I. Hin und wieder, aber nicht oft, reduziert Bergman die Bildsprache auf TV-Ästhetik, verharrt nahe auf Gesichtern mit benetzten Augen, auf Schuss und Gegenschuss. Das müsste ein Minuspunkt sein. Wenn der Name einer verstorbenen Person erwähnt wird, und dann wiederholt ihr Schwarz-Weiß-Foto eingeblendet wird, ist das auch nicht unbedingt eine formale Glanzleistung. Das ist die einzige Kritik, die ich an diesem Film habe. Einer der fünf besten Bergmänner. Vollständig im Studio gedreht, sogar die Sumpf-Szene.
II. Ein Making-Of, so etwas hatte ich schon lage nicht mehr, das tatsächlich versucht, die Arbeit eines Regisseurs beispielhaft einzufangen, in dem die Schauspieler sich nicht gegenseitig loben, in dem niemand unheimlich viel Spaß hat und es war eine tolle Zeit und all der Sermon, den wir sonst so hören.
III. Man könnte sich "Sarabande" auch als Theaterstück vorstellen, als eine Abfolge von Dialogen. In jeder Szene sind nur zwei Personen anwesend. Doch eine Szene würde auf den Brettern nicht funktionieren. Die junge Cellistin flieht von ihrem Vater - rote Tür - aus der Hütte in den Wald. Bekleidet ist sie nur mit einem Nachthemd. Sie rennt und rennt. Als Draufsicht gefilmt: Wie sie in eine braune Brühe (Sumpf?) hinein schreitet, aus dem Bild verschwindet, eine Pause, und dann ein furchtbarer, absolut furchtbarer Schrei. Sie kommt von unten wieder ins Bild zurück. Diese Sequenz hat mich erschüttert, ohne recht zu wissen, was das eigentlich genau war. Vollkommen unerwartet, denn "Sarabande" ist ein Drinnenfilm.
III. Liv Ullman hat sich nicht liften lassen. Sie sieht aus, wie normale Leute mit Mitte sechzig eben ausschauen. Ihre Szene mit Hendriks Tochter, der Cellistin, die mit Brot und Wein endet, ist eine der schönsten in Bergmans Werkkosmos.
IV. Der Alte hasst seinen Sohn, der auch schon alt ist. Dieser vereinnahmt seine zwanzigjährige Tochter (Karin), die von ihm weg will, aber nicht kann. Die Ex-Frau des Alten ist eine Beobachterin aus der Nähe. Am Ende wird sie den nackten Alten zu sich ins Bett lassen. Weil er Angst hat.
V. Natürlich wird viel gesprochen. Gegeneinander, aneinander vorbei, aber auch zugehört. Für letzteres ist Liv Ullmann zuständig, also Marianne. Man muss "Szenen einer Ehe" gar nicht kennen, um "Sarabande" zu folgen. Aber wer die Vergangenheit der beiden kennt, kann dem Geschehen ein Idee mehr abgewinnen.
VI. "Sarabande" hat mich mehr beschäftigt als "Fanny und Alexander". Er ist eindringlicher als "Schande". Den Figuren wird zwar viel zugemutet, und fast scheint es, sie brechen unter der Last ihrer Wunden zusammen. Aber da, wo ansonsten Geigen schluchzen müssen, sich Menschen in die Arme fallen oder anschreien - also: im Fernsehen um 20:15 Uhr - da ist Bergman der Künstler. Er ist auch der Künstler im Entwerfen von Konflikten. Er ist ein Meister des Endes. Dieser Film war für ihn das Ende. Selten hat jemand so rein und gut geendet.
VII. Einer der versiertesten Filmkritiker, vielleicht der wichtigste aus den U.S.A., Roger Ebert, schrieb folgendes: "The movie is not about the resolution of this plot. It is about the way people persist creating misery by placing the demands of their egos above the need of happiness - their own happiness and that of those around them. In some sense, Johan und Henrik live in these adjacent houses, in the middle of nowhere, simply so that they can hate each other. If they parted, each would lose a reason for living. Karin ist the victim of their pathology."
VIII. Mag auch "Nach der Probe" ein präzises Kammerspiel gewesen sein, so war es doch eher eine Etüde, kein vollwertiges Werk. Und "Dabei: Ein Clown" war in meinen Augen künstlich, fernsehmäßig, bemüht. Nach seinem letzten richtigen Spielfilm hat Bergman somit lange Zeit nichts Wesentliches mehr geschaffen. Und dann kam "Sarabande", der dann doch kurz im Kino lief, obwohl er für das schwedische Fernsehen produziert worden ist.