Indiepop, wie ihn Siva machen, kann eigentlich nur aus Berlin kommen: Laptop trifft Gitarre, Phoenix trifft Postrock, und alles läuft im Schwermuts-Modus.
So, und nur so, funktioniert Pop: Längst Gesehenes hinstellen und neu beleuchten - "Same Sights, New Light". Das ist die Wahrheit. Von Geniekulten, die es anders sehen würden, haben sich Siva verabschiedet. Das macht sie ziemlich originell. Elektropop-Arrangements wie das ihres Songs "Photograph" sind natürlich irgendwie geläufig, Phoenix und Radiohead liefern den Hörhorizont. Aber die feinen Unterschiede haben Siva ziemlich drauf. Siehe die Ecke, in der die vier Berliner anzusiedeln sind: Mitglieder wirken auch gerne mal bei Bands vom Sinnbus-Label mit. SDNMT und I Might Be Wrong nämlich.
"Same Sights, New Light" ist die zweite LP nach "The Story Is Complete, But I Think We've Lost The Book" von 2007 und treibt die produktionstechnische Befreiung weiter. Gitarrist und Sänger Andreas Bonkowski schafft dabei, was meistens nur in Übersee gelingt: Mit wenig Aufhebens ein stimmliches Alleinstellungsmerkmal zu haben. Besonders wichtig ist das als roter Faden, weil die Platte Zweiteilung verfolgt: dicke, Synthie-angereicherte Popnummern, und daneben fast rhythmuslose Stücke mit Gitarre und viel Hall - was man, wenn es um 90er-Jahre-Progrock gehen würde, auch "sphärisch" nennen könnte.
Mit "Same Sights, New Light" legen Siva eine vielfältige Platte vor, die ihre Stärken besonders in den lauteren Nummern wie "All The Right Moves" oder "Photograph" hat. Aber was heißt hier schon laut.
Indiefans teilen ihre Lieblingsbands nicht gern. Und spielen die gut gehüteten Geheimnisse erst in mittelgroßen Clubs, entziehen die Snobs ihnen schnell die Zuneigung. Als Siva vor zwei Jahren ihr Debüt veröffentlichten, war die Gefahr groß, dass sie wegentdeckt werden; schließlich heimste das Berliner Quartett völlig zu recht sogar Vergleiche mit The Notwist ein. Doch die große Anerkennung blieb aus, und so dürfen sich die Indiefans jetzt auch übers zweite Album freuen. Gottlob versuchen Siva den Erfolg nicht zu erzwingen und scheren sich weiterhin nicht um Trends und Eingängigkeit. Stattdessen gehen sie den eingeschlagenen Weg weiter, ohne sich zu wiederholen. Da treffen noch verletzlichere Gitarren auf noch verspieltere Elektronik, um von der warmen Stimme Andreas Bankowskis aufgefangen zu werden. Und jetzt ist es auch kein Problem mehr, wenn die Verkäufe der Qualität entsprechen. Songs wie "Misery Box" und "One Line" sind so gut,für die geht man auch in mittelgroße Clubs. (cs)