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Fritz Lang hat einmal versucht, Peter Bogdanovich die Bedeutung des Wortes "Schinken" zu erklären (it literally means "ham", but ...). Er hätte seinen Interviewer nur mal auf ein paar Werke von Cecil B. De Mille hinweisen müssen, zum Beispiel auf den vorliegenden Bibelschinken. Er ist nicht ganz so katastrophal buchstabenbibeltreu und dabei bitterernst wie "Die zehn Gebote", leidet aber auch an dem, was einen Schinken halt ausmacht: Es gibt konventionelle Fotografie und oft unglaublich kitschige, in ihrer monströsen Schlichtheit plakative und platte Blechkostüme (immerhin aber bei einem Philister mit der Aufmerksamkeit, dass darin die Fratze des angebeteten Götzen eingeritzt ist, ohne dass die Kamera das zuschauerunterfordernd hervorhebt). Es gibt die in Antikdramen früherer Zeiten oft gekünstelte, viel zu langsame Sprache und ewig lange, pathostriefende, pathetische Dialoge. Doch letztlich ist dies hier nicht allzu schlimm, denn immerhin hat sich der Jerry Bruckheimer Hollywoods Goldener Jahre dann doch einige Freiheiten genommen, und manches ist zumindest zeitgeschichtlich interessant, oder man kann es wenigstens als unfreiwillige Ironie genießen. Letzteres zuerst: Victor Mature als Samson ist eigentlich ein Witz, als Rolle wie als Schauspieler, und hier erweist sich die Bibel als schlechter Drehbuchlieferant: Einem Text, der vor vieltausend Jahren in einem völlig anderen Kulturkreis entstanden ist, nehmen wir - ob nun religiös oder nicht - gewisse Logiklöcher viel eher ab als dem bewegten Bild, in dem die Darsteller, das patinierte Technicolor und ein zwar etwas künstlich wirkendes, aber doch deutlich neuzeitliches Englisch sagen: Dies ist nicht von 1.000 v. Chr., sondern von 1949. Da wirkt es viel behämmerter, dass Samson so grenzdebil oder schw***gesteuert sein soll, dass er einer Frau, die ihn schon drei Mal an die Philister verraten hat, beim vierten Versuch tatsächlich das Geheimnis seiner Stärke verrät. Victore Mature tut denn auch nicht viel mehr, als Muskeln zu demonstrieren und mit hübsch ergriffenen Glotzaugen (außer am Ende) und offenem Mund herumzustarren. Eine herrlich schwache Rolle - wollten wir nicht immer schon mal das Klischee bestätigt sehen, dass Muskelprotze nix im Hirn haben?
Dass eine "moderne" Lesart des Filmes nicht nur erlaubt, sondern auch erwünscht ist, macht De Mille in seiner opulenten Anfangsszene klar, die vor biblischer und teuflischer Symbolik nur so strotzt, in der aber der Off-Kommentar sehr heutig und US-amerikanisch wirkt. Der aufrechte Gläubige wird als Beförderer von Freiheit apostrophiert, die mehr wie der Amerikanische Traum ("liberty", nicht "freedom") statt wie Befreiung von den Philistern im Buch der Richter klingt. Wenn man weiß, was für ein erzkonservativer Ami De Mille war, der gerade in der Entstehungszeit des rezensierten Filmes den Schulterschluss mit McCarthys Hexenjägern gegen die Mehrheit in Hollywood einging, ist diese Anfangssequenz äußerst aufschlussreich. Die Verquickung eines kämpferischen Eintretens für "Freiheit" mit dem "rechten Glauben" hat noch vor wenigen Jahren die Bush-Regierung erfreut und dürfte im Bible Belt noch heute auf lebhafte Resonanz stoßen.
Letzten Endes sind derartige Lesarten ein Gewinn für den Film, denn die Bibel kann man - jedenfalls in einer Eins-zu-eins-Umsetzung - kaum ernst nehmen. Gut, dass De Mille es gar nicht erst mit einer solchen Umsetzungsart versucht hat, sondern sofort klarstellt: Dies ist kein Historienfilm. Zwar sind viele der Ereignisse aus dem Buch der Richter, Kap. 13-16, tatsächlich zu sehen. Aber wir werden gleich darauf eingestimmt, das mit einer neuzeitlichen Brille zu sehen. Das klappt mitunter nicht schlecht (vielleicht besser, als es De Mille beabsichtigt hat). So verarbeitet der Film ausgiebig die Bibelstelle, in der Samson mit einem Eselsknochenschädel 1.000 Philister totschlägt. Ausgerechnet mit einer "Waffe", die von einem Tier des einfachen, arbeitenden Volkes stammt! Der Film nutzt hierzu geschickt und sehr heutig die Mehrfachbedeutung des Wortes "ass" (1. Esel; 2. Esel im Sinne von Dummkopf; 3. Arsc* - bezeichnenderweise benutzen vor allem die Gegner Samsons das Wort "ass" und nennen, als sie Samson besiegt zu haben glauben, ihn ein "jackass", was die abwertende Bedeutung noch deutlicher zum Ausdruck bringt). Mit Samsons Rätsel (Richter 14,4) weiß der Film hingegen genausowenig anzufangen wie die Philister: "Vom Fresser kam Fraß, vom Starken kam Süßes." Dies wird noch ein paar Mal aufgegriffen. Heißt es, dass der Starke am vermeintlich Friedlichen, Süßen (einer Frau, öfter als friedenssymbolische "Taube" bezeichnet) scheitern kann? Oder dass aus dem Sieg über den Feind (Löwen) etwas Gutes entsteht (süßer Honig, siehe Richter 14,5-9)? Hier ist der Film unentschlossen; zu verstreut und disparat sind die Fetzen, in denen sich Anklänge an die Rätselmetaphorik finden.
