Eine der ewigen Legenden über die Clash besagt, dass sie nur deshalb eine 3fach LP herausbrachten, weil sie dachten, man würde es als drei einzelne LP's werten und sie kämen damit schneller aus ihrem miserablen Plattenvertrag heraus. Plausibel ist das nicht, denn immerhin hatten sie vorher die Doppel-LP "London Calling" herausgebracht und die wurde auch nur als eine einzelne LP behandelt. Sie hätten es also wissen müssen.
"Sandinista" ist eins der kontroversesten Werke, das die Rockmusik je hervorgebracht hat. Manche halten es für schlecht oder missglückt, andere wieder (wie ich) sehen darin ein Meisterwerk. Bei 36 Stücken ist es ganz zwangsläufig, dass darunter Songs vorkommen, die einem durch den Gehörgang fallen. Bei mir sind das einmal das überlange "The Crooked Beat", das langweilige "The Equaliser" oder das zwar interessante, aber vollkommen missratenene "If Music Could Talk". Man kann auch auf die Collage "Mensforth Hill" verzichten, das im Prinzip nur "Something About England" rückwärts ist oder auf "Silicone On Sapphire", eine Dubversion von "Washington Bullets". Genau genommen hätte man sich die sechste LP-Seite sparen können oder, wenn man ganz böse will, eine ganze LP.
Warum ist "Sandinista" dann trotzdem ein Meisterwerk? Ganz einfach, weil die restlichen Songs gnadenlos gut sind und Clash ihre stilistische Vielfalt von "London Calling" sogar noch übertrafen. Es gibt Reggae (Washington Bullets), Reggae mit Rapeinlagen (The Magnificent Seven) Rock (das Equals-Cover: Police On My Back), Rockabilly (The Leader) Gospel (The Sound Of The Sinners), Jazzelemente (Look Here, Broadway), Walzer (Rebel Waltz) ein bisschen Folk (Lose This Skin) und Calypso (Let's Go Crazy), ja sogar ein Schlager ist dabei (Hitsville UK). Trotzdem bleibt das alles Clash, schon allein wegen Joe Strummers Röhre, extrem melodisch und sogar (teilweise) tanzbar.
Ein Tipp: Wer "Sandinista" noch nie gehört hat, sollte sich langsam herantasten. Vielleicht alles mal anspielen oder durchhören und dann noch einmal in kleineren Dosen ausprobieren, sonst gibt man möglicherweise zu schnell auf und verpasst einen Haufen guter Musik.