Der Werdegang von Alphaville gleicht einem stetigen Abstieg nach überragendem Start. Das Debütalbum "Forever Young" vereinigte äußerst eingängige Melodien