Aus der Amazon.de-Redaktion
Autoren sind uninteressant! Behauptete Samuel Beckett, und dass sein eigenes Leben überhaupt nichts mit seinem Werk zu tun habe. Eine schwere Hypothek für einen Biografen wie James Knowlson, der auf über 1.000 Seiten aber genau dies versucht: uns den Menschen Beckett ebenso wie den Schriftsteller näher zu bringen. Andererseits sind Knowlsons Ausgangsbedingungen weitaus besser als die Deirdre Bairs, die sich in den 70er-Jahren an die erste umfassende Biografie des irischen Nobelpreisträgers wagte, bei der sie den Informationsmangel bisweilen durch eine flotte Schreibe und forsche Interpretationen auszugleichen suchte. Knowlson dagegen kennt als Leiter des Beckett-Archivs in Reading nicht nur das Werk und den Autor ausgezeichnet, sondern wurde von Beckett und dessen Umfeld großzügig mit Wissenswertem versorgt, hatte sogar als Erster Zugang zu vielen Briefen, Tagebüchern und Reisenotizen.
Die andere -- entscheidende -- Frage ist: Wie gelingt es, die Fülle des fleißig zusammengetragenen Materials und die Vielschichtigkeit einer menschlichen Existenz in eine geschlossene und gut lesbare Lebensgeschichte zu überführen? Hier erweist sich der englische Beckett-Spezialist bisweilen als zu detailverliebt: Von den Ergebnissen einzelner Cricket-Spiele aus Becketts Studienjahren bis hin zu den Rollkragenpullovern, die Beckett bei seiner Berliner Endspiel-Inszenierung gern getragen haben soll, bleibt dem Leser nichts verborgen. Andererseits schafft es diese Biografie in ihrer Sorgfalt, ein fassettenreiches Bild Becketts zu zeichnen -- jenseits des Klischees vom verschlossenen Misanthropen, der unzugängliche Texte verfasst. Beispielsweise Beckett als leidenschaftlicher Kunstkenner, der seine Malerfreunde unterstützte und sich von Musik und Bildender Kunst auch für sein Schreiben anregen ließ -- so war zum Beispiel die allererste Inspiration für Warten auf Godot ein Gemälde Caspar David Friedrichs.
Mit textimmanenten Interpretationen hält sich Knowlson auffallend zurück (in dieser Hinsicht ist Alfred Simons Beckett-Buch zu empfehlen), verfolgt stattdessen konsequent und erfolgreich die Strategie, Verknüpfungspunkte zwischen Leben und Werk aufzuspüren, was viel Erhellendes zutage bringt. Plötzlich begreift man beispielsweise, warum so manche Beckett-Figur sich mit drückenden Schuhen herumplagt, oder dass es Becketts eigene Seitensprünge und Affären sind, die in seinem Stück Spiel so eindrücklich ihren Widerhall finden.
Auch wenn die Verlagsfloskel von der "definitiven Biografie" zu hoch gegriffen ist, hat James Knowlson auf bislang eindrucksvollste Weise gezeigt, dass hinter einem der innovativsten und einflussreichsten Werke des 20. Jahrhunderts auch ein sehr interessanter Mensch zu entdecken ist. --Christian Stahl
Kurzbeschreibung
Als Samuel Beckett, einer der innovativsten und einflussreichsten Autoren des 20. Jahrhunderts, 1989 starb, war er weltberühmt. Spät - erst mit der Pariser Uraufführung von En attendant Godot 1953 - richteten sich die Scheinwerfer auf den öffentlichkeitsscheuen Autor. Beckett, 1906 geboren, studierte in Dublin und in Paris, wo er sich James Joyce anschloss. Ein erster Band mit Erzählungen erschien 1934. Drei Jahre später verließ er Irland für immer und zog nach Paris, aus dem ihn die deutsche Besatzung vorübergehend vertrieb. Verlage wagten sich an seine Bücher kaum heran - bis der Erfolg des Godot diesen und den materiellen Schwierigkeiten ein Ende bereitete. Jedoch um sein Schreiben, um eine Verfassung, die ihm das Schreiben überhaupt erlaubte, hat Beckett ein Leben lang gerungen. James Knowlson, der das Beckett-Archiv in Reading aufbaute, hat Becketts Werk mehr als dreißig Jahre erforscht. Mehr als zwanzig war er mit dem Autor befreundet. Ein halbes Jahr vor seinem Tod autori sierte Beckett Knowlsons Biographieprojekt: Er "ist der, der mein Werk am besten kennt". Auch zu Becketts Leben förderte Knowlson viel Unbekanntes ans Licht. So erhielt er als erster Zugang zu den aufregenden Tagebüchern von Becketts Deutschlandreise 1936/37. Mit seinen umfassenden Kenntnissen kann er zeigen, wie auch Becketts spätere Werke, die biographische Anspielungen eher vermeiden, in Leben und Denken des Autors verwurzelt sind. Fünf Jahre nach der englischen Erstveröffentlichung erscheint James Knowlsons große, definitive Biographie Samuel Becketts im Suhrkamp Verlag, der das Werk des irischen Nobelpreisträgers seit einem halben Jahrhundert deutsch in vielen (oft zwei- und dreisprachigen) Ausgaben herausbringt und verbreitet.