Die Einwohner von Ichtenhagen werden seit einiger Zeit regelmäßig von einer Gruppe junger Neonazis bei ihren friedlichen Gartenpartys gestört: Wie selbstverständlich übernehmen die Jungs mit ihren kahlrasierten Schädeln und Springerstiefeln die Feten, legen "ihre" Musik auf und fressen und saufen die Vorräte leer. Und keiner wehrt sich.
Die "Ichtenhagener Ultras", das sind Siggi, Peter, Dieter, Max, Jürgen und ihr Anführer Wolf. Als Anführer ist er seinen Jungs mehr als markante Sprüche schuldig, nachdem sie am Samstag die Fete übernommen haben, wird auch noch der jüdische Friedhof verwüstet. Dadurch werde Ichtenhagen sich einen Namen machen, es werden viele Jünger aus ganz "Doitschland" kommen und sich den "Froinden" anschließen, schwärmt Wolf. Und der "Krieg" hat erst begonnen, Wolf hat noch schwerere Geschütze in der Hinterhand und plant große Taten.
Wolf ist gewalttätig und impulsiv, er lässt niemanden wirklich an sich ran. Derselbe Wolf macht sich Sorgen um seine Mutter, die jeden Monat einen anderen Kerl im Bett hat. Und steht zwei Stunden verborgen zwischen Bäumen und beobachtet Siggis Schwester Renate, wie sie mit dem Italiener Gino turtelt. Derselbe Wolf weint darüber, dass die selbstbewusste Renate ihn nach einer kurzen Affaire nun nicht mehr haben will. Treibt sie es jetzt mit diesem "Itaker"? Er lauert ihr auf dem Nachhauseweg auf und stellt sie zur Rede, in seiner grenzenlosen Wut erwürgt er sie schließlich und verscharrt sie im Wald.
Als die Polizei in Form der zerbrechlichen Kommissarin Vera Bilewski dem Mord auf den Grund geht, lenkt Wolf den Verdacht zuerst auf Gino, später auf Siggis geistig behinderten Bruder Yogi, der zufällig Zeuge des Vorfalls war, sein Wissen aber nicht sprachlich ausdrücken kann.
Der Autor Klaus-Peter Wolf beschreibt in einem Nachwort, wie er im Laufe der 90er Jahre bei seinen Lesereisen in Schulklassen auf immer mehr rechtsradikale Schüler traf, die von so einer "linken Zecke" und seinen Büchern nichts wissen wollten. Wolf machte sich die Mühe, genauer hinzusehen, und entdeckte in den darauffolgenden Wochen hinter der groben Fassade Menschen, die "verzweifelt ihren Platz in der Gesellschaft suchten, aber angeboten wurde ihnen nur Demütigung. Dem 'Du bist nichts wert' setzten sie ein trotziges 'Wir machen euch alle platt' entgegen." Aus diesen Erfahrungen entstand der Roman, der gleichzeitig als Polizeiruf-110-Folge abgedreht wurde. Buch und Film wurden ein Riesenerfolg, alle Schul- und Abendveranstaltungen waren ausgebucht. Der Film habe in vielen Schulen mehr erreicht, als alle pädagogischen Konzepte es je erreichen konnten, beschreibt Wolf seine Erfahrungen. Bald wurde der Film aber wegen seiner "missverständlichen" Gewaltszenen gesperrt.
Ein hervorragender Roman über ein heikles Thema: Der Autor versucht hier, so etwas wie Verständnis und Mitgefühl für die Lebenssituationen der faschistischen und gewalttätigen Protagonisten zu erzeugen. Das dem Roman vorangestellte Motto "Der Krieg beginnt damit, dass wir aufhören, in jedem Einzelnen das Individuum zu sehen und ihn nur noch als Teil einer Masse betrachten" lässt sich vermutlich in jeder Richtung anwenden: auf die Masse der Ausländer, die Masse der Linken etc. wie auch auf die Masse der Neonazis. Der Autor nimmt hier das Individuum in den Blick und sucht die Ursachen der Gewalt. Auf jeden Fall sehr empfehlenswert: für Schüler wie für Erwachsene, für Krimi- wie für Romanliebhaber.