Der 1967 in Bad Nauheim geborene Andreas Maier wurde für seinen Debütroman "Wäldchestag" (2000) mit zahlreichen deutschen und österreichischen Auszeichnungen bedacht. Die in diesem Roman skizzierte Milieustudie, die auch als Provinzposse gelesen werden kann, stand augenfällig in der Erzähltradition von Thomas Bernhard. Aber anders als zum Beispiel in dessen Roman "Holzfällen", in dem ein kopflastiger Erzähler einen endlosen inneren Monologe wiedergibt, intonierte Andreas Maier in Wäldchestag" einen vielstimmigen Choral bärbeißiger Kleinstädter aus Frankfurt.
Das Werk des 1989 verstorbenen Schriftstellers Thomas Bernhard stellte für Andreas Maier auch bei seinem zweiten Roman "Klausen" (2002) eine feste Bezugsgröße dar. Die Wortgewalt und Sprachakrobatik von Bernhards Prosa wurde von Andreas Maier auch hier kopiert - und dass tatsächlich oder "naturgemäß", wie Thomas Bernhard es formuliert hätte, wiederum sehr gekonnt. Mit seinem dritten Roman "Kirillow" (2005), ein seltsam verqueres Werk, verließ Andreas Maier dann allerdings die Ebene des kleinstädtischen Geschwätzes. Damit war dann auch Schluss mit Romanen, die Andreas Maier im Duktus Thomas Bernhards verfasste. Leider muss man sagen. Denn eine Feststellung gleich vorweg: Die Texte von Andreas Maier sind seit "Klausen" eher schlechter, keinesfalls aber besser geworden.
Dabei vollzog Andreas Maier die Abkehr von seinem einstigen literarischen Leitstern Thomas Bernhard bereits 2004 mit konsequenter Härte, nachgerade gewaltsam. Mit der Veröffentlichung seiner Dissertation "Die Verführung" rechnete er nämlich genau mit jenem Klassiker ab, mit dem sein Werk bis dahin in Verbindung gebracht wurde. Diese Abrechnung auf dem Niveau "österreichischer Boulevardblattleser" (taz, 2005) war genau genommen ein literarischer Vatermord. Andreas Maiers Hauptvorwurf gegen Thomas Bernhard ist dessen Ausweichen vor Eindeutigkeit und Festlegung, in Summe dessen Selbststilisierung. Die strukturelle Demontage von Thomas Bernhards Prosa konnte jedoch nicht gänzlich verbergen, dass bei dieser karikierenden Bernhard-Patiche doch auch immer noch große Bewunderung für den Autor aus Österreich bleibt - oder einfach nur stachelige Eifersucht auf dessen Sprachvermögen.
In Andreas Maiers neuem Roman "Sanssouci" fehlt Thomas Bernhard nun aber ganz. Ausgangspunkt ist ein Toter. Der Regisseur Hornung wird in seinem Geburtsort Frankfurt am Main zu Grabe getragen. Schnell wechselt die Handlung nach Potsdam. Hier war Hornung ein berühmter Mann. Sein TV-Serie Oststadt" wurde hier gedreht. Klar, dass sich der egozentrische Regisseur damit nicht nur Freunde gemacht hat. Generell scheint sich rund um Sanssouci ein mysteriöses Netz aus Feindschaften und dunklen Geheimnissen zu spinnen. Ein verlottertes Zwillingspärchen, eine neurotische Mutter und deren Sohn Jesus, ein ominöser Journalist, ein Mitglied der Bruderschaft des heiligen Hiob von Potschajew und noch viel mehr spleeniges Personal bevölkern Andreas Maiers neuen Roman.
Das Buch stellt reichlich Fragen, Antworten hingegen gibt es nicht. Dass ist nicht immer nachteilig. Den Text aber durch hohle Phrasen bedeutungsschwanger aufzuladen, was sich schnell als nervöse Masche des Autors enttarnt, macht freilich keinen Sinn. Leider ist der Roman auch literarisch sehr spröde in Szene gesetzt. Der Verzicht auf konventionelle literarische Mittel, wohl eine Metapher für das unterirdischen Labyrinth unter dem Schlosspark Sanssouci, funktioniert nicht. Andreas Maiers Befreiungsschlag gegen Thomas Bernhard war legitim, vielleicht sogar notwendig. Schade nur, dass Herr Maier seitdem so wenig zu erzählen hat.