Vom "Hello, I'm Johnny Cash"-Intro bis zum erstmals veröffentlichten Wahnsinns-Schluss-Medley, bei dem alle Beteiligten nochmal so richtig loslegen: Diese CD "perfekt" zu nennen, wäre eine bodenlose Untertreibung. Mit ihr messen kann sich höchstens Cashs "At Folsom Prison" aus dem Jahr zuvor.
"San Quentin" klingt etwas härter als "At Folsom Prison", ist stärker vom Rock'n Roll geprägt, aber musikalisch ist das Album genauso vielseitig: Gospel, Blues und Folk kommen ebenso zu ihrem Recht, in wunderbaren, bis dato unbekannten Versionen von "The Old Account Was Settled Long Ago", "Peace in the Valley", "Don't Know Where I'm Bound", Carl Perkins' "Daddy Sang Bass" (mit stimmkräftiger Unterstützung der gesamten Truppe!), Dylans "Wanted Man"... Und dann natürlich der "Folsom Prison Blues". Herz, was du begehrst... und noch mehr.
Mit dieser CD bekommt man erstmals das (fast -- dazu später) vollständige Konzert zu hören: 8 (in Worten: acht) zusätzliche Tracks sind hier enthalten, jeder einzelne mindestens so gut wie die bereits von der LP bekannten, und die musikalische Bandbreite ist enorm erweitert. Außerdem wurde die Zensur endlich rückgängig gemacht -- "A Boy Named Sue" ohne überpiepste Kraftausdrücke, und überhaupt: Endlich Johnny Cashs komplette Ansagen, ungekürzt, unzensiert. Ohne sie wäre das Album nicht das, was es ist: einmalig, "Johnny Cash at San Quentin" eben.
Soviel fürs erste zur Musik -- aber Cashs "Knastalben" sind nicht nur musikalische Meilensteine. Was für "At Folsom Prison" gilt, gilt nämlich auch hier: Wer außer Johnny Cash hätte es bringen können, seine berühmte Zeile "I shot a man in Reno just to watch him die" im Hochsicherheits-Gefängnis zu singen, ohne sich lächerlich zu machen, und ohne gelyncht zu werden (oder beides, oder noch schlimmeres)? Cash bringt es, und auch wenn der Funke eh schon längst übergesprungen ist seit seinem ersten Satz -- jetzt übertrifft er sich endgültig selber. Oder sein "San Quentin", am Tag zuvor entstanden aus den niederschmetternden Eindrücken beim Betreten von San Quentin. Er muss es gleich wiederholen, eine Zugabe mitten im Konzert. Aber auch: Wer außer Cash hätte es wagen können, nach einem halben Dutzend mitreißender Nummern einen Gospel (He Turned the Water into Wine) anzusagen, ruhig, persönlich, ohne Pathos?
Die Stimmung kocht also, aber sie kocht nicht über -- dank Johnny Cash, dessen unglaubliche Präsenz man nicht nur hört, man spürt sie förmlich. Er kommt nicht als mildtätiger Onkel daher, nicht als nassforscher Möchtegern-Wohltäter oder als auf Kumpel machender Bekehrungsprediger, der partout beweisen will, dass er auch unanständige Wörter kennt: Nein, von der ersten Sekunde an steht er auf Augenhöhe mit seinem Publikum. Ungezwungene Plaudereien, schlagfertige Bemerkungen, sarkastische Kommentare, fiese Witze: alles kann man hören, zwischen den Songs und auch mittendrin, nichts davon ist aufgesetzt oder leutselig; alles ist so echt, wie ein Mensch nur sein kann. Am deutlichsten erkennt man das vielleicht in "Starkville City Jail", wo Cash mit viel Freude am skurrilen Detail berichtet, wie er einmal wegen nächtlichen Blumenpflückens inhaftiert wurde. Oder das Intermezzo mit der Blechtasse... Oder, oder... Homerisches Gelächter im Hochsicherheitstrakt.
Überhaupt, es sind diese vielen kleinen feinen Sahnehäubchen, die man erst nach und nach auf dieser CD findet: Etwa "A Boy Named Sue" -- ein klasse Country-Song, witzig sowieso, und niemals zuvor wurde eine Keilerei schöner besungen. Und selten war Cash mehr "country" als hier -- nur merkt man's nicht sofort. Sowas geht eben nur, wenn sich ein Meister ans Werk macht. Und wie alle großen Meister ist auch Cash bescheiden -- man höre sich einfach seine Ansage zu "Wanted Man" an, oder seine Vorstellung der anderen Musiker, dann weiß man, was ich meine.
Nur ein kleiner Wermutstropfen schleicht sich ein: Das Album ist zwar gut und gern doppelt so lang wie die alte Fassung, und gleich beim ersten Hören kriegt man den Mund nimmer zu vor Entzücken. Aber "vollständig" ist's leider immer noch nicht: Wer genau hinhört, dem fällt z.B. auf, dass "Jackson" zwar angesagt wird, nach "Peace in the Valley" ("the third from now") -- aber es kommt nicht. Und wie man hört, fehlt auch noch "Orange Blossom Special". Schade, schade, sowas von schade -- aber ich will nicht meckern, das steht mir nicht zu bei einem dermaßen genialen Album.
"At San Quentin" gehört zu den besten Live-Alben aller Zeiten, und aufgrund seiner ungeschönten Atmosphäre ragt es, zusammen mit "At Folsom Prison", sogar nochmal heraus.
Und weil's gar so liebevoll gemacht ist: Auch das Booklet zur Neuausgabe hat's in sich; es enthält jede Menge Erinnerungen der damals Beteiligten, niedergeschrieben im Jahr 2000. Die Atmosphäre von damals dringt hier noch durch: Merle Haggard, 1957/59 selber Häftling, kommt ebenso zu Wort wie June Carter oder Lou Robin; ihre Erinnerungen machen klar, welch ein Drahtseilakt dieses Konzert eben auch war: "[The Chief of Security] pointed out that if [...] the situation got out of control, those hundred guards or even another hundred would'nt be able to do much." June Carters Erinnerungen klingen intuitiver, treffen die Situation aber vielleicht noch besser. Und Johnny Cash selber erklärt u.a., wie es zu seinem berühmten Mittelfinger-Foto kam.
Fünf(zig/-hundert/-tausend...) Sterne