Der seit einiger Zeit bestehende Preisverfall der Samsung EX1 ist schwer nachvollziehbar, da diese Kamera von Verarbeitung, Optik und Technik zum Feinsten gehört. Immerhin steht sie bei ihrem jetzigen Preisstand ohne Konkurrenz da. Ein paar Schwachpunkte - um diese zuerst zu nennen - sind mir aufgefallen.
1.) Sie ist ein Energiefresser. Es empfiehlt sich, Ersatzakkus dabei zu haben.
2.) Bekanntlich ist der PHOTO-Kamera (mit Betonung auf PHOTO) auch eine Videofunktion dazu gegeben worden, die aber mit 640x480 Auflösung nicht auf der Höhe der Zeit ist. Als kleine Extrazugabe tolerierbar - aber wozu hat man bei so einer sekundären Videofunktion der Kamera einen roten Video-Auslöseknopf auf der Rückseite spendiert und diesen an einer Stelle, an der man zum Halten den Daumen hat? Direkt darüber befindet sich noch dazu die AEL-Taste, die sich genauso anfühlt. Mir ist es schon mehr als einmal passiert, dass ich unbeabsichtigt die Videofunktion durch den Ein-Knopf-Start ausgelöst habe. Meiner Ansicht, überflüssig und ein Konstruktionsfehler.
3.) Der Blitzschuh für externe Blitzgeräte ist ja schön. Aber ein marketingtechnischer Boomerang ist die Entscheidung, diesen nur für die beiden systemkompatiblem Samsung-Blitze zu schalten, ohne Möglichkeit, Fremdblitze verwenden zu können.
4.) In der ursprünglichen Preislage angesiedelt, ist es nicht geil, sondern geizig, kein Handbuch, kein externes Akkuladegerät und nur ein sehr kurzes, steifes Lade/USB-Kabel für interne Aufladung dazu zu geben.
5.) Die Kamera gehört mit ihren Bildfolgezeiten und durch den relativ besinnlichen Autofokus mit Vorfokussierung nicht zu den schnellsten. Hier zeigt sich am deutlichsten der Unterschied zur dSLR.
6.) Im Telemodus arbeitet Makro erst ab 50 cm. Das ist ziemlich weit entfernt und kann kaum noch als makro bezeichnet werden.
7.) Als Objektivdeckel würde man sich wie bei der Ricoh GX100/200 einen automatischen Deckel wünschen oder eine andere Lösung als den antiquiert baumelnden Plastikdeckel am Bändchen.
8.) Zubehör wie z.B. Originaltasche, Blitz, Sucher etc. ist erheblich überteuert.
Soviel zum Negativen. Jetzt die starken Seiten: Für Photographen, die schnell, ohne ins Menü zu tauchen, manuelle Belichtungs/Blenden-Einstellungen vornehmen wollen, ein wirklich gutes Arbeitsgerät. Zwei einzelne Tasten für Belichtungsspeicherung und Belichtungsart - super. Ein Druck vorne aufs Rädchen und die Belichtungswerte können variiert werden. Belichtungsreihen auch schnell möglich. Nebelbänke verhindern akkurates Fokussieren? Kurz mal auf manuellen Fokus schalten und korrigieren.
Weiterhin: Hervorragende Verarbeitungsqualiät. Auch nicht zu groß oder zu schwer. Eine vernünftige Kamera sollte ein gewisses Eigengewicht haben und durch die Größe haptisch gut zu handhaben sein. Dies ist keine Schnappschussknipse für die ganze Familie. Die EX1 hat zwar eine Automatikfunktion, die auch nicht übel ist, aber die natürlich den Möglichkeiten dieser Kamera nicht gerecht wird. Diese Kamera dient dem echten Fotografieren mit flexiblem Eingriff in die Parameter. Das meistert die Kamera ideal.
Weiterhin positiv aufgefallen:
- Die automatische ISO-Einstellung ist sehr gut eingerichtet, da sie den ISO-Wert so lange wie möglich unten hält und stattdessen mit offener Blende und Belichtungszeit justiert. D.h. in der Dämmerung, wenn die ersten Strassenlaternen angehen, steht der Wert immer noch auf ISO 100 oder 200.
- Rauschverhalten für eine Kompaktkamera bis ISO 400 sehr gut. Ab ISO 800 leidet zu sehr die Bildqualität an Details. Aber ISO 800 bei Blende 1.8 bedeutet erprobterweise: Ein Raum wird von nur einer Kerze erleuchtet = extreme Lichtverhältnisse. Bei Nachtaufnahmen empfiehlt sich grundsätzlich ein Stativ oder eine Auflage, dann kommt man auch mit niedrigeren ISO-Werten aus.
