Kurzbeschreibung
„Gott braucht einen Dämon, um den Teufel aufzuspüren.“ Rom, Ewige Stadt, Hort uralter Geheimnisse. Hierhin führen im Jahre 2004 die Spuren einer Verschwörung, in deren Mittelpunkt Eric von Kastell steht, der Werwolfjäger. Immer wieder trifft er auf das Vermächtnis einer Frau, die im 18. Jahrhundert um ihr Leben kämpfte: Gregoria, die Äbtissin eines entweihten Klosters. Eric und Gregoria sind untrennbar verbunden durch die heiligste Substanz, die sich auf Erden findet: Das Sanctum kann Wunder wirken – oder den Tod bringen … Was in RITUS begann, wird in SANCTUM enden - die Fortsetzung des Bestsellers!
Über den Autor
Markus Heitz, geboren 1971, studierte Germanistik und Geschichte. Kein anderer Autor wurde so oft wie er mit dem Deutschen Phantastik Preis ausgezeichnet, weshalb er zu Recht als Großmeister der deutschen Fantasy gilt. Mit der Bestsellerserie um "Die Zwerge" drückte er der klassischen Fantasy seinen Stempel auf und eroberte mit seinen Werwolf- und Vampirthrillern auch die Urban Fantasy. Markus Heitz lebt in Homburg. Mehr Informationen unter: www.pakt-der-dunkelheit.de
Auszug aus Sanctum. von Markus Heitz. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
PROLOG
22. Juni 1767, Saint-Alban,
Schloss der Familie de Morangiès
Macht Euch nicht lächerlich, Abbé. Die Bestie ist tot.« So, wie Pierre-Charles, Comte de Morangiès, es sagte, klang es nach einem Befehl. Wie immer, wenn die Rede auf das Untier kam, das im Gévaudan mehr als drei Jahre lang gewütet hatte.
Abbé Acot saß dem alten Comte gegenüber. Vor ihm stand ein Glas Wein, ein edler Tropfen, wie er ihn nur selten zu schmecken bekam. Obwohl die Sonne durch die geschlossenen Fenster des hohen Raumes fiel und die Hitze drückend über dem Gévaudan lag, schien sie an den dicken Mauern des Schlosses zu scheitern. Dennoch schwitzte der Abbé in seiner einfachen schwarzen Priesterkutte, die angesichts der Pracht um ihn herum wie das schäbige Gewand eines Bettlers wirkte.
Kleine Perlen rannen aus den kurzen, schwarzen Haaren über seine Stirn. Er war kaum dreiundzwanzig Jahre alt und wagte es trotzdem, dem mächtigsten Mann des Gévaudan die Stirn zu bieten - einem Mann mit viel Einfluss am französischen Hof, dem es ein Leichtes wäre, einem einfachen Abbé das Leben schwer zu machen. Dieses Wissen um die möglicherweise nur noch ein paar Worte entfernte Hölle auf Erden half nicht, die Nervosität des Abbés zu besänftigen. Also trank er mehr Wein, als gut für ihn war, doch er benötigte allen Mut, den er aufbringen konnte.
Dabei war der Abbé alles andere als ein furchtsamer Mensch. Er saß nur deswegen im Salon des Schlosses, weil er mit solcher Eindringlichkeit am Tor darum gebeten hatte, eingelassen zu werden, dass es unmöglich gewesen war, ihn abzuweisen. Es ging wirklich um Leben und Tod.
Acot schluckte, wischte den Schweiß von der Stirn und sah dem Mann in die graugrünen Augen. Selbst im Sommer verzichtete der Comte, zugleich Marquis von Saint-Alban, Chevalier de Saint-Louis, Seigneur zahlreicher Pfarreien und einst erfolgreicher Lieutenant Général Seiner Majestät, nicht auf seine Weißhaarperücke und die schwere, bestickte Jacke in Dunkelblau. Beides verlieh ihm eine zusätzliche Aura der Autorität, die jeden Besucher leiser und demütiger sprechen ließ, als es vielleicht notwendig gewesen wäre. »Es ist ein Wolf erlegt worden, das möchte ich zugestehen, mon Seigneur.«
»Es war die Bestie. Das sollte sich auch bis in die Pfarreien herumgesprochen haben, die Ihr durchwandert, Abbé.« Der Comte hob das Glas. »Lang leben der Marquis d'Apcher und seine Jäger.« Acot trank den Wein aus. Ein Brennen in seinem Magen zeigte ihm, dass die Säure ihm nicht bekam. Dafür stieg sein Mut.
»Und ich bestehe darauf, mon Seigneur: Das Biest streicht noch immer durch die Wälder. Man hat dem Volk einen Wolf gezeigt, und zwar nicht, weil der wahre Anblick der Bestie zu schwer zu ertragen ist, sondern weil sie noch keiner erlegt hat.«
»Abbé!« Morangiès stellte das Glas so hart auf den Tisch, dass es zwischen Stiel und Kelch zerbrach. Der rote Wein ergoss sich über den dunklen Holztisch. »Da seht Ihr, was Ihr mit Euren Torheiten angerichtet habt. Ein edler Tropfen ist verloren gegangen.«
»Torheit, mon Seigneur?« Acot beugte sich rasch nach seiner Tasche, um dem Blick zu entkommen, der ihn für diese Anmaßung mit Sicherheit getroffen hätte, und holte einen Packen handschriftlicher Notizen hervor. »Diese hier sammele ich, seit die Bestie aufgetaucht ist. Ich befrage Augenzeugen, Opfer und Jäger. Und ich habe mir den Wolf, den man durchs Gévaudan schleift, bis er zusammen mit Chastel seinen Weg nach Versailles machen wird, genau angesehen.« Er wedelte mit den Papieren. »Nichts, aber auch nichts stimmt mit dem überein, was die Menschen mir beschrieben haben, mon Seigneur. Die Bestie ist da draußen und wird wieder Menschen fressen!«
Morangiès streckte die beringte Hand nach den Blättern aus. Acot reichte sie ihm zögerlich. »Ihr wisst, dass Ihr gegen das Gebot des Königs verstoßt, indem Ihr behauptet, die Bestie lebt?«, sagte er beiläufig und dennoch drohend. »Welches Interesse habt Ihr, mon Seigneur, mir und den Pfarreien weismachen zu wollen, dass die Bestie tot ist?«, retournierte der Abbé unerschrocken - und erschrak selbst über den Klang seiner Worte. Nun war er zu weit gegangen ... doch er musste den Mann überzeugen, die Jagd nicht aufzugeben! Das war er Gott und den Menschen in dieser Region schuldig.
