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Was für ein Glücksfall, dass diese Geschichten ihren Weg zwischen zwei Buchdeckel gefunden haben! Dass sich Joanne Harris bemüßigt fühlt, als kleine Einleitung eines jeden Textes ein paar persönliche Zeilen voranzuschicken – etwa zur Entstehungsgeschichte oder zum Hintergrund – lässt sich wohl nur mit oben erwähntem mäßigem Selbstbewusstsein erklären. Das natürlich vollkommen ungerechtfertigt ist. Diese Geschichten sprechen für sich und brauchen keine Rechtfertigung, warum und wieso sie entstanden sind.
Die Bandbreite der Geschichten ist erstaunlich: Mal sind es melancholisch-menschenfreundliche Geschichten über das Altern in Würde und dann wieder zynische Betrachtungen über die Menschheit knapp an der Grenze der Erträglichkeit. Ausgediente Vampire und verselbstständigte Romanfiguren geben sich hier genauso selbstverständlich ein Stelldichein wie schönheitsbesessene Teenies, vernunftsheiratsfrustrierte Finanzjongleure und adrenalingeschwängerte Macho-Autofahrer. Entgegen der einleitenden Worte der Autorin lesen sich die Geschichten so, als ob sie sehr leicht von der Hand gegangen wären – und darin liegt unter anderem wohl auch die Kunst einer Kurzgeschichte. Sie greifen einschneidende Ereignisse auf, ohne viel Worte zu benötigen. Joanne Harris ist das wunderbar gelungen. Ihre Figuren haben Konturen, sind manchmal sympathisch, manchmal abscheulich und dabei immer schlüssig. So harmlos der Titel und die Umschlaggestaltung auch wirken mögen: Eine heile Welt wird die Leserin hier vergebens suchen.
Viele ihrer Geschichten sind bissig, ernüchternd und durchaus plausibel (von einigen eher fantastisch angehauchten Texten mal abgesehen, die man entweder auf einer anderen Ebene verstehen oder als Unsinn abtun kann). Besonders viel Häme bekommen der Schönheitswahn und der Kult der Oberflächlichkeiten unserer Gesellschaft ab. Joanne Harris hat keine Scheu, den Finger in offene Wunden zu legen, auf die Gefahr hin, als polemisch abgestempelt zu werden. Besonders gut gelungen finde ich die Kurzgeschichte "Hallo, Goodbye" über die mediengerechte Inszenierung eines Begräbnisses, das promigerecht "Dernière" genannt wird. Sehr stimmig auch "Frühstück bei Tesco" über die Aussichtslosigkeit, das Leben anderer anhand der eigenen Maßstäbe messen zu wollen.
Ganz politisch korrekt geht es nicht immer zu, und das muss es ja auch nicht, zumal die Autorin zumeist in die Rolle der Icherzählerin oder des Icherzählers schlüpft. Und wenn der nun mal körperlich behindert ist, darf er von sich selbst sehr wohl als "Krüppel" sprechen und andere mit Hohn und Spott überschütten. Die erstaunliche sprachliche Leichtigkeit inklusiver einiger wohl sehr schwer zu übertragender Wortspiele haben Charlotte Breuer und Norbert Möllemann ganz hervorragend in die deutsche Sprache transportiert.
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