T. C. Boyle ist einer jener Schriftsteller, die, obwohl ihr wichtigstes Anliegen das Erzählen einer Geschichte ist, doch viel mehr zu sagen haben, als man vielleicht auf den ersten Blick vermutet. Er ist einer jener Schriftsteller, die es nicht nötig haben, sich und ihre Prosa zu einer Art Selbstdarstellung, bzw. als Selbstzweck verkommen zu lassen. Hier huldigen die Mittel dem Zweck, dem Erzählen einer Geschichte.
Dazu kommt T. C. Boyles Talent, ein sehr kritisches Buch, ein bewegendes und ernstes Buch schreiben zu können und den Leser trotzdem (zumindest mich) einige Male heftigen Lachkrämpfen auszusetzen (wie die Szene mit Hiros lakonisch geschilderten Einkaufsversuch in Clint Eastwood Manier...diese Szene gehört in die Reihe der witzigsten literarischen Sternstunden, die ich erlebt habe, ich habe, und es war schon 2 Uhr früh, Tränen gelacht...).
Der japanische Matrose Hiro Tanaka springt vor der Küste Savannahs von Bord eines Frachters und rettet sich (nach einem ersten und unverhofften Treffen mit der Schriftstellerin Ruth) an Land einer kleinen Insel, auf der eine Künstlerkolonie untergebracht ist. Außer den Künstlern scheinen dort nur halbseidene Südstaatler zu wohnen, die von anderen Amerikanern nicht einmal verstanden werden. Auf dieser Insel (die Hiro unwissentlich für das Festland hält) versucht er, als illegaler Einwanderer Fuß zu fassen.
Gleichzeitig entwickelt T. C. Boyle einen weiteren Erzählstrang, den der Schriftstellerin Ruth, der sich immer mehr mit der Geschichte Hiros vermischt, bis die beiden Erzählstränge in einem furiosen und traurigen Finale á la Yukio Mishima, Hiros großes Vorbild, gipfeln.
Statt mit der erhofften Freundlichkeit und Verständnis, begegnen ihm die Amerikaner nur mit Hass und Misstrauen. Das Land der Freien ist gar nicht so frei, zumindest nicht für Hiro. So wird Hiro bald von einem Agenten der Einwanderungsbehörde und einem Spezialisten (und Vietnamveteranen) gejagt. Herrlich komisch und teilweise politisch unkorrekt, wie T. C. Boyle die amerikanische Idee und die amerikanischen Klischeebilder aufs Korn nimmt und den "Spezialisten" mit einem Ghetto-Blaster und Musik von Donna Summers ("Die Japaner sind ganz scharf auf Musik von Donna Summers und Michael Jackson...") auf die Jagd nach Hiro schickt.
Ruth nimmt bald mehr Einfluss auf Hiros Leben als erwartet und wird zur Fluchthelferin und Mitwisserin, bis sie sich und Hiro mit einer kleinen Nachlässigkeit verrät.
Köstlich auch, wie T. C. Boyle den Kunstbetrieb, bzw. die Künstler generell (vertreten durch die Anwesenden der Künstlerkolonie) auf die Schaufel nimmt. Wie die permanent über Schönberg und die Dodekaphonie faselnde Komponisten, die ge-hypte Starschriftstellerin und die möchte-gern Starschriftstellerin Ruth, um nur drei hier kurz vorzustellen.
Mehr möchte ich hier eigentlich zur Handlung nicht verraten.
"Der Samurai von Savannah" hat mir ein paar Tage wirklicher Lesefreude bereitet. Ein paar wunderbar verwobene Geschichten, herrlich schrullige Gestalten und eine brillante Erzählstruktur, sowie das bei T. C. Boyle fast immer fehlende "Ich-Erzähler-Syndrom" sind die Zutaten für dieses überaus gelungene Buch. Dieses Buch vermittelt (wie auch T. C. Boyles herrliche Bücher "Wassermusik", "World's End", "Willkommen in Wellville" und seine vielen Erzählungen) eine innere und narrative Ruhe und Sicherheit, die den Leser einfach fesselt und berauscht.
Große Literatur und eine absolute Leseempfehlung.