Morangiès zog die Augenbrauen zusammen. Scheinbar achtlos legte er die Aufzeichnungen neben sich, außer Reichweite des jungen Mannes, und legte eine Hand auf sie. Eine Geste, welche die Beiläufigkeit Lügen strafte. »Wie redet Ihr mit mir? Was wollt Ihr mir da unterstellen, Abbé?« »Ich unterstelle Euch gar nichts, mon Seigneur. Ich wundere mich nur, dass Dutzende von Menschen das Offensichtliche nicht erkennen wollen.« Er zeigte auf die Notizen. »Darin steht alles. Die Bestie lebt, und die Menschen müssen gewarnt werden.«
»Eure Zweifel werden sich legen, wenn Ihr seht, dass es keine weiteren Opfer mehr gibt«, schwächte der Marquis ab und ignorierte die geöffnete Hand des Abbés, der sein Eigentum stumm zurückerbat. »Bis dahin konfisziere ich im Namen des Königs diese Unterlagen, um die Bevölkerung vor Euren Theorien zu bewahren, die nur neue und sinnlose Unruhe ins Gévaudan tragen.«
»Mon Seigneur, das ...« »... ist meine Pflicht, geschätzter Abbé«, fiel ihm Morangiès in die Rede. »Ich kann nicht zulassen, dass die Männer und Frauen schon wieder in Furcht leben.« Sein rechter kleiner Finger tippte zweimal auf den Stapel. »Und bedenkt, was Ihr mit Euren Mutmaßungen in Versailles anrichtet. Ihr würdet den König der Lüge bezichtigen, und welche Auswirkungen das für Euch haben wird, werdet Ihr Euch selbst ausmalen können.« Er zog an der Klingelschnur, die neben ihm hing. Gleich darauf erschien ein Bediensteter und nahm die Papiere in Empfang. »Ich schütze Euch damit, Abbé. Ihr müsstet mir dankbar sein.« Die Worte saßen. Acot sank zusammen und starrte auf seine Notizen, die unerreichbar für ihn geworden waren. Er wusste nicht, was er sagen oder tun sollte. Ausgerechnet jetzt wurde kein Wein und damit kein neuerlicher Mut mehr nachgeschenkt. »Mon Seigneur, Monsieur Jean Chastel erbittet Euer Gehör«, sagte der Livrierte - leise zwar, aber doch so, dass es der Abbé ebenfalls hörte »Schick ihn weg.«
»Er sagte, es sei sehr dringend und dass es um Euren Sohn ginge«, beharrte der Bedienstete. »Und um seinen Sohn Antoine.«
Acot stutzte. Dass der Marquis den Helden des Gévaudan nicht empfangen wollte, hatte sicherlich etwas zu bedeuten. Auch der Name des jüngeren Sohnes, Antoine, war ihm mehr als einmal bei seinen Nachforschungen begegnet. Still pries er den Herrn für die Vorsehung und wartete gespannt, was geschah. Und tatsächlich - der Comte änderte seine Meinung. »Bring ihn herein. Abbé Acot wollte uns eben verlassen.« Morangiès nickte ihm zu, die graugrünen Augen blickten hart. »Einen angenehmen Tag wünsche ich Euch. Denkt an unsere Abmachung und hütet Eure Zunge davor, von Dingen zu berichten, die so nicht stimmen. Ihr würdet es bereuen.« Acot stand auf und verneigte sich. Er musste sich beherrschen, um sich nicht durch weitere unbedachte Worte unwiderruflich in Misskredit zu bringen. Er dachte keinesfalls daran, mit seinen Nachfragen aufzuhören, aber das wiederum sollte den Marquis nichts angehen. In der Halle begegnete er Chastel, einem kräftigen Jäger im besten Mannesalter mit langen, weißen Haaren und einem markanten Antlitz. Seine einfache Kleidung hatte gelitten, war angesengt und zerrissen, als sei er durch brennende Dornenbüsche gesprungen. In der Linken hielt er seinen Dreispitz, in der Rechten die doppelläufige Muskete, mit der er die angebliche Bestie vor den Augen des Marquis erlegt hatte. Acot ging ohne zu zögern auf Chastel zu. »Ich bin Abbé Acot, Monsieur Chastel«, stellte er sich vor. »Ich suchte nach Euch, doch bisher haben sich unsere Wege noch nicht gekreuzt. Helft mir, die Wahrheit zu sehen.« Er trat einen weiteren Schritt an den Mann heran, stand nun direkt neben ihm und neigte den Kopf nach vorn. »Sagt, habt Ihr die wahre Bestie erlegt oder seid Ihr ein Rädchen in diesem verwirrenden Spiel um Wahrheit und Lüge, das weitere Menschenkinder das Leben kosten wird?« Er sprach leise, damit ihn der livrierte Diener nicht verstehen konnte, doch mit großem Nachdruck. »Bei der Liebe Gottes, sprecht die Wahrheit!« Chastel sah ihn mit merkwürdig verschleiertem Blick an. »Die Liebe Gottes? Ich fürchte, ich habe bislang nur seinen Hass kennen gelernt.« Mit diesen Worten ging er an ihm vorbei und folgte dem Livrierten die Treppen hinauf zum Salon. Jean Chastel ging nicht zum ersten Mal durch das Schloss, vorbei an getäfelten Wänden und den Porträts der Ahnen, an Landschaftsgemälden, edlem Porzellan und anderem wunderbar zur Schau gestelltem Reichtum. Doch diesmal würdigte er all die Pracht ebenso wenig wie die Andenken aus den Zeiten, als der Marquis noch ein bekannter und bewährter Soldat des Königs gewesen war. Ein Held auf dem Schlachtfeld,
ruhmreich, vielfach ausgezeichnet. Und doch genauso verfl ucht wie ich, dachte Jean. Endlich stand er vor der Tür des Salons. Sie wurde ihm erst geöffnet, nachdem er noch einmal warten musste, um ihm deutlich zu machen, wie unwichtig seine Gegenwart dem Marquis war. Der Bedienstete machte einen Schritt in den Raum und verkündete laut seinen Namen, dann zog er sich wieder zurück.
Jean wusste, was er tun sollte, doch er fand keinen Anfang, sondern klammerte sich an Hut und Waffe. Erst nach einer Weile suchte sein Blick den seines Gegenübers. »Mon Seigneur«, sprach er mit deutlichem Zittern in der Stimme, »Ihr seht einen verzweifelten Mann vor Euch, dem die Bestie beinahe alles genommen hat, was er liebt.«
»Und dennoch habt Ihr über sie triumphiert, Monsieur. Meinen Glückwunsch dafür.« Der Marquis zeigte mit vornehmem Handschwung auf den Sessel ihm gegenüber. »Nehmt Platz und schildert, was ich für Euch tun kann, Monsieur.« Jean ließ sich in das Polster sinken. Auf unerklärliche Weise fühlte er sich vor de Morangiès wie ein Schuljunge, der dem Vater gestehen musste, dass er einen Apfel gestohlen oder ein gutes Glas zerbrochen hatte. Der Adlige wirkte trotz der nicht übermäßig protzigen Uniform unglaublich autoritär und beeindruckend, eine wahre Majestät.
