Zugegeben: ich kenne die frühen Songs der Broilers nicht, kann mir aber auch nicht vorstellen, dass diese etwas für mich wären, da ich mit (deutschsprachigem) Oi! wenig anfangen kann. "Santa Muerte" ist sicherlich kein toughes Streetpunkt-Album, aber auch weit davon entfernt, in die banale Deutschrock-Schublade gesteckt werden zu können. Die Platte weist verschiedene Stilelemente auf, von Rock über (poppigen) Punk bis hin zu Ska, auch ruhige Akustikklänge sind manchmal zu vernehmen. Es ist allerdings direkt eine Frechheit, die Band deswegen in die "Julisilberheldenstolz"-Ecke zu drängen.
Die Broilers rocken immer noch amtlich, zudem sind die intelligenten Texte eine Erwähnung wert. Ein Musikjournalist schrieb, dass ein Song wie "In ein paar Jahren..." das Gefühl, Anfang 30 zu sein, perfekt ausdrückt, und dem kann ich erfahrungsgemäß zustimmen, denn genau so fühle ich mich momentan. Man ist definitiv nicht mehr jugendlich, ist aber noch nicht alt genug, um sich im Baumarkt mit den alten Säcken um die Wette zu langweilen. "Ich muss die Welt erst in Flammen sehen". Genau so sieht es aus. Mein textlicher Favorit ist ganz klar "Vom Scheitern (The world is yours, nicht!)", in dem besungen wird, dass die von Sendungen wie "Goodbye Deutschland" getriebenen Auswanderer glauben, ihre gescheiterte Existenz sei im Ausland aufgehoben. "Die Welt, sie wartet nicht auf dich / Das Leben mag dich einfach nicht / Wirst überall sein, was du bist / Nicht erwartet, nicht vermisst". Das ist wirklich ganz groß und definitiv wahr.
Fast alle Lieder von "Santa Muerte" gehen sofort ins Ohr und sind mitsingkompatibel. Es sind nicht nur Volltreffer vertreten ("Schwarz, gran weiß" beispielsweise ist ein kleiner Durchhänger), aber Songs wie "Harter Weg (Go!)", "Tanzt du noch einmal mit mir?" oder "33 rpm" sind einfach verdammt stark und machen das neue Broilers-Album absolut hörenswert.