Ich hatte mir die DVD in den Niederlanden "auf gut Glück" als Doppel-DVD besorgt und saß somit ohne große Erwartungen vor dem Fernseher. Auch hatte ich -bis ich diese DVD besaß- zwar von Sarah Waters als Autorin gehört, aber noch keins ihrer Bücher gelesen. (Wird aber nachgeholt, sobald ich mit meiner derzeitigen Lektüre durch bin!!!)
Da ich jedoch ein großer Fan der BBC-Literaturverfilmungen ("Pride&Prejudice", "North&South" etc.) bin, wußte ich, daß mich zumindest ein hochwertig produzierter Film erwartet. Und auch wenn "Fingersmith" (noch) kein britischer Literaturklassiker ist wie etwa die Werke einer Miss Austen oder Miss Gaskell, so ist dieser Film genauso anspruchsvoll und ansprechend inszeniert wie seine "klassischen" Vorgänger. Es ist immer wieder erfreulich zu sehen, wie viel Mühe sich die Briten bei der Verfilmung ihrer Literatur geben, alles wirkt sehr glaubwürdig und detailgetreu in der Ausstattung, so daß man sich wunderbar ins England des viktorianischen Zeitalters versetzt fühlt.
Zum Beginn des Films (vielmehr der ersten DVD auf der niederländischen Version), glaubt man, ziemlich schnell zu wissen, worum es geht.
Die Handlung ist zunächst aus der Sicht des Waisenmädchens Sue erzählt, wunderbar dargestellt von Sally Hawkins, mit der man sich ziemlich schnell identifiziert. Hawkins spielt sehr glaubwürdig, ihr Konflikt zwischen Maud und "Gentleman" kommt realistisch rüber und kurz vor Schluß der ersten DVD haßt man sie richtig für das, was sie Maud antut.
Und dann ist auf einmal alles ganz anders und für einen kurzen Moment hat man das Gefühl, in einem David-Lynch-Film zu sitzen. Obwohl ich am Anfang dachte: "Ach komm, guck nur die erste DVD und die zweite dann morgen...", konnte ich nicht anders und habe mir nachts um 3 noch die zweite reingezogen, weil ich unbedingt wissen wollte, was dieser plötzliche Twist in der Handlung denn nun auf einmal soll, warum ich als Zuschauerin auf einmal das, was ich noch wenige Minuten zuvor geglaubt habe, auf einmal nicht mehr glauben kann.
Die zweite Hälfte des Films (bzw. die zweite DVD des NL-Import)ist denn auch weniger eine lesbische Lovestory denn vielmehr ein mitunter verwirrendes Spiel um Intrigen, Habgier und die eigene Identität, das man so am Anfang nicht erwartet hätte. Das alles ist teilweise etwas verwirrend und nicht immer einfach zu verstehen, wer denn jetzt wer ist und warum und überhaupt. Hier hätte der Film sich etwas mehr Zeit lassen können, vor allem Mauds Sichtweise der Geschichte wird meines Erachtens viel zu hastig abgehandelt, so daß die Figur der Maud nicht immer glaubwürdig rüber kommt. Der Zuschauer lernt sie am Anfang des Films als spröde Jungfer kennen, ihre Wandlung zum "Biest" ist nicht gerade glaubhaft ausgearbeitet worden, was weniger an Elaine Cassidys Darstellung der Maud als an einem nicht ganz zu Ende gedachten Drehbuch liegt. Vielleicht stand die Produktion ein wenig unter Zeitdruck, man weiß es nicht so genau. So aber jedoch lernen wir Maud vor allem durch Sues Augen kennen und weniger durch ihr eigenes Handeln. Irgendwie denkt man zum Ende des Films, wenn man die "neue" Maud bereits kennt,: "Warum machst du denn sowas, du bist doch so eine Liebe!"
Abgesehen von diesen kleinen Schwächen im Drehbuch ist "Fingersmith" jedoch eine grandiose BBC-Adaption, die meines Erachtens den Vergleich mit "Pride&Prejudice" oder "North&South" was das Niveau und den Anspruch der Produktion angeht, nicht zu scheuen braucht.
Neben der bereits erwähnten detailverliebten Ausstattung garantiert ein packend orchestrierter Soundtrack die nötige Stimmung, "Fingersmith" ist eher ein Thriller als ein Liebesfilm, dessen Atmosphäre mitunter ziemlich düster und mysteriös ist.
Darüberhinaus ist der Film bis in die kleinsten Nebenrollen wunderbar besetzt. Sally Hawkins und Elaine Cassidy als Sue und Maud sind beide auf ihre ganz eigene Art brillant und harmonieren großartig miteinander, Charles Dance ("Gosford Park", "Das Phantom der Oper") gibt einen herrlich bösartig-verschrobenen Mr. Lily, von dem man gerne mehr gesehen hätte, Imelda Staunton ist einerseits die kaltherzige Bandenchefin ("I'm looking after six children at the moment, no one will wonder if there'll be only five left tomorrow.") und andererseits eine Mutter mit einem Herz aus Gold, was sich dem Zuschauer auch genau so darstellt, wodurch die Rolle der Mrs Sucksby eine der stärksten des ganzen Films ist. Einzig Rupert Evans' Darstellung des "Gentleman" bleibt ein wenig blass. Wie gesagt, ich kenne die Romanvorlage nicht, aber um "Gentleman" verstehen zu können, sollte man sich besser das Making-of (in der NL-Version leider nur knapp 10Minuten) ansehen. So jedoch läßt einem die Rolle dieser Figur ein wenig ratlos zurück, ob das im Roman genauso ist, kann ich leider (noch) nicht sagen. Zumindest ist Rupert Evans ganz schnuckelig anzusehen und dürfte somit auch die Herzen heterosexueller Zuschauerinnen und homosexueller Zuschauer erfreuen.
Nichtsdestotrotz ist "Fingersmith" mal wieder ein grandioses Stück BBC-Filmgeschichte, ein Film, in dem nichts so ist, wie es zu Anfang scheint, über den man auch gerne noch ein wenig nachdenken kann (sollte), der aber auch wunderbar unterhält und 180 gaaanz spannende Minuten verspricht.
Angucken!!!