»Ich jagte die Bestie jahrelang, mon Seigneur, in vielen Pfarreien, und streckte sie endlich nieder. Aber ich fürchte ... es gibt eine zweite, die auf dem besten Wege ist zu entkommen.« »Eine zweite? Ihr redet so wirr wie Abbé Acot, Chastel.« De Morangiès versuchte es mit Unfreundlichkeit, obwohl auch seine innere Anspannung offenkundig stieg. Jean schüttelte den Kopf. »Nein, mon Seigneur. Eine der Bestien war ... war mein Sohn, den ich mit meinen eigenen Händen getötet habe.« Er schwieg, weil die Gefühle aufstiegen und ihn zu überwältigen drohten. Der Dreispitz vibrierte, da die Finger das Zittern an ihn weitergaben. Jean atmete ein und aus, fing sich und setzte erneut an. »Aber er war nicht die einzige Bestie. Es gibt Hinweise, mon Seigneur, dass Euer Sohn etwas damit zu tun hat.«
De Morangiès starrte ihn an, doch Jean hielt dem Blick stand. Und dann schien sich plötzlich etwas im Gesicht des Adligen zu verändern. Er langte hastig nach seinem Glas und stürzte es hinab. »Ihr seid wahnsinnig, Chastel«, raunte er. »Vollkommen wahnsinnig! Seid Ihr in der Wildnis ...«
»Ich bin sicherlich nicht wahnsinnig, auch wenn ich in diesem Aufzug vielleicht den Eindruck erwecken mag. Seit dem Brand im Kloster folge ich der Fährte einer Bestie, die von den Mauern wegführte und quer durchs Gévaudan ging, um letztlich hier zu enden. Ich kenne diese Spuren, mon Seigneur, ich kenne sie sehr genau. Und Ihr auch.«
De Morangiès legte die Fingerspitzen aneinander und schluckte. »Ich sehe keinerlei Verbindung zu meinem Sohn, Chastel«, sagte er und hielt die Maskerade aufrecht, so gut es ging, aber der unstete Blick, der es nicht wagte, Jeans Augen zu treffen, verriet zu viel.
Diese Unsicherheit machte Jean mutiger. »Es war Euer Sohn, mon Seigneur, der uns aus dem Gefängnis von Saugues befreit und vor der Strafe bewahrt hat.« Er stand auf, warf den Dreispitz auf den Stuhl und lehnte die Muskete gegen die Lehne. »Und Euer Sohn, mon Seigneur, kennt meinen Sohn aus den Tagen in der Fremde. Ich weiß nicht, was sich damals ereignete, aber ich bin mir sicher, dass sie mehr als nur Bekannte waren.« Jean beugte sich über den Tisch. »Bei den Toten, die mein Sohn und Euer Sohn zu verantworten haben, bitte ich Euch, die Wahrheit zu offenbaren: Ist Euer Sohn eine Bestie? Kennt er die Frau, die das Bestienweibchen ist? Trägt er die Schuld, dass mein Antoine zum reißenden Tier geworden ist, und unterrichtete er ihn im Morden, mon Seigneur? Sagt mir, was Ihr wisst!«
Der Marquis sah minutenlang auf den Tisch, abwesend und mit immer bleicherem Ausdruck, dann senkte er den Kopf und bedeckte das Gesicht zur Hälfte mit der Hand. »Es ist ein furchtbarer Fluch, Chastel«, flüsterte er verzweifelt. »Er kann nichts dafür.«
»Er ist nicht länger Euer Sohn, nicht mehr der Mensch, den Ihr einst in die Welt gesetzt habt, mon Seigneur. Ich ... auch ich selbst habe lange Zeit gebraucht, um mir einzugestehen, dass Antoine für immer verloren ist.« Jean kannte die Gefühle, die im Marquis tobten; dennoch gewährte er ihm kaum Mitleid. Der Adlige hatte die Taten seines Sohnes zu lange gedeckt und hätte es weiterhin getan, wenn er nicht erschienen wäre, um ihn zur Rede zu stellen. »Das Feuer im Kloster ist sein Werk, mon Seigneur, daran gibt es keinen Zweifel für mich. In den Flammen starben mein zweiter Sohn und seine Verlobte.« Er sah dem Marquis fest in die Augen, doch merkte schon, wie ihn seine Gefühle zu übermannen drohten. »Das Sterben muss enden.« »Ihr ... Ihr verlangt das Leben meines Sohnes?«
Jean berührte den Lauf seiner Muskete. »Ich habe allen Grund, danach zu trachten. Und wenn wir ihn nicht aufhalten, mon Seigneur, wird er weiter sein Unwesen treiben und mit der Frau noch mehr Bestien erschaffen. Denkt an die Menschen Eurer Heimat!« Er sank vor dem Marquis auf die Knie und hob bittend die Arme, die leeren Handfl ächen nach oben gereckt. »Helft mir, mon Seigneur, Euren Sohn ausfindig zu machen und ihn zusammen mit seiner Gefährtin zu töten, damit sie den Keim des Bösen nicht weitergeben.« Tränen liefen ihm über die Wangen. »Verhindert das Leid weiterer Unschuldiger, ich bitte Euch. Lasst sie nicht erleiden, was ich erlitten habe.« Er senkte das Haupt. De Morangiès schluckte, streckte die rechte Hand aus und berührte Jeans Schulter. »Steht auf, Chastel. Ich kann ... Ich kann Euren Wunsch unmöglich erfüllen!«
Der Wildhüter stemmte sich mit Hilfe seiner Muskete auf die Beine. »Euer Sohn ist ein Dämon und kein menschliches Wesen, mon Seigneur«, flüsterte er. »Durch ihn verbreitet sich dieser Fluch weiter und weiter. Euer Sohn ist vor mir geflohen.« Dabei wandte er sich wieder dem Marquis zu. »Er weiß, dass ich sein Geheimnis kenne.«
De Morangiès rang nach Atem, nahm ein Glas und goss sich Wein ein, stürzte ihn hinab und schenkte sich wieder nach. Wieder trank er die Hälfte auf einen Zug. »Vielleicht habt Ihr Recht, Chastel«, sprach er tonlos. »Vielleicht ist François' Stunde und die seiner Gefährtin gekommen. Ich kann und will ihn nicht länger decken. Meine Zaghaftigkeit tötete genügend Unschuldige, und mein Gewissen hat sich seit Jahren nach einem Mann wie Euch gesehnt, Chastel. Ich selbst ... ich konnte es einfach nicht.« Er suchte Jeans Blick, und auf einmal zeigten seine Augen keine Spur mehr von Unsicherheit. »Aber wenn ich Euch sagen soll, was ich weiß, habe ich eine Bedingung.« »Welche wäre es, mon Seigneur?«
»Niemand darf jemals die Wahrheit erfahren. Tötet ihn aus dem Hinterhalt, in einem vermeintlichen Duell, lasst es nach einem Kampf aussehen, das ist mir gleich. Aber niemand soll den Eindruck haben, dass François etwas mit der Bestie des Gévaudan zu tun hatte.« »Das werde ich.« Jean verneigte sich, dankbar, die Geschichte zum Abschluss bringen zu können und die Bestien auszurotten.
»Was wisst Ihr von dieser Sache, Chastel? Lasst uns offen miteinander sein ... Erzählt mir alles.« »Ich ahne vieles und weiß nichts.« Jean begann mit seinem Bericht an jenem Tag im Wald bei Vivarais, als sie den ersten Werwolf erschossen hatten. Wie der Leidensweg von Antoine begann und er sich immer weiter zu einer mordenden Bestie entwickelt hatte; wie er seinen Bruder und ihn in Gefahr gebracht hatte, was ihnen Malesky über die Wandelwesen berichtet konnte und wie sie Antoine schließlich im Wald töten mussten. Dabei verschwieg er auch nicht das Gefecht mit den Unbekannten, die an einem lebenden Werwolf interessiert gewesen waren.
