Einen Kaminer zu lesen ist immer ein Wagnis, denn einen Kaminer von ihm vorgelesen zu bekommen ist immer ein Erlebnis.
Da besteht die Gefahr, dass das Buch vor dem "Event" versagen muß, zurücktritt hinter der Stimme, dem Auftreten des Autors, des Künstlers. Das Buch wird zum Begleitmedium des Hörbuches, zur Nachbereitung der Lesung. Ganz krass fand ich das beim letzten Band "Schrebergarten", so daß ich mit gewisser Skepsis an das Buch heranging.
Es sind dreiundvierzig kleine Geschichten aus dem Alltag eines leidgeprüften Vaters und Ehemanns auf 224 Seiten. Geschichten, die sich mit so grundlegenden Fragen wie dem Generationenvertrag oder mit dem Züricher an-sich, mit der Frage ob es im Lateinischen ein "tschüss" gibt oder ob mit "Salve" am Morgen schon alles gesagt ist, mit dem Kremlweihnachtsmann und dem tschetschenischen Ballett und vielem anderen mehr befassen. Es geht es also nicht ausschliesslich um Kaminers Kinder und deren Schulsorgen, wenn diese auch einen breiten Raum einnehmen.
Einen Kaminer lesen erinnert mich immer etwas an ein Gemälde in dem ein Mensch in einen Spiegel schaut und ein anderer schaut zurück. Der, der hier in den Spiegel blickt ist der Autor und der, der hier zurückgespiegelt wird ist der Leser. Kaminer gelingt es seinem Leser den Narrenspiegel vorzuhalten, ohne das Bild dabei verzerren zu müssen.
Anders als beim "Schrebergarten" funktioniert für mich hier auch das Buch ohne Kaminers Tonfall- was daran liegen mag, das die Themen mir näher liegen. Ich habe jedenfalls herzlich gelacht und verschmitzt gegrinst, traurig gelächelt und war zu Tränen gerührt- ein wirklich erfreuliches und empfehlenswertes Buch für alle, die Kurzgeschichten mögen.