Die Sammlung Deutsche Fotothek in Dresden hütet mit dem Bildarchiv des 2000 viel zu früh verstorbenen Fotografen Christian Borchert einen unermesslichen Schatz. Christian Borchert bildet gemeinsam mit Helga Paris und Sibylle Bergemann das Triptychon der DDR-Fotografie der 1970er und 1980er Jahre. Seine Fotografien sind eine Art Bildgedächtnis der DDR und ersetzen mit Leichtigkeit mehrere Meter zeitgeschichtliche Publikationen zum verschwundenen Staat. Im Grunde gehört dieser Band in die Bibliothek jeder Historischen Fakultät und als Klassensatz in jede Geschichtsstunde zur DDR.
Neben ihrem dokumentarischen Wert sind Borcherts Bilder handwerklich brilliante, emotionale Alltagsstudien des "kleinen Lebens" zwischen Erzgebirgskamm und Ostseestrand. Stets werden hier kleine Geschichten erzählt, ohne das Borchert seine Protagonisten dabei zur Schau stellen würde. Diese Bilder strahlen eine tiefe Menschlichkeit und Freundschaft zum Anderen aus, nichts liegt dem Blick Borcherts ferner als das spähende Auge des Paparazzo. Und auch wenn an ihrem Grund hin und wieder eine sehr feine Ironie aufscheint, werden hier weder das zunehmend marode Land DDR noch seine Bewohner vorgeführt und um des schnellen Gags willen abgelichtet. Gerade weil Borchert beiden seine Würde belässt, wird hier deutlich, wie ermattet die DDR bereits im dritten Jahrzehnt ihres Bestehens war und wie stark sich dem stillen Betrachter all dessen der Eindruck aufdrängen musste, dass all das wohl nicht mehr allzu lange würde bestehen können. Man meint über diesen Szenen in Betrieben, Kaufhallen, Altenheimen, Künstlerateliers, auf Rummelplätzen und in den Straßen der Städte stets eine Ahnung des Vergänglichen spüren zu können, des unaufhaltsam näher rückenden Endes. Aber vielleicht ist das ja auch dem wissenden Blick zurück geschuldet.
Unter dem Strich bleibt ein Buch, das für den einstigen Bewohner der DDR zu einer sentimentale Reise in die eigenen Erinnerungen wird. Und für die mit diesen einstigen Bewohnern Wiedervereinigten ein Schlüssel zu deren Vergangenheit, die nun ein bisschen auch die ihre geworden ist. Und so haben alle etwas davon.