"Same Time Next Year" ist ein erkennbar auf einem Theaterstück basierender Film. Dies ist ganz und gar nicht als Handicap gemeint. So hat er die Stärken einer gut und sehr witty geschriebenen Komödie, die stark von der Chemie der Hauptdarsteller und von zündendem Wortwitz lebt, irgendwo zwischen Joseph L. Manikewicz, Billy Wilder und Woody Allen. Insbesondere die beiden zuletzt Genannten waren bzw. sind nicht nur gute Komödianten, sondern auch hemmungslose Romantiker - dem entsprechend ist "Same Time Next Year" neben vielem anderen ein wunderschöner und mit dem Schlussbild an der Kitsch-Grenze schwebender Liebesfilm, doch darin sehr wahrhaftig: Ein jährliches Wochenende beiderseitigen Ehebruchs zwischen Doris (Ellen Burstyn) und George (Alan Alda) führt zu einer jahrzehntelangen Beziehung, in der unsere beiden einander so symbiotisch nahe kommen, wie zwei Menschen dies nur können. Dabei besteht kein Zweifel, dass sie ihren Ehepartnern tief verbunden sind und es mehr als nur Verlässlichkeit ist, was sie bei ihnen hält. Doch die Wochenenden erst lassen George und Doris an- und miteinander groß werden und ihre schönsten wie verborgensten Saiten erklingen. Wunderbar, wie Buchhalter und Zahlenfanatiker George im Wochenendhaus am See endlich einmal den in ihm schlummernder Künstler auf dem Piano erblühen lassen kann. Sehr berührend auch, dass er nur bei Doris und in diesem Haus die Stärke findet, schwach zu sein und trauern zu können - noch nie hatte er über seinen im Krieg gefallenen Sohn geweint, beim ersten "Jahrestreffen" nach des Sohnes Tod kann er es endlich in Doris' Armen, sich (auch optisch) klein machend und doch in Wirklichkeit groß werdend. Dies emotionale Highlight erwähnt habend, sei aber klargestellt: Insgesamt ist dies schon eher eine Komödie, es gibt einige wirklich schräge Situationen und Dialoge, wenn sich zweie, die einander keine Briefe schreiben, ein Jahr lang nicht gesehen haben und mit diversen Veränderungen erst einmal umzugehen lernen müssen. Da ist von Georges latenter Impotenz die Rede (die sich selbstverständlich in Wohlgefallen auflöst). Da muss sich George nicht nur an den Anblick einer Doris im achten Monat gewöhnen, sondern auch gleich noch zum Geburtshelfer werden ("Etwas Kleines ist dazwischen gekommen... und sie ist jetzt in den Wehen"). Die alle fünf bis sechs Jahre herausgegriffenen Treffen spiegeln zeitgeschichtliche Trends wider, bloß machen George und Doris alle Marotten immer zu unterschiedlichen Zeiten mit, was zu recht komischen Situationen führt. Wenn George 1966 besonders "etabliert" wirkt, macht Doris noch mal einen auf Hippie, inklusive schnodderiger Jugendsprache und einer sehr unromantischen Begrüßung: "Wanna f--- me?" Hier beweist Regisseur Robert Mulligan übrigens, wie virtuos er absurdeste Komik und Tragik brutal aufeinander prallen lässt und zeigt, dass beides miteinander zusammen hängt - George hatte sich seinen Panzer nämlich wegen des erwähnten Todes des Sohnes zugelegt, von dem Doris zunächst nicht weiß.
Den Hauptdarstellern nimmt man jede Sekunde ab, dass George und Doris alles andere als perfekt sind, aber eine tiefe Verbindung zwischen ihnen besteht. Vielleicht, weil ich Woody Allen mag, ist mir der männliche Part etwas prägnanter erschienen. Man versteht sehr gut, warum Alan Alda in diversen Woody-Allen-Filmen mitgespielt hat. Er hat genau dieselbe leicht exaltierte hibbelige Redseligkeit mit gelegentlich leichtem Stottern, Handwedeln und recht hoher Stimmlage. Dennoch ist er zu wahren Gefühlen fähig und spielt seinen George nicht als reine Type, sondern als Menschen - als einen liebenswerten Clown und Chaoten, den man einfach gern haben muss. Wie bei einem wirklich guten Clown sind hier Lachen und tiefe aufrichtige wahrhaftige Empfindungen (und einmal eben auch Tränen) sehr dicht beieinander, nicht voneinander zu trennen. Für Ellen Burstyn gilt nichts anderes. Irgendjemand hat einmal über die Filme von Joseph L. Mankiewicz geschrieben, sie hätten wit and humanity. Besser kann man es über "Same Time Next Year" auch nicht sagen.
Also ein Film, der einfach nur "schön" und mitunter ziemlich lustig ist, aber dennoch mehr als gut gespieltes und abgefilmtes Theater. Das klassische Songwriting von Marvin Hamlisch, der auch die immer etwas wehmütige Romantik so manchen Barbra-Streisand-Songs zu verantworten hast - es findet sich auch hier und passt zu der beschriebenen Grundstimmung des Filmes sehr gut. Man sollte bei dem theaterhaften Schwerpunkt schließlich nicht vergessen, dass es einige wunderbar filmische Intermezzi und vor allem einen wunderbar filmischen Anfang gibt. In diesem wird überhaupt nicht geredet, nur "die Blicke und die Zeichen sind immer noch die Gleichen". In einer rein filmischen Sequenz sehen wir in solchen Blicken und Zeichen, wie Doris und George sich kennen lernen, sehr romantisch, sehr ausgefeilt gespielt und in kleinen Details schon alles sagend. Dann wachen die beiden im Doppelbett auf, es wird viel geredet, und die Dialogkomödie kommt zu ihrem Recht. Ganz so einfach ist das halt doch nicht, und gerade bei George führt das dazu, erst einmal über alles redend nachzudenken. Aber der Film macht das scheinbar Unmögliche möglich: Wir glauben an diese Liebe. "My spirit will be with you", sagt George zu Doris einmal über die bevorstehenden 51 Wochenenden. Wieder einmal hat er etwas gesagt, was wir längst erkannt und gefühlt hatten - doch dies macht gerade die Mischung aus Romantik und Komik dieses Filmes aus. Endlich einmal steht das Etikett "romantische Komödie" nicht für die immergleiche Erfolgsrezeptur von Retortenfilmen. Vielmehr kommen die Romanze und die Komödie beide zu ihrem Recht und zu voller Kraft und Blüte.
Die DVD liegt in guter Qualität vor, bietet aber nur den O-Ton ohne Untertitel. Keine Bange - das bekommt man hin, und wegen des Wortwitzes ist der englische Ton sowieso ein Muss, letztes Beispiel: George meint, ein Pechvogel zu sein, denn wenn ein anderer eine Frau liebe, spiele bestimmt ein superromantisches Lied im Radio, und bei ihm sei es ausgerechnet der Gassenhauer gewesen: "Hätt' ich Dich heut erwartet, hätt' ich Kuchen da". Im Original natürlich: "If I knew you were coming"...