Für alle Leser, die Samsons Geheimnis noch nicht kennen, sei es verraten: Seine niemals geschorenen Haare sind das Geheimnis seiner Kraft, und dieser macht Delilah schließlich mit dem Schermesser ein Ende. Wer will, kann in Bibel wie Film gewisse Anklänge an männliche Kastrationsängste sehen. Dies wird beflügelt durch eine ungemein interessante Darstellung der Delilah durch Hedy Lamarr. Während die Bibel vieles über sie im Dunkeln lässt, beschreibt De Mille sie als einen äußerst interessanten und scheinbar widerspruchsvollen, aber letztlich pervers-konsequenten Narziss. Hedy Lamarr wirkt zwar gelegentlich ein bißchen wie ein plakatives Pin-Up. Doch ihre begrenzten hochdramatischen Darstellerinnenfähigkeiten und ihr leicht österreichischer Akzent fügen sich ganz gut in das Bibelschinkige, aber auch in die Psychologie der Figur ein: Zum einen ist es einfach so, dass niemanden das Englische als solches in einem Bibelfilm stört (Mel Gibson ausgenommen), aber das allzu kaugummiartige und zu modern klingende "Amerikanisch" schon; da macht sie sich also ganz gut. Zum anderen unterstreicht eine gewisse Künstlichkeit bei ihr: Die ist nicht mehr ganz von dieser Welt, die lebt in ihrer eigenen Welt. Und der Narziss, der hat ihr immer schon gut angestanden - "The Strange Woman" zitiert sogar die griechische Sage überdeutlich, wenn die Lamarr in ihr Wasserspiegelbild blickt. "Samson und Delilah" geht es etwas subtiler an, Delilah handelt nämlich scheinbar widersprüchlich: Erst ist sie begeistert von der (Mannes?)Kraft Samsons, der einen Löwen mit der bloßen Hand erwürgt. Diesen Hengst will sie für sich! Dann ist sie das wunderschöne, aber intrigante Biest, das sich rächen will, weil Samson ihre Schwester vorzieht (dass diese verwandtschaftliche Beziehung und die Anwesenheit Delilahs beim Löwenkampf zu den gewichtigsten Veränderungen gegenüber der Bibel zählen, könnte erklären, dass sie nicht zufällig ins Drehbuch eingearbeitet wurden, sondern die Narziss-Thematik bewusst vorantreiben sollten). Dann ist sie eifersüchtig, dass sie ihren Muskelprotz (und wohl auch: Potenzprotz) nicht für sich haben kann, weil er immer noch seinen Gott hat, der Delilah so fremd ist. Wenn schon Delilah, die sich für die umwerfendste Frau aller Zeiten hält, Samson nicht haben kann, dann soll er überhaupt nicht mehr können - schnippschnapp, der Pferdeschwanz (der auf dem Kopf!!!) ist ab. Dann aber wird Samson gegen den Willen Delilahs geblendet. Das geht aber nicht für einen Narziss!!! Delilah wollte doch bitte schön, dass Samson noch sehen kann, was für ein Klasseweib er sich hat durch die Lappen gehen lassen!!! Hier scheint es erst, als zeige Delilah aufrichtige Reue, doch dies trügt: Ihr Mitleid mit Samson ist Selbstmitleid - als eine andere für ihn um Gnade bittet, verweigert sie sie konsequent. Sie will ihn haben, sonst darf ihn keine haben, doch einem Narziss sind bewundernde Blicke wie Nahrung: Er kann einen Blinden nicht "haben". Daran geht Delilah konsequent und am Schluss freiwillig zugrunde. George Sanders als gelackter Schurke mit Hirn, darin gut wie immer, hebt das Glas auf Delilah, bevor er unter den Trümmern des einstürzenden Tempels begraben wird. Er musste zwar auch bedauern, Delilah nicht haben zu können, weiß aber intellektuell ihre narzisstische Haltung als eine ihm ähnliche zu schätzen und prostet ihr im gemeinsamen Untergang noch zu. Was für ein starkes Bild! So infantiles Bombastkino ist dieser gelegentlich gescholtene Film dann doch wieder nicht! Und der Bombast ist sogar im Vergleich zur seinerzeitigen Konkurrenz richtig gut. Die Tonspur und die Schnitte verheimlichen sehr effektvoll, dass einiges wohl doch Pappmaché gewesen sein dürfte. Die aufwändigen, gut choreographierten und geschnittenen "Tiernummern" und zirkusartigen Auftritte, als Samson am Ende zum Spottobjekt werden soll, verraten ein sicheres Händchen für Überwältigungskino bei gleichzeitiger Lust am Eingeständnis, dass alles nur Show ist. "Brot und Spiele", das gibt De Mille uns, und es passt zu der Handlung des Filmes nicht schlecht, gerade in der Schlussszene, in der wie gesagt die Philister genau dies ihrem Volk bieten wollen. Somit muss man zwar einige Kitsch- und Durststrecken überstehen, bekommt aber unterm Strich einen sehr passablen Schinken mit einigen äußerst interessanten Aspekten. Dafür allemal vier Sterne!