De Morangiès hörte zu und unterbrach ihn kein einziges Mal, dann schloss er die Augen. »Es ist, wie Ihr vermutet habt, Chastel «, gestand er langsam. »Mein Sohn François ist ein Loup-Garou. Der Fluch traf ihn auf seiner Reise im Mittelmeer, als er seinem König diente. Von diesem Moment an veränderte sich mein Junge. Er wurde unstet, änderte seinen Lebenswandel und wurde ein Herumtreiber, der brutale Neigungen und seinen Hang zu Frauen auslebte.« Er hob die Lider und sah Jean an. »Er war einst ein guter, freundlicher Junge, Chastel. Aber die Bestie in ihm hat ihn zu einem wilden Tier gemacht. Ich wollte es nicht wahrhaben, dachte an eine Gemütskrankheit oder eine Bedrückung der Seele und machte mir weis, ich sei schuld. Weil ich, der bewährte Kämpfer für den König, zu viel von ihm gefordert hätte. Doch in einer Vollmondnacht sah ich mit eigenen Augen, was aus ihm geworden war.« Er bedeckte sein Gesicht erneut mit den Fingern und schluchzte. »Aber er ist immer noch mein Sohn, !
Chastel. Ich klammerte mich an die Hoffnung, dass es ein Mittel dagegen gäbe, und versuchte vieles, für das Gott mich im Jenseits strafen wird.« Jean spürte eine Spur Mitleid für den Marquis, das sich gegen die Wut auf den Mann stemmte, der ein mörderisches Wesen hatte frei umherlaufen lassen.
»Er ließ sich nicht einsperren, Chastel«, raunte de Morangiès mit bebenden Schultern. Er erahnte die Gedanken des Wildhüters. »Er lachte mich aus und lebte sein Leben. Aber als die Morde geschahen und er nachweislich nicht an den Orten gewesen sein konnte, glaubte ich an seine Unschuld. Oder besser gesagt«, er senkte den Blick, »ich redete mir ein, dass er unschuldig war, und machte Jagd - wie er - auf die andere Bestie.«
»Auf meinen Sohn, der von Eurem Sohn lernte, mon Seigneur.« »Ja, vermutlich wird es so gewesen sein«, sagte der Marquis erschüttert. Schweigend saßen sie im Salon. Der eine Mann trauerte um seine Söhne, der andere bereitete sich auf den Tod seines eigenen Sprösslings vor, während die Nacht hereinbrach und die Livrierten erschienen, um die Kerzen zu entzünden. De Morangiès verlangte nach einer neuen Flasche Rotwein, noch bevor er die andere leerte. »Auch ich habe gelernt, Chastel.
Mit der Krankheit meines Sohnes und den Morden gingen weitere merkwürdige Begebenheiten einher.« Er ließ etwas zu essen bringen. In seiner Stimme steckte der Alkohol, machte sie undeutlicher und dramatischer. »Menschen, die nach meinem Sohn suchten, tauchten im Gévaudan auf. Die Art der Morde, die er abseits im Vivarais begangen hatte, lockte sie an. Der Legat, den Ihr erschossen habt, war nur einer davon.« Er bedeutete seinem Gast, sich zu stärken und von dem Braten, dem Brot und dem Gemüse zu nehmen, das gerade hereingebracht wurde.
»Die Männer im Wald waren diese anderen, mon Seigneur?« Jean nahm sich Brot und schnitt Fleisch von der gebratenen Hirschkeule. »Ihr habt es erfasst. Es waren aber keine Italiener, wie Ihr angenommen habt, sondern Rumänen.« Er stand auf, ging zu einem Sekretär und öffnete eine kleine Schublade. Mit etwas Metallischem, Goldenem kehrte er zurück und legte es vor Jean auf den Tisch. »Das haben wir einem von ihnen abgenommen, als sie zum ersten Mal im Gévaudan auftauchten.« Jean sah eine goldene Kette mit festen Gliedern; der Anhänger bestand aus einer dicken Fassung, in die ein Reißzahn eingelassen war. Ein Reißzahn, wie er nur zu einem Loup-Garou passte! »Wer sind sie?« »Sie nennen sich selbst Orden des Lycáon. Sie verehren die Bestien und streben nach der vermeintlichen Göttlichkeit, die sie der Sage nach durch Zeus erhalten haben. Sie suchen nach den Loup-Garous, beschützen sie vor Gefahren und trachten danach, in einem Ritual von ihnen entweder gebissen oder zerfleischt zu werden. Wie es für einen Akoluthen endet, hängt von dem Willen des Loup-Garou ab.« »Wahnsinnige!« Jean konnte nicht fassen, was er da hörte. Das bedeutete, dass seine Arbeit mit François' Tod lange nicht beendet war. Er würde nicht ruhen können, bevor er nicht auch diesen Orden ausgemerzt hatte. »Wisst Ihr mehr über sie, mon Seigneur?« »Nicht mehr, als ich Euch bereits sagte. Ich ahne nur, dass mein Sohn die Geheimnisse des Ordens kennt.« »Und wo fi nde ich ihn, mon Seigneur?« De Morangiès legte die Hände zusammen. Ein letztes Mal überlegte er, haderte mit seiner Entscheidung. »Rom«, sagte er schließlich. »Er ist nach Rom gereist, um eine Sache zu Ende zu bringen, wie er meinte.« Der Marquis wischte sich die Hände an einer Serviette ab, kehrte zum Sekretär zurück und nahm Tinte und Federkiel zur Hand. »Das ist die Anschrift der Absteigen, die er gern benutzt. Ich schreibe Euch außerdem den Namen von zwei seiner Freunde auf. Solltet Ihr mit den Adressen nicht weiterkommen, fragt sie nach Beistand.« Er schrieb das Blatt beinahe voll, danach setzte er einen großen Tropfen Siegellack darunter und drückte seinen Ring hinein. »Das ist alles, was ich für Euch tun kann, Chastel.« Er legte einen Beutel dazu. »Das sind einhundert Livres. Sie werden Euch ein wenig helfen, hoffe ich. Solltet Ihr weitere Unterstützung benötigen, lasst es mich wissen.«
»Ihr seid sehr großzügig, mon Seigneur.« De Morangiès kehrte an den Tisch zurück und reichte Beutel und Blatt an den Wildhüter. »Nein, ich bin nicht großzügig. Ich erkaufe mir nur Euer Schweigen, Chastel. Mein Gewissen kann ich nicht mehr reinwaschen. Nehmt das Geheimnis meiner Familie eines Tages mit ins Grab und vergebt mir heute schon, einem bangenden Vater, dass ich nicht eher handelte, wie Ihr es bei Eurem Sohn Antoine getan habt.« »Ich werde nichts erzählen, mon Seigneur. Das gelobe ich.«
Jean stand auf. »Was ist mit seiner Gespielin, die meinen Antoine zum Loup-Garou machte? In welcher menschlichen Gestalt verbirgt sie sich?« »Ich kann es euch nicht sagen. Ich habe die Ausgeburt der Hölle nur einmal gesehen, in ihrer abscheulichen Gestalt. Doch soweit ich weiß, ist sie fort, und ich lasse bereits von meinen Männern überall nach ihr suchen. Überlasst sie mir, damit Ihr das blutige Handwerk nicht allein ausüben müsst.« Der Marquis strich gedankenverloren über das Silberbesteck. »Ja, mon Seigneur.« Jean wollte gehen, da ergriff der Marquis seinen rechten Ärmelaufschlag. »Eines noch: Tötet meinen Sohn schnell, Chastel. Auch wenn er Euch unvorstellbares Leid zugefügt hat, rächt Euch nicht auf diese Weise. Bedenkt, dass er wie Euer Sohn Antoine ein Opfer geworden ist.« »Wenn es in meiner Macht liegt, wird ihm eine einzige Silberkugel aus dieser Muskete die Erlösung bringen.« Jean verneigte sich vor dem alten Marquis und verließ eilends das Schloss. Die Sorge um die einzige Person, für die er noch inbrünstige und aufrichtige Liebe empfand, trieb ihn vorwärts, geradewegs zu dem Pferd, das er sich für sein letztes Geld gekauft hatte. Als er sich in den Sattel schwang, bemerkte er den roten Kratzer am Handgelenk, den er seit jenem Tag trug, an dem er Antoine getötet hatte. Er war noch immer nicht verheilt. Und er brannte wie Feuer.
