"Alles, was zwischen unserm Auge und einem entfernten zu Sehenden
als Mittler steht, uns den entfernten Gegenstand nähert, ihm aber
zugleich etwas von dem Seinigen mitgiebt, ist romantisch."
(Clemens Brentano)
Brentanos Definition von Romantik greift Hoffman als Motiv auf, um mit dem Sehen, dem Blick, dem Auge eine Nähe zur Romantik zu zeigen, um sie letztendlich zu überwinden. Der Sandmann ist ein kritisches Stück gegenüber der Romantik. Das Auge, vorherrschendes Merkmal, wird durch Sand geschlossen, wird blutig und stierend und doch wieder lebendig. In den Personen werden die Positionen deutlich und sicherlich die abschließende Haltung Hoffmanns. Interpretationen gibt es zuhauf, "Das Unheimliche", so sein Essay steht in der Freudschen Überlegung expressis verbi in Verbindung mit dem Sandmann. Freud vergleicht den Verlust des Augenlichtes mit der Kastrationsangst, die ja in einer Ausprägung den gespaltenen Vater kennt. Der leibliche Vater ist a priori gut, stirbt bei Hoffmann bei einem Alchimistenexperiment, der schlechte Vater tritt in den Personen Sandmann/Coppelius auf. Hier erscheint er als Doppelgänger. Die Erzählung wird so zu einer Krankengeschichte (im Freudschen Sinne) des Studenten Nathanael. Beginnend mit einem Brief an seinen Freud Lothar, in dem er von den wunderlichen Dingen des Sandmanns berichtet, taucht die Erzählung von der realen Welt in ihren Gegenpart, die Phantasie. Fälschlicherweise adressiert er den Brief an Clara, seiner lieben Freundin, die als Clara = Klarheit sehr wohl die Erscheinungen und Phantasmen deutet und zurückweist in den Bereich der inneren Welt und Nathanael zurückführen möchte in die Welt der Vernunft. Sie erkennt, dass er in den Bann einer Sphäre sich hat führen lassen, in der er nun gleich Orpheus Wanderer zwischen zweier Welten ist und zum Spielball höherer Mächte wird. Clara gelingt es jedoch nicht, Nathanael ganz zurückzuführen in die Welt der Realität. Im Gegenteil scheint es so, dass er sich in seinem Wahn immer mehr verstrickt, gleichsam krankhaft wahnsinnig wird, insbesondere dadurch, dass er sich mit dem Perspektiv der Romantik übertrieben identifiziert. Er bildet seine Welt, selbst die Gestalten und weckt sie als Ovidsche Metamorphose zum Leben. Olimpia ist seine Angebetete, nicht als Puppe erkannt, doch zum Leben erweckt mit dem Blick, der selbst der Puppe Augen erstrahlen lässt. Dieses Motiv ist für Hoffmann deutliches Zeichen der Gegenromantik, wo bereits im Namen des Vaters (=Erschaffer) Spalanzani (=künstliche Befruchtung) der Weg zum Homunkulus gewählt wurde.
In der Beziehung zwischen Nathanael und Olimpia zeigt sich eben diese Bedeutung der Augen am klarsten. Es ist deren spezielle Beziehung, die für ihn sichtbar! wird, für alle anderen Beteiligten niemals. Diese Belebung Olimpias strahlt auf ihn zurück und nimmt ihn gefangen, er kann sich ihrer Macht nicht wehren, wie festgezaubert lag er im Fenster, um sie zu beobachten. Erkenntnis oberhalb der Vernunft scheint durch das Auge verdeutlicht, doch nur so, dass es eine Welt spiegelt, die den Tatsachen nicht entspricht. Gesellschaftlich betrachtet, offenbart Hoffmann seine Kritik an Aufklärung und Romantik dadurch, dass letztere erst den Wirklichkeitsverlust ermöglicht; man sieht nur was man sehen möchte, der Blick wird vom Innern gespeist, letztendlich einer Verklärung gleich.
"Unbefriedigte Wünsche sind die Triebkräfte der Phantasien, und jede Phantasie ist eine Wunscherfüllung, eine Korrektur der unbefriedigten Wirklichkeit", so Sigmund Freud in: Der Dichter und das Phantasieren. Und doch erkennt er, dass dichterische Phantasien eine Verlockungsprämie, gleich einer ästhetischen Vorlust dem Leser geben und er im Genuss des Dichtwerkes aus den Spannungen seiner Seele befreit wird. Über "Das Unheimliche" schreibt Freud insbesondere über den Sandmann, hier verweise ich auf die Rez: S. Freud, Der Moses des Michelangelo, Schriften über Kunst und Künstler; 2004; zum 08.11.2007)
Durchblick und Blindheit, Wachen und Träumen sind die Antipoden, die Aristoteles dazu bewog, dem Wachen eine gemeinschaftliche Welt, den Träumern eine eigene Welt zuzuschreiben. "Wenn von verschiedenen Menschen ein jeglicher seine eigene Welt hat, so ist zu vermuten, dass sie träumen" formuliert KANT in >Träume eines Geistersehers<. Und er schließt, wieder das Auge als entscheidendes Organ zu nennen: "Es war auch die menschliche Vernunft nicht genugsam dazu beflügelt, dass sie so hohe Wolken teilen sollte, die uns die Geheimnisse der anderen Welt aus den Augen ziehen, und den Wissbegierigen, die sich nach derselben so angelegentlich erkundigen, kann man den einfältigen, aber sehr natürlichen Bescheid geben: dass es wohl am ratsamsten sei, wenn sie sich zu gedulden beliebten, bis sie werden dahin kommen".
Wie wahr, lässt Hoffmann doch Nathanael im letzten Wahn, in dem er erkennt, dass Coppola, Coppelius und der Sandmann eines ist, den tödlichen Sprung vom Turm springen und Clara in eine Vernunftwelt abtauchen, in der sie nie mehr gesehen wird. Nur aus beiden Welten erzeugt man eben den überlebensfähigen Weltgeist.
So ausführlich wird Scuderi nicht behandelt. Es sei nur erwähnt, dass es sich um eine wunderbar eingefädelte Krimalgeschichte handelt, in der die Liebe und ihre vehängnisvollen Folgen nicht fehlen. Es geht um Haben und Nicht-Haben aber wiederhaben wollen, um Mord, um Verstrickung und deren Auflösung und letztendlich geht es Hoffmann um Künstlertum und Künstlerexistenz einer vergangenen Zeit.