Diese Story liefert keinen Grund zu Jubeln, denn es wird hier keine Geschichte erzählt nachdem man sich besser fühlen könnte. Vielleicht ist dies von dem Autor auch gar nicht vorgesehen. Wie auch immmer!
Es wird eine Geschichte aus dem Strichermilleu extremster Brutalität erzählt, in der ein "Aber" für die kindlichen Stricher tabu ist. Auf der Kehrseite der gleichen Medaille steht dann die Geschichte von Erwachsenen die sich einen Freiraum schaffen in der sie jegliche Tabus brechen können. Das postmoderne Spießertum, man könnte auch sagen das herrschend Establishment, nickt eine solche Geschichte schnell reflexhaft ab und bejubelt ein Stück Literatur nur weil sie dahinter ein Stück Liberalität vermutet.
In diesem Stück Literatur wird aber eine ausbeuterische Lebenswelt, nämlich das prostituierten- und Strichermilleu, geschildert. Es ist dort die Rede von Freiern die sich in Agonie und Selbstbetrug in ihrer reaktionäre Trucker-Kleinstwelt verstricken. Es wird von roher Gewalt einer Mutter und bestialischer Gewalt von Zuhältern geredet. Es ist die Rede von dem großen Trauma einer päderastisch/pädophilen Kultur die ihr großes Ungedachtes, das Altwerden, mit weg werfen beantworten muss, sobald die Zeit ihren Lauf nimmt. Es ist die Rede von der Verweigerung einer Gesellschaft, Jungen zu erlauben zu ihrer Männlichkeit zu finden. Es ist aber auch von solchen Zuhälter die Rede, die mit pädagogischem Geschick Sand in die Augen der kindlichen Stricher Streuen und eine ernüchternde Gleichzeitigkeit von Erziehung, Prägung und Züchtung aufzeigen.
All das trägt dazu bei, sich nach der Lektüre mieß zu fühlen. Für den 12 Jährigen Stricher der sich Sarah nennt, der Name seiner Mutter, sind seine Perspektiven furchtbar eng umrandet. Sein Ziel, eine noch bessere Truck-Stop-Hure zu werden als seine Mutter. Für den Stricher Sarah zeigt sich eine Lebenswelt die keine Optionalität zulassen kann, und das in einer Totalität die kaum zu ertragen ist. Nur so wird Erniedrigung und Brutalität zur Normalität. Für den Stricher Sarah ist sie gar die einzige Form von Zuwendung die er je in seinem Leben kennengelernt hat. Grausamkeit wird zur Liebe. Leben und Tod werden ununterscheidbar. Für den Stricher Sarah bleibt nur die freiwillige Unterwerfung unter das Vernutzungskalkül einer päderastischen Kultur!
Nur Manchmal dringt ein zartes Flämmchen eines eigenen Willen durch. Nur ganz Zart und in kaum erkennbaren Konturen zeigt sich so etwas wie Vertrautheit. Beim aufmerksamen lesen entpuppen sich diese jedoch als Illusion. Eine Vertrautheit die zum imanenten Teil der Verstrickungen in das ausbeuterische Netzwerk wird. Dahinter lauert die Fratze des Mißtrauens und des Hinterhalts. Diese schnellt mit Brutalität hervor sobald die kleine Welt der Freier und Zuhälter bedroht wird.
Man mag verleitet sein aus solchen Episoden eine positive Geschichte zu stricken. So wie wir alle, wünscht sich jeder Stricher eine Biographie die Stimmig ist, und wegleitend sein kann für das weitere Leben. Es steht uns aber nicht zu, daraus eine Welt lyrischer Schönheit zu machen wie auf den Einbandtext, verfasst von der New York Times, zu lesen ist. Die Süddeutsche Zeitung sieht gar eine Welt voller Komik, Herzenswärme und mythischer Bezüge. Wie etwas weiter zu lesen ist. Der Leser sollte sich NICHT durch solch eine kitschige Sozialromantik täuschen lassen, die hier niederschmetternd und verantwortungslos gesponnen wird.
Warum gibt es aber fünf Sterne? Weil es eine wichtige Geschichte ist die von unglaublichen Erniedrigungen und Entwürdigungen erzählt, die Realität für die leider allzuoft vergessenen männlichen minderjährigen Stricher ist. Dabei spielt es keine Rolle ob es sich hier um einen fiktiven Roman handeln könnte. Die Geschichte bleibt, und steht exemplarisch wie ein Monument für menschliche Schicksale. Dazu muss man aber nicht in die USA schauen. Solche Schicksale finden nämlich auch vor unserer Haustüre statt; - und weil es eine Geschichte ist die etwas über uns, den Überlebenden erzählt. Nur ihnen gebührt unser aller Respekt.