22. Juni 1767, Saint-Alban,
Schloss der Familie de Morangiès
Macht Euch nicht lächerlich, Abbé. Die Bestie ist tot.« So, wie Pierre-Charles, Comte de Morangiès, es sagte, klang es nach einem Befehl. Wie immer, wenn die Rede auf das Untier kam, das im Gévaudan mehr als drei Jahre lang gewütet hatte.
Abbé Acot saß dem alten Comte gegenüber. Vor ihm stand ein Glas Wein, ein edler Tropfen, wie er ihn nur selten zu schmecken bekam. Obwohl die Sonne durch die geschlossenen Fenster des hohen Raumes fiel und die Hitze drückend über dem Gévaudan lag, schien sie an den dicken Mauern des Schlosses zu scheitern. Dennoch schwitzte der Abbé in seiner einfachen schwarzen Priesterkutte, die angesichts der Pracht um ihn herum wie das schäbige Gewand eines Bettlers wirkte.
Kleine Perlen rannen aus den kurzen, schwarzen Haaren über seine Stirn. Er war kaum dreiundzwanzig Jahre alt und wagte es trotzdem, dem mächtigsten Mann des Gévaudan die Stirn zu bieten - einem Mann mit viel Einfluss am französischen Hof, dem es ein Leichtes wäre, einem einfachen Abbé das Leben schwer zu machen. Dieses Wissen um die möglicherweise nur noch ein paar Worte entfernte Hölle auf Erden half nicht, die Nervosität des Abbés zu besänftigen. Also trank er mehr Wein, als gut für ihn war, doch er benötigte allen Mut, den er aufbringen konnte.
Dabei war der Abbé alles andere als ein furchtsamer Mensch. Er saß nur deswegen im Salon des Schlosses, weil er mit solcher Eindringlichkeit am Tor darum gebeten hatte, eingelassen zu werden, dass es unmöglich gewesen war, ihn abzuweisen. Es ging wirklich um Leben und Tod.
Acot schluckte, wischte den Schweiß von der Stirn und sah dem Mann in die graugrünen Augen. Selbst im Sommer verzichtete der Comte, zugleich Marquis von Saint-Alban, Chevalier de Saint-Louis, Seigneur zahlreicher Pfarreien und einst erfolgreicher Lieutenant Général Seiner Majestät, nicht auf seine Weißhaarperücke und die schwere, bestickte Jacke in Dunkelblau. Beides verlieh ihm eine zusätzliche Aura der Autorität, die jeden Besucher leiser und demütiger sprechen ließ, als es vielleicht notwendig gewesen wäre. »Es ist ein Wolf erlegt worden, das möchte ich zugestehen, mon Seigneur.«
»Es war die Bestie. Das sollte sich auch bis in die Pfarreien herumgesprochen haben, die Ihr durchwandert, Abbé.« Der Comte hob das Glas. »Lang leben der Marquis d'Apcher und seine Jäger.« Acot trank den Wein aus. Ein Brennen in seinem Magen zeigte ihm, dass die Säure ihm nicht bekam. Dafür stieg sein Mut.
»Und ich bestehe darauf, mon Seigneur: Das Biest streicht noch immer durch die Wälder. Man hat dem Volk einen Wolf gezeigt, und zwar nicht, weil der wahre Anblick der Bestie zu schwer zu ertragen ist, sondern weil sie noch keiner erlegt hat.«
»Abbé!« Morangiès stellte das Glas so hart auf den Tisch, dass es zwischen Stiel und Kelch zerbrach. Der rote Wein ergoss sich über den dunklen Holztisch. »Da seht Ihr, was Ihr mit Euren Torheiten angerichtet habt. Ein edler Tropfen ist verloren gegangen.«
»Torheit, mon Seigneur?« Acot beugte sich rasch nach seiner Tasche, um dem Blick zu entkommen, der ihn für diese Anmaßung mit Sicherheit getroffen hätte, und holte einen Packen handschriftlicher Notizen hervor. »Diese hier sammele ich, seit die Bestie aufgetaucht ist. Ich befrage Augenzeugen, Opfer und Jäger. Und ich habe mir den Wolf, den man durchs Gévaudan schleift, bis er zusammen mit Chastel seinen Weg nach Versailles machen wird, genau angesehen.« Er wedelte mit den Papieren. »Nichts, aber auch nichts stimmt mit dem überein, was die Menschen mir beschrieben haben, mon Seigneur. Die Bestie ist da draußen und wird wieder Menschen fressen!«
Morangiès streckte die beringte Hand nach den Blättern aus. Acot reichte sie ihm zögerlich. »Ihr wisst, dass Ihr gegen das Gebot des Königs verstoßt, indem Ihr behauptet, die Bestie lebt?«, sagte er beiläufig und dennoch drohend. »Welches Interesse habt Ihr, mon Seigneur, mir und den Pfarreien weismachen zu wollen, dass die Bestie tot ist?«, retournierte der Abbé unerschrocken - und erschrak selbst über den Klang seiner Worte. Nun war er zu weit gegangen ... doch er musste den Mann überzeugen, die Jagd nicht aufzugeben! Das war er Gott und den Menschen in dieser Region schuldig.
