Heiner Geißler führt ein in sattsam bekannte Probleme bzw. die Schandtaten des Kapitalismus, er stellt fest, dass die Finanzmafia die kriminellen Praktiken der letzten Jahrzehnte unverändert weiterführt. Geld, Geiz, Gier, das sind, zitiert nach Hilmar Kopper (der Peanuts Banker) die drei großen Konstanten, die uns abgrundtief schädigen. Noch nie habe solch deutliche Worte eines CDU-Mitgliedes gelesen. "Der Kapitalismus ist das Ergebnis eines folgenschweren Denkfehlers und ethischen Verfalls." Politiker heute können nichts mehr tatsächlich lenken, sie sind Getriebene von Kapitalmärkten, für die Sorgen der Menschen bleibt wenig Verständnis, von Empathie ganz zu schweigen.
Die vier Formen des neuen Absolutismus (der ökonomische, islamische, klerikale und politische) scheuen Transparenz und Öffentlichkeit, sie "lieben die Hinterzimmer und Dunkelräume von Moscheen, die schalldicht abgeschotteten Vorstandsetagen, die geistigen Verliese und Kapellen des Vatikans, die nichtöffentlichen Sitzungen der Regierungen und die dünnen Informationen all ihrer Pressesprecher." Heiner Geißler redet Klartext, wie ich ihn von einem Mann seiner Partei noch nie gehört habe: "In tiefer Unmündigkeit lassen sich die Menschen auf allen Kontinenten mit einem Ring in der Nase durch die Manege führen." Er nimmt ein Wort in dem Mund bzw. den Text, den man eigentlich nur von einem anderen Deutschen aus Trier gewohnt war: "Die Dompteure stammen wie eh und je aus einer bestimmten Klasse." Diese eng-vernetzten Mächtigen aus Industrie und Hochfinanz beherrschen und beeinflussen Medien, sie manipulieren.
Was mich an diesem Buch besonders beeindruckt: es ist klar und verständlich geschrieben, Geißler benennt die Probleme unmissverständlich. "Heute sind alle Wirtschaftsteile der Zeitungen, Wirtschaftsmagazine des Fernsehens und Wirtschaftswissenschaftler Komplizen der Dompteure geworden: Warum hat keiner die Finanzkrise vorausgesehen?" Natürlich gibt es Ausnahmen wie Prof. Otte, den Geißler auch benennt. In der Folge analysiert er in 4 Kapiteln den ökonomischen, den islamischen, den politischen und den klerikalen Absolutismus. Jede Formulierung entspricht meinem Verständnis und selten habe ich erhellendere Sätze gelesen als in diesen Abschnitten. "Parallel zur Verbreitung rechtsradikalen Gedankengutes, ..., bildet sich in unserer Gesellschaft eine seelische Hornhaut, die die Menschen unempfindlich macht für die Not der Mitmenschen."
Wir lesen auf Seite 110 den Höhepunkt der Ausführungen Geißlers: "Die betroffenen Bürger und Bürgerinnen werden entmündigt von Politikern, die selber durch die Finanzindustrie entmündigt worden sind." Menschen, die durch ungezügtelten Raubtierkapitalismus zu Opfern wurden, werden als Kostenstellen betrachtet, sie erhalten kein Mitleid mehr, egal wie lange sie vorher in die Sozialkassen eingezahlt haben.
In einem weiteren Abschnitt beschreibt Heiner Geißler den aktuellen Bürgerprotest (ich empfehle jedem seine Interpretation von Stuttgart 21 bzw. der Schlichtung), der mit totaler Transparenz und Beteiligung neue Formen der Demokratie schafft und weiter entwickeln muss. Dabei appeliert er auch an deutsche Denker und Dichter, die sich in der Vergangenheit immer in die Protestbewegungen eingemischt, Anstöße gegeben haben. "Wo bleiben die Stimmen unserer zeitgenössischen Denker?" Wie wahr! Außer Konstantin Wecker ist mir niemand bekannt, der sich z.B. bei S21 zu Wort gemeldet hätte. Deutsche Geistesgrößen zeichnen sich hier durch ein komplettes Versagen aus.
Allein dieser Satz wäre das Buch wert: "Heute wird die Welt bestimmt durch Betriebs- und Volkswirte, die ihre Wissenschaft irrtümlich als eine exakte wie Mathematik und Physik betrachten, und deren Horizont von Angebot und Nachfrage begrenzt wird." Nach Geißler gibt es heute keine ethisch-moralische Gegenmacht zu diesen Gläubigen der unsichtbaren Hand des Marktes, aber er benennt auch die Ausnahme: Hans Küng und sein
Projekt WeltethosHeiner Geißler hat völlig Recht: "Noch nie in der Weltgeschichte stand die Menschheit vor einer radikaleren Alternative: Entweder wir ändern uns und unsere Zivilisation oder wir sterben... Der Kapitalismus ist eine Vernichtungsmaschine... Nicht die Vermehrung der Habe, sondern die Verringerung der Wünsche ist die rettende Idee (Eptiket)." Sogar die Sünde wider den Heiligen Geist der Freien Marktradikalen begeht er und beruft sich auf Karl Marx und Engels, die die Ware Arbeitnehmer skizzierten wie jeden anderen Warenartikel, brutal allen Schwankungen des Marktes ausgeliefert: (Geißler, S37)"164 Jahre später warten in Deutschland Zehntausende von Arbeitern auf den nächsten Schlag der Finanzindustrie, der Ratingagenturen und der Rohstoffspekulanten, der sie in die Arbeitslosigkeit und anschließend mit Hilfe der Politik auf die untereste Sprosse der sozialen Stufenleiter befördert."
Diese glasklaren, klirrenden Gedanken von einem CDU-Mitgleid zu lesen, ist Versöhnung pur, es gibt noch Gerechte und Aufständische des Menschlichen quer über alle Klassen. Die neue Publikation würde ich als Pflichtlektüre für alle CDU Mitglieder und weit darüber hinaus empfehlen, ich möchte Heiner Geißler danken für diese großen, menschlichen Wurf und kann nur hoffen, dass der Prediger und baldige Bundespräsident solche Menschen als Berater und Redenschreiber einstellt. Ich jedenfalls werde dieses Buch an eine Reihe von Menschen verschenken bzw. intensiv darüber diskutieren.