Nahezu ein viertel Jahrhundert lieferte Chris Rea beinahe jährlich im besten Wortsinn Mainstream-Soft-Rock-Alben. Von selbsternannten Kunst-Erkennern verachtet, günstigstenfalls nur belächelt, weil einfach gute Musik zu machen gilt nicht. Man hat gefälligst auch erfolglos zu sein! So man dennoch Millionen verkaufen sollte, hat man, um Gnade zu finden, zumindest ein amtliches Drogenproblem vorzuweisen, wenigstens aber einige charakterlichen Absonderheiten. Nichts von alldem konnte Chris Rea damals wie heute vorweisen, keine Drogen, keine Exzesse, er ist nicht mal schwul. Tja, wer so "sauber" ist und auch noch gefällige Platten macht, fällt rasch in Ungnade. Das er auch von 1978-2001 unheimlich viel experimentiert hat, sehr unterschiedliche Platten produzierte, hat die harte Kritikerzunft nicht bemerkt. Das kommt davon, wenn man Platten verreißt, die man nicht wirklich gehört hat. Steht Chris Rea auf dem Cover, muß schlecht sein...
Vor zehn Jahren machte Rea mit dem ganzen Pop-Zirkus schluß und schafft seither Musik ohne Zugeständnisse an niemanden, folgte seinem Blues-Herz und lieferte mit "Stony road" 2002 einen wahren Meilenstein. Nach zwei Instrumental-Blues-Alben 2003 und einem weiteren Album 2004, krönte er wieder nur ein Jahr später alles dagewesene mit dem 11CD-Album "Blue guitars". Das Album ist Blues-Geschichte! "The return of the fabulous Hofner Blue Notes" aus 2008 (immerhin auch 3CDs lang!) ging den Weg im gros konsequent weiter.
Zugegeben, als der Titel des neuen Albums "Santo Spirito Blues" bekannt gegeben wurde, packte mich ein wenig die Sorge, daß es mit der Zeit etwas eintönig werden könnte, da Blues schon dick im Titel quillt. Ich mag beide Rea-Phasen vor und nach 2000, aber nach der vollen Ladung des reinsten Blues in der gesamten ersten Dekade des neuen Jahrtausends, dürstete mich doch mal wieder nach Klängen mit Blues-Roots und leichtem Pop-Appeal. Nicht mißverstehen, kein "Josephine 2011" oder ein "On the beach" Aufguß, um Himmels Willen, aber irgendwas zwischen "The road to hell" und "Espresso logic", würde das Gesamt-Werk Reas im Jahr 2011 angenehm auflockern.
Was ich höre, ist zu schön um wahr zu sein! Mit seinem neuen Album hat Chris Rea ein Werk geschaffen, was mir wie eine perfekte Kreuzung der "beiden Karrieren" scheinen will. Blues und Pop reichen sich die Hand und vertragen sich! Großartig! Ob absolute Blues-Puristen das ertragen, bezweifle ich, aber diese wurden in den letzten zehn Jahren sehr gut bedient.
Die beiden zusätzlichen CDs der Deluxe-Ausgabe sind wieder einmal nichts weniger als eine Erweiterung des künstlerischen Spektrums dieses Ausnahme-Musikers! "Bull fighting" schafft eine geradezu magische, sinnlich, melancholische Stimmung und hat mich unerwartet überwältigt. Klänge, die man von Chris Rea noch nicht hörte. Dann noch die beiden DVDs mit den von Rea produzierten Filmen des letzten Jahres. Nach "Blue guitars" und "The fabulous..." nun schon das dritte Album infolge, was nicht nur durch Qualität (das galt auch für die meisten davor) sondern auch durch Quantität auffällt! Respekt vor der Arbeits- und künstlerischen Leistung!