Morangiès zog die Augenbrauen zusammen. Scheinbar achtlos legte er die Aufzeichnungen neben sich, außer Reichweite des jungen Mannes, und legte eine Hand auf sie. Eine Geste, welche die Beiläufigkeit Lügen strafte. »Wie redet Ihr mit mir? Was wollt Ihr mir da unterstellen, Abbé?« »Ich unterstelle Euch gar nichts, mon Seigneur. Ich wundere mich nur, dass Dutzende von Menschen das Offensichtliche nicht erkennen wollen.« Er zeigte auf die Notizen. »Darin steht alles. Die Bestie lebt, und die Menschen müssen gewarnt werden.«
»Eure Zweifel werden sich legen, wenn Ihr seht, dass es keine weiteren Opfer mehr gibt«, schwächte der Marquis ab und ignorierte die geöffnete Hand des Abbés, der sein Eigentum stumm zurückerbat. »Bis dahin konfisziere ich im Namen des Königs diese Unterlagen, um die Bevölkerung vor Euren Theorien zu bewahren, die nur neue und sinnlose Unruhe ins Gévaudan tragen.«
»Mon Seigneur, das ...« »... ist meine Pflicht, geschätzter Abbé«, fiel ihm Morangiès in die Rede. »Ich kann nicht zulassen, dass die Männer und Frauen schon wieder in Furcht leben.« Sein rechter kleiner Finger tippte zweimal auf den Stapel. »Und bedenkt, was Ihr mit Euren Mutmaßungen in Versailles anrichtet. Ihr würdet den König der Lüge bezichtigen, und welche Auswirkungen das für Euch haben wird, werdet Ihr Euch selbst ausmalen können.« Er zog an der Klingelschnur, die neben ihm hing. Gleich darauf erschien ein Bediensteter und nahm die Papiere in Empfang. »Ich schütze Euch damit, Abbé. Ihr müsstet mir dankbar sein.« Die Worte saßen. Acot sank zusammen und starrte auf seine Notizen, die unerreichbar für ihn geworden waren. Er wusste nicht, was er sagen oder tun sollte. Ausgerechnet jetzt wurde kein Wein und damit kein neuerlicher Mut mehr nachgeschenkt. »Mon Seigneur, Monsieur Jean Chastel erbittet Euer Gehör«, sagte der Livrierte - leise zwar, aber doch so, dass es der Abbé ebenfalls hörte »Schick ihn weg.«
»Er sagte, es sei sehr dringend und dass es um Euren Sohn ginge«, beharrte der Bedienstete. »Und um seinen Sohn Antoine.«
Acot stutzte. Dass der Marquis den Helden des Gévaudan nicht empfangen wollte, hatte sicherlich etwas zu bedeuten. Auch der Name des jüngeren Sohnes, Antoine, war ihm mehr als einmal bei seinen Nachforschungen begegnet. Still pries er den Herrn für die Vorsehung und wartete gespannt, was geschah. Und tatsächlich - der Comte änderte seine Meinung. »Bring ihn herein. Abbé Acot wollte uns eben verlassen.« Morangiès nickte ihm zu, die graugrünen Augen blickten hart. »Einen angenehmen Tag wünsche ich Euch. Denkt an unsere Abmachung und hütet Eure Zunge davor, von Dingen zu berichten, die so nicht stimmen. Ihr würdet es bereuen.« Acot stand auf und verneigte sich. Er musste sich beherrschen, um sich nicht durch weitere unbedachte Worte unwiderruflich in Misskredit zu bringen. Er dachte keinesfalls daran, mit seinen Nachfragen aufzuhören, aber das wiederum sollte den Marquis nichts angehen. In der Halle begegnete er Chastel, einem kräftigen Jäger im besten Mannesalter mit langen, weißen Haaren und einem markanten Antlitz. Seine einfache Kleidung hatte gelitten, war angesengt und zerrissen, als sei er durch brennende Dornenbüsche gesprungen. In der Linken hielt er seinen Dreispitz, in der Rechten die doppelläufige Muskete, mit der er die angebliche Bestie vor den Augen des Marquis erlegt hatte. Acot ging ohne zu zögern auf Chastel zu. »Ich bin Abbé Acot, Monsieur Chastel«, stellte er sich vor. »Ich suchte nach Euch, doch bisher haben sich unsere Wege noch nicht gekreuzt. Helft mir, die Wahrheit zu sehen.« Er trat einen weiteren Schritt an den Mann heran, stand nun direkt neben ihm und neigte den Kopf nach vorn. »Sagt, habt Ihr die wahre Bestie erlegt oder seid Ihr ein Rädchen in diesem verwirrenden Spiel um Wahrheit und Lüge, das weitere Menschenkinder das Leben kosten wird?« Er sprach leise, damit ihn der livrierte Diener nicht verstehen konnte, doch mit großem Nachdruck. »Bei der Liebe Gottes, sprecht die Wahrheit!« Chastel sah ihn mit merkwürdig verschleiertem Blick an. »Die Liebe Gottes? Ich fürchte, ich habe bislang nur seinen Hass kennen gelernt.« Mit diesen Worten ging er an ihm vorbei und folgte dem Livrierten die Treppen hinauf zum Salon. Jean Chastel ging nicht zum ersten Mal durch das Schloss, vorbei an getäfelten Wänden und den Porträts der Ahnen, an Landschaftsgemälden, edlem Porzellan und anderem wunderbar zur Schau gestelltem Reichtum. Doch diesmal würdigte er all die Pracht ebenso wenig wie die Andenken aus den Zeiten, als der Marquis noch ein bekannter und bewährter Soldat des Königs gewesen war. Ein Held auf dem Schlachtfeld,
ruhmreich, vielfach ausgezeichnet. Und doch genauso verfl ucht wie ich, dachte Jean. Endlich stand er vor der Tür des Salons. Sie wurde ihm erst geöffnet, nachdem er noch einmal warten musste, um ihm deutlich zu machen, wie unwichtig seine Gegenwart dem Marquis war. Der Bedienstete machte einen Schritt in den Raum und verkündete laut seinen Namen, dann zog er sich wieder zurück.
Jean wusste, was er tun sollte, doch er fand keinen Anfang, sondern klammerte sich an Hut und Waffe. Erst nach einer Weile suchte sein Blick den seines Gegenübers. »Mon Seigneur«, sprach er mit deutlichem Zittern in der Stimme, »Ihr seht einen verzweifelten Mann vor Euch, dem die Bestie beinahe alles genommen hat, was er liebt.«
»Und dennoch habt Ihr über sie triumphiert, Monsieur. Meinen Glückwunsch dafür.« Der Marquis zeigte mit vornehmem Handschwung auf den Sessel ihm gegenüber. »Nehmt Platz und schildert, was ich für Euch tun kann, Monsieur.« Jean ließ sich in das Polster sinken. Auf unerklärliche Weise fühlte er sich vor de Morangiès wie ein Schuljunge, der dem Vater gestehen musste, dass er einen Apfel gestohlen oder ein gutes Glas zerbrochen hatte. Der Adlige wirkte trotz der nicht übermäßig protzigen Uniform unglaublich autoritär und beeindruckend, eine wahre Majestät.
»Ich jagte die Bestie jahrelang, mon Seigneur, in vielen Pfarreien, und streckte sie endlich nieder. Aber ich fürchte ... es gibt eine zweite, die auf dem besten Wege ist zu entkommen.« »Eine zweite? Ihr redet so wirr wie Abbé Acot, Chastel.« De Morangiès versuchte es mit Unfreundlichkeit, obwohl auch seine innere Anspannung offenkundig stieg. Jean schüttelte den Kopf. »Nein, mon Seigneur. Eine der Bestien war ... war mein Sohn, den ich mit meinen eigenen Händen getötet habe.« Er schwieg, weil die Gefühle aufstiegen und ihn zu überwältigen drohten. Der Dreispitz vibrierte, da die Finger das Zittern an ihn weitergaben. Jean atmete ein und aus, fing sich und setzte erneut an. »Aber er war nicht die einzige Bestie. Es gibt Hinweise, mon Seigneur, dass Euer Sohn etwas damit zu tun hat.«
De Morangiès starrte ihn an, doch Jean hielt dem Blick stand. Und dann schien sich plötzlich etwas im Gesicht des Adligen zu verändern. Er langte hastig nach seinem Glas und stürzte es hinab. »Ihr seid wahnsinnig, Chastel«, raunte er. »Vollkommen wahnsinnig! Seid Ihr in der Wildnis ...«
»Ich bin sicherlich nicht wahnsinnig, auch wenn ich in diesem Aufzug vielleicht den Eindruck erwecken mag. Seit dem Brand im Kloster folge ich der Fährte einer Bestie, die von den Mauern wegführte und quer durchs Gévaudan ging, um letztlich hier zu enden. Ich kenne diese Spuren, mon Seigneur, ich kenne sie sehr genau. Und Ihr auch.«
De Morangiès legte die Fingerspitzen aneinander und schluckte. »Ich sehe keinerlei Verbindung zu meinem Sohn, Chastel«, sagte er und hielt die Maskerade aufrecht, so gut es ging, aber der unstete Blick, der es nicht wagte, Jeans Augen zu treffen, verriet zu viel.