- Zuschaltbarer Blitz, der wirklich nur dann aktiv wird, wenn man ihn selbst öffnet. Kein lästiger, automatischer Pop-Up-Blitz. Die Blitzleistung ist ok.
- Brillante, scharfe Bildqualität / gute Farben (keine Probleme mit automatischem Weißabgleich) / viele Einstellmöglichkeiten
- Wer noch mehr will und gerne hinterher in die "Dunkelkammer" geht: Die EX1 verfügt über RAW Abspeicherung, die zumeist erheblich mehr Details zeigt als die JPEG-Software von Samsung durchläßt.
- Die Kamera liegt sehr gut in der Hand.
Die Kamera startet zügig (Logo ausschalten). Das Display ist sehr gut, allerdings nicht so berauschend wie oftmals beschrieben. Z.B. das Feinjustieren per manuellem Fokus läßt in der letzten Schärfe noch zu wünschen übrig. Die Lichtstärke ist für eine Kompakte ausgezeichnet, das Objektiv eine Wucht. Der 1.8 Blendenwert wird ja immer betont. Noch auffallender finde ich den Blendenwert in der 72 mm-Telestellung: 2.4 - Zoomobjektive mit solchen Werten sind normalerweise extrem teuer. Da kommt keine Konkurrenz mit. Natürlich verzeichnet ein 24 mm - Objektiv. Dabei ist die tonnenförmige Verwölbung nur sehr diskret, aber senkrechte Linien kippen z.B. bei Innenaufnahmen natürlich nach außen. Was ich jedoch nicht festgestellt habe, ist irgendeine "Matschigkeit" oder Unschärfe in den Winkeln. Das Objektiv zeichnet bis zu den Rändern knackescharf, und dies auch bei offener Blende. Allerdings läßt es von werksseitiger Einstellung her soviel Licht hindurch, dass helle Flächen draussen oft überbelichtet oder sogar ausgebrannt erscheinen. Ich habe die Kamera daher auf - 0.7 Belichtungswert eingerichtet. Die Kontrastdynamik ist im JPEG-Modus mittelmäßig. Erst bei RAW zeigen sich bessere Kontraste, z.B. heller Himmel, dunkle Strassenarchitektur. Insgesamt bin ich sehr zufrieden mit der Kamera. Es macht Spaß, mit ihr zu arbeiten. Ich gebe trotz der negativen Aspekte eine volle Punktzahl, da die positiven Seiten einfach voll überzeugen können.
Zusatz nach zwei Wochen intensiver Nutzung: Die Kamera hat sich bewährt, jedoch ist sie mir zweimal beim Einschalten abgestürzt (nicht runter-, sondern ab-); nix ging mehr. Kurzer Check auf der Samsung-Website - dort wurde zu dem Zeitpunkt als neueste Firmware 008261 zum Download geboten. Erstaunlich, da mein Model mit 009301 läuft. Die Absturzgefahr ließ sich also nicht per Update beheben. Nach Anfrage an den Samsung Support erhielt ich die Antwort: "Entnehmen Sie die SD-Karte und fotografieren Sie ohne." Ahja, vielen Dank, toll. ("...oder schicken Sie die Kamera an die Servicestelle zur Reparatur") Soweit mußte es nicht kommen, die Erklärung war einfacher: Die Akku-Anzeige der EX1 hat ihre Tücken. Relativ lange zeigen drei Balken den vollen Füllstand. Wenn jedoch ein Balken verschwindet, sollte man vorgewarnt sein und nach dem Ersatzakku tasten. Ist nur noch ein Balken übrig, sollte man den Akku wechseln, weil offenbar sonst der Bootvorgang, der viel Strom zieht, mit der Restkapazität nicht hinkommt und die Kamera mitten im Start einfrieren läßt. So war es bei mir.
Nach ein bis zwei Monaten: Ich würde mir die Kamera - gemessen am jetzigen Preis, an dem die Canons, Nikons und Panasonics nicht vorbei kommen und auch nicht besser sind - sofort wieder kaufen. Wer auf schnelle automatische Schnappschussbilder setzt, wird vielleicht enttäuscht werden und liegt eher bei einer Canon S90 / S95 richtig. Wer gern etwas tüftelt und manuell schraubt, findet in der Samsung EX1 eine/n freundliche/n Spielgefährtin/en.