publikum erscheint. Zum Glück ist es dunkel im Zuschauerraum, so dass sich die Schauspieler einbilden können, dass sie die kritischen Blicke aufmerksamen Abschätzens fühlen.»
Eine Literatur fast ohne Leser und dennoch ist in Bosnien selbst und in der Diaspora eine neue Generation angetreten, der Welt ein literarisches Zeugnis ihrer Existenz zu geben. Die Autoren der Sammlung sind allesamt unter 40, daher fehlen einige bekannte Namen der bosnischen Literatur wie Stevan Tontic oder Dzevad Karahasan. Mit Nenad Velickovic, Miljenko Jergovic, Semezdin Mehmedinovic sind zwar ein paar dabei, die internationale Beachtung gefunden haben, die meisten aber sind ausserhalb Bosniens nicht und aus den dargelegten Gründen auch in ihrer Heimat kaum bekannt. Der Herausgeber hat die Texte, die er aus Zeitschriften, Büchern, Nachlässen zusammengetragen hat, vier Themenkreisen zugeordnet, die der Anthologie auch den Titel gaben: «Das Kind. Die Frau. Der Soldat. Die Stadt». Es mag verwundern, dass die Texte, die sich mit dem «Soldaten», also mit dem Handwerk des Krieges, auseinandersetzen, am wenigsten überzeugen. Der Krieg ist jedoch in fast allen anderen Texten, ob sie nun mit der Erinnerung an die Kindheit, der Rolle der Frau in der bosnischen Gesellschaft oder dem urbanen Geflecht Sarajewos zu tun haben, im Hintergrund stetig präsent: als zermalmende Maschinerie, als Einbruch des organisierten Wahnsinns in das zivile Leben, als mediales Ereignis, als alltäglicher Terror. Von etlichen der hier erstmals vorgestellten Erzähler, etwa dem jetzt in Kanada lebenden Vladimir Pitalo oder dem in Sarajewo gebliebenen Goran Samardzic, hofft man bald mehr auf deutsch lesen zu können.
Dokument der Belagerung
Einer der in der Anthologie vertretenen Autoren hat kürzlich ein erstes eigenes Buch in deutscher Übersetzung vorlegen können. Der 1960 geborene Semezdin Mehmedinovic war ab Mitte der achtziger Jahre als Herausgeber oppositioneller Zeitschriften, Filmemacher und Lyriker eine prägende Gestalt der Sarajewoer Kultur gewesen. Sein «Sarajevo Blues» erschien im Original bereits 1992, als erstes künstlerisches Dokument der Belagerung, und musste schon damals im Exil verlegt werden, im legendären Zagreber Durieux-Verlag; von dort ist es seither um die Welt gegangen, und zumal in den USA, wo Mehmedinovic mittlerweile lebt, hat es dank der publizistischen Hilfe Paul Austers grosses Aufsehen erregt.
«Sarajevo Blues» ist ein Kriegsbuch, das flüchtige Alltagsnotizen, städtische Beobachtungen, philosophische Reflexionen, Porträts verstorbener Freunde, kleine Essays und Gedichte vereint, die über den Blues, über eine Stimmung der Sehnsucht und der Vergeblichkeit, zusammengehören. Mehmedinovic enthält sich zumeist des Kommentars und weiss gerade dort zu irritieren, wo er so lakonisch bleibt wie in dem kurzen Prosastück, das mit «Die Vertreibung» betitelt ist: «Cetniks haben die Geisteskranken von Jagomir in die Stadt vertrieben. Ein Vertriebener hält an diesem Tag den Körper eines toten Spatzen an den kleinen Krallen fest; er tritt an einen Passanten in der König-Tomislav-Strasse heran und sagt: Auch du wirst tot sein, wenn meine Armee kommt.»
Aber der Autor weiss auch mit Vignetten zu überzeugen, in denen er von scharfer Beobachtung zu essayistischer Reflexion fortschreitet. Als Bernard-Henri Lévy mit geradezu militärisch organisierter Medienmacht ins belagerte Sarajewo kommt und vor laufenden Kameras treffliche Bonmots über diesen Krieg zum besten gibt, notiert Mehmedinovic, der ohne den Schutz von CNN überleben musste: «Er spricht nicht ohne Zufriedenheit vor der Kamera, während um ihn die Kugeln fliegen. Darin liegt ein pervertierter Genuss des Denkers, dessen Ansichten in dem Moment bestätigt werden, als er sie der Welt bekanntgibt. Lévys Engagement wird so zum Instrument des Fernsehens, er nimmt am Krieg teil, das sehen nun alle. Der grossartige Narzissmus eines Denkers, der im Grunde genommen der Welt nichts mitteilen will, die blind gegenüber der Wahrheit ist, ausser, dass er mit seiner Erscheinung und seinen Worten dem Monstrum Massenmedien helfen wird, den Krieg in ein Kriegsspiel zu verwandeln.»
Mehmedinovic zeigt den grossen Krieg im Kleinen, wie sich die Parks und Strassen verändern, wie alles anders und doch erschreckend rasch zur neuen Gewohnheit wird in dieser Stadt, zu einer Art von Normalität mitten im Schrecken. Diesem Moment des Kippens, wo sich das Monströse alltäglich, das Gewöhnliche monströs gibt, ist auch Dragoslav Dedovic auf der Spur, nicht nur als Herausgeber des bosnischen Lesebuchs, sondern auch als der veritable Lyriker, der der 1963 in Zemun geborene, seit 1992 in Deutschland lebende und mittlerweile familiär verwurzelte Autor ist. In dem Gedicht «Hagiographischer Witz» hatte er in seinem Band «Von edlen Mördern und gedungenen Humanisten» schon 1997 geschrieben: «das land meiner geburt im krieg / mit dem heimatland meiner mutter / das land meiner mutter im krieg / mit dem vaterland meiner schwester / zu viele leichen meine ich / für einen alltäglichen familienzank / also gehe ich mein sohn wird / im gelobten land geboren werden dessen / sprache mein vater im letzten krieg / im lager lernte / in dieser sprache flüstre ich der frau / die ich liebe gute nacht.»
Karl-Markus Gauss