Diese Unsicherheit machte Jean mutiger. »Es war Euer Sohn, mon Seigneur, der uns aus dem Gefängnis von Saugues befreit und vor der Strafe bewahrt hat.« Er stand auf, warf den Dreispitz auf den Stuhl und lehnte die Muskete gegen die Lehne. »Und Euer Sohn, mon Seigneur, kennt meinen Sohn aus den Tagen in der Fremde. Ich weiß nicht, was sich damals ereignete, aber ich bin mir sicher, dass sie mehr als nur Bekannte waren.« Jean beugte sich über den Tisch. »Bei den Toten, die mein Sohn und Euer Sohn zu verantworten haben, bitte ich Euch, die Wahrheit zu offenbaren: Ist Euer Sohn eine Bestie? Kennt er die Frau, die das Bestienweibchen ist? Trägt er die Schuld, dass mein Antoine zum reißenden Tier geworden ist, und unterrichtete er ihn im Morden, mon Seigneur? Sagt mir, was Ihr wisst!«
Der Marquis sah minutenlang auf den Tisch, abwesend und mit immer bleicherem Ausdruck, dann senkte er den Kopf und bedeckte das Gesicht zur Hälfte mit der Hand. »Es ist ein furchtbarer Fluch, Chastel«, flüsterte er verzweifelt. »Er kann nichts dafür.«
»Er ist nicht länger Euer Sohn, nicht mehr der Mensch, den Ihr einst in die Welt gesetzt habt, mon Seigneur. Ich ... auch ich selbst habe lange Zeit gebraucht, um mir einzugestehen, dass Antoine für immer verloren ist.« Jean kannte die Gefühle, die im Marquis tobten; dennoch gewährte er ihm kaum Mitleid. Der Adlige hatte die Taten seines Sohnes zu lange gedeckt und hätte es weiterhin getan, wenn er nicht erschienen wäre, um ihn zur Rede zu stellen. »Das Feuer im Kloster ist sein Werk, mon Seigneur, daran gibt es keinen Zweifel für mich. In den Flammen starben mein zweiter Sohn und seine Verlobte.« Er sah dem Marquis fest in die Augen, doch merkte schon, wie ihn seine Gefühle zu übermannen drohten. »Das Sterben muss enden.« »Ihr ... Ihr verlangt das Leben meines Sohnes?«
Jean berührte den Lauf seiner Muskete. »Ich habe allen Grund, danach zu trachten. Und wenn wir ihn nicht aufhalten, mon Seigneur, wird er weiter sein Unwesen treiben und mit der Frau noch mehr Bestien erschaffen. Denkt an die Menschen Eurer Heimat!« Er sank vor dem Marquis auf die Knie und hob bittend die Arme, die leeren Handfl ächen nach oben gereckt. »Helft mir, mon Seigneur, Euren Sohn ausfindig zu machen und ihn zusammen mit seiner Gefährtin zu töten, damit sie den Keim des Bösen nicht weitergeben.« Tränen liefen ihm über die Wangen. »Verhindert das Leid weiterer Unschuldiger, ich bitte Euch. Lasst sie nicht erleiden, was ich erlitten habe.« Er senkte das Haupt. De Morangiès schluckte, streckte die rechte Hand aus und berührte Jeans Schulter. »Steht auf, Chastel. Ich kann ... Ich kann Euren Wunsch unmöglich erfüllen!«
Der Wildhüter stemmte sich mit Hilfe seiner Muskete auf die Beine. »Euer Sohn ist ein Dämon und kein menschliches Wesen, mon Seigneur«, flüsterte er. »Durch ihn verbreitet sich dieser Fluch weiter und weiter. Euer Sohn ist vor mir geflohen.« Dabei wandte er sich wieder dem Marquis zu. »Er weiß, dass ich sein Geheimnis kenne.«
De Morangiès rang nach Atem, nahm ein Glas und goss sich Wein ein, stürzte ihn hinab und schenkte sich wieder nach. Wieder trank er die Hälfte auf einen Zug. »Vielleicht habt Ihr Recht, Chastel«, sprach er tonlos. »Vielleicht ist François' Stunde und die seiner Gefährtin gekommen. Ich kann und will ihn nicht länger decken. Meine Zaghaftigkeit tötete genügend Unschuldige, und mein Gewissen hat sich seit Jahren nach einem Mann wie Euch gesehnt, Chastel. Ich selbst ... ich konnte es einfach nicht.« Er suchte Jeans Blick, und auf einmal zeigten seine Augen keine Spur mehr von Unsicherheit. »Aber wenn ich Euch sagen soll, was ich weiß, habe ich eine Bedingung.« »Welche wäre es, mon Seigneur?«
»Niemand darf jemals die Wahrheit erfahren. Tötet ihn aus dem Hinterhalt, in einem vermeintlichen Duell, lasst es nach einem Kampf aussehen, das ist mir gleich. Aber niemand soll den Eindruck haben, dass François etwas mit der Bestie des Gévaudan zu tun hatte.« »Das werde ich.« Jean verneigte sich, dankbar, die Geschichte zum Abschluss bringen zu können und die Bestien auszurotten.
»Was wisst Ihr von dieser Sache, Chastel? Lasst uns offen miteinander sein ... Erzählt mir alles.« »Ich ahne vieles und weiß nichts.« Jean begann mit seinem Bericht an jenem Tag im Wald bei Vivarais, als sie den ersten Werwolf erschossen hatten. Wie der Leidensweg von Antoine begann und er sich immer weiter zu einer mordenden Bestie entwickelt hatte; wie er seinen Bruder und ihn in Gefahr gebracht hatte, was ihnen Malesky über die Wandelwesen berichtet konnte und wie sie Antoine schließlich im Wald töten mussten. Dabei verschwieg er auch nicht das Gefecht mit den Unbekannten, die an einem lebenden Werwolf interessiert gewesen waren.
De Morangiès hörte zu und unterbrach ihn kein einziges Mal, dann schloss er die Augen. »Es ist, wie Ihr vermutet habt, Chastel «, gestand er langsam. »Mein Sohn François ist ein Loup-Garou. Der Fluch traf ihn auf seiner Reise im Mittelmeer, als er seinem König diente. Von diesem Moment an veränderte sich mein Junge. Er wurde unstet, änderte seinen Lebenswandel und wurde ein Herumtreiber, der brutale Neigungen und seinen Hang zu Frauen auslebte.« Er hob die Lider und sah Jean an. »Er war einst ein guter, freundlicher Junge, Chastel. Aber die Bestie in ihm hat ihn zu einem wilden Tier gemacht. Ich wollte es nicht wahrhaben, dachte an eine Gemütskrankheit oder eine Bedrückung der Seele und machte mir weis, ich sei schuld. Weil ich, der bewährte Kämpfer für den König, zu viel von ihm gefordert hätte. Doch in einer Vollmondnacht sah ich mit eigenen Augen, was aus ihm geworden war.« Er bedeckte sein Gesicht erneut mit den Fingern und schluchzte. »Aber er ist immer noch mein Sohn, !
Chastel. Ich klammerte mich an die Hoffnung, dass es ein Mittel dagegen gäbe, und versuchte vieles, für das Gott mich im Jenseits strafen wird.« Jean spürte eine Spur Mitleid für den Marquis, das sich gegen die Wut auf den Mann stemmte, der ein mörderisches Wesen hatte frei umherlaufen lassen.
»Er ließ sich nicht einsperren, Chastel«, raunte de Morangiès mit bebenden Schultern. Er erahnte die Gedanken des Wildhüters. »Er lachte mich aus und lebte sein Leben. Aber als die Morde geschahen und er nachweislich nicht an den Orten gewesen sein konnte, glaubte ich an seine Unschuld. Oder besser gesagt«, er senkte den Blick, »ich redete mir ein, dass er unschuldig war, und machte Jagd - wie er - auf die andere Bestie.«
»Auf meinen Sohn, der von Eurem Sohn lernte, mon Seigneur.« »Ja, vermutlich wird es so gewesen sein«, sagte der Marquis erschüttert. Schweigend saßen sie im Salon. Der eine Mann trauerte um seine Söhne, der andere bereitete sich auf den Tod seines eigenen Sprösslings vor, während die Nacht hereinbrach und die Livrierten erschienen, um die Kerzen zu entzünden. De Morangiès verlangte nach einer neuen Flasche Rotwein, noch bevor er die andere leerte. »Auch ich habe gelernt, Chastel.
Mit der Krankheit meines Sohnes und den Morden gingen weitere merkwürdige Begebenheiten einher.« Er ließ etwas zu essen bringen. In seiner Stimme steckte der Alkohol, machte sie undeutlicher und dramatischer. »Menschen, die nach meinem Sohn suchten, tauchten im Gévaudan auf. Die Art der Morde, die er abseits im Vivarais begangen hatte, lockte sie an. Der Legat, den Ihr erschossen habt, war nur einer davon.« Er bedeutete seinem Gast, sich zu stärken und von dem Braten, dem Brot und dem Gemüse zu nehmen, das gerade hereingebracht wurde.
»Die Männer im Wald waren diese anderen, mon Seigneur?« Jean nahm sich Brot und schnitt Fleisch von der gebratenen Hirschkeule. »Ihr habt es erfasst. Es waren aber keine Italiener, wie Ihr angenommen habt, sondern Rumänen.« Er stand auf, ging zu einem Sekretär und öffnete eine kleine Schublade. Mit etwas Metallischem, Goldenem kehrte er zurück und legte es vor Jean auf den Tisch. »Das haben wir einem von ihnen abgenommen, als sie zum ersten Mal im Gévaudan auftauchten.« Jean sah eine goldene Kette mit festen Gliedern; der Anhänger bestand aus einer dicken Fassung, in die ein Reißzahn eingelassen war. Ein Reißzahn, wie er nur zu einem Loup-Garou passte! »Wer sind sie?« »Sie nennen sich selbst Orden des Lycáon. Sie verehren die Bestien und streben nach der vermeintlichen Göttlichkeit, die sie der Sage nach durch Zeus erhalten haben. Sie suchen nach den Loup-Garous, beschützen sie vor Gefahren und trachten danach, in einem Ritual von ihnen entweder gebissen oder zerfleischt zu werden. Wie es für einen Akoluthen endet, hängt von dem Willen des Loup-Garou ab.« »Wahnsinnige!« Jean konnte nicht fassen, was er da hörte. Das bedeutete, dass seine Arbeit mit François' Tod lange nicht beendet war. Er würde nicht ruhen können, bevor er nicht auch diesen Orden ausgemerzt hatte. »Wisst Ihr mehr über sie, mon Seigneur?« »Nicht mehr, als ich Euch bereits sagte. Ich ahne nur, dass mein Sohn die Geheimnisse des Ordens kennt.« »Und wo fi nde ich ihn, mon Seigneur?« De Morangiès legte die Hände zusammen. Ein letztes Mal überlegte er, haderte mit seiner Entscheidung. »Rom«, sagte er schließlich. »Er ist nach Rom gereist, um eine Sache zu Ende zu bringen, wie er meinte.« Der Marquis wischte sich die Hände an einer Serviette ab, kehrte zum Sekretär zurück und nahm Tinte und Federkiel zur Hand. »Das ist die Anschrift der Absteigen, die er gern benutzt. Ich schreibe Euch außerdem den Namen von zwei seiner Freunde auf. Solltet Ihr mit den Adressen nicht weiterkommen, fragt sie nach Beistand.« Er schrieb das Blatt beinahe voll, danach setzte er einen großen Tropfen Siegellack darunter und drückte seinen Ring hinein. »Das ist alles, was ich für Euch tun kann, Chastel.« Er legte einen Beutel dazu. »Das sind einhundert Livres. Sie werden Euch ein wenig helfen, hoffe ich. Solltet Ihr weitere Unterstützung benötigen, lasst es mich wissen.«
»Ihr seid sehr großzügig, mon Seigneur.« De Morangiès kehrte an den Tisch zurück und reichte Beutel und Blatt an den Wildhüter. »Nein, ich bin nicht großzügig. Ich erkaufe mir nur Euer Schweigen, Chastel. Mein Gewissen kann ich nicht mehr reinwaschen. Nehmt das Geheimnis meiner Familie eines Tages mit ins Grab und vergebt mir heute schon, einem bangenden Vater, dass ich nicht eher handelte, wie Ihr es bei Eurem Sohn Antoine getan habt.« »Ich werde nichts erzählen, mon Seigneur. Das gelobe ich.«
Jean stand auf. »Was ist mit seiner Gespielin, die meinen Antoine zum Loup-Garou machte? In welcher menschlichen Gestalt verbirgt sie sich?« »Ich kann es euch nicht sagen. Ich habe die Ausgeburt der Hölle nur einmal gesehen, in ihrer abscheulichen Gestalt. Doch soweit ich weiß, ist sie fort, und ich lasse bereits von meinen Männern überall nach ihr suchen. Überlasst sie mir, damit Ihr das blutige Handwerk nicht allein ausüben müsst.« Der Marquis strich gedankenverloren über das Silberbesteck. »Ja, mon Seigneur.« Jean wollte gehen, da ergriff der Marquis seinen rechten Ärmelaufschlag. »Eines noch: Tötet meinen Sohn schnell, Chastel. Auch wenn er Euch unvorstellbares Leid zugefügt hat, rächt Euch nicht auf diese Weise. Bedenkt, dass er wie Euer Sohn Antoine ein Opfer geworden ist.« »Wenn es in meiner Macht liegt, wird ihm eine einzige Silberkugel aus dieser Muskete die Erlösung bringen.« Jean verneigte sich vor dem alten Marquis und verließ eilends das Schloss. Die Sorge um die einzige Person, für die er noch inbrünstige und aufrichtige Liebe empfand, trieb ihn vorwärts, geradewegs zu dem Pferd, das er sich für sein letztes Geld gekauft hatte. Als er sich in den Sattel schwang, bemerkte er den roten Kratzer am Handgelenk, den er seit jenem Tag trug, an dem er Antoine getötet hatte. Er war noch immer nicht verheilt. Und er brannte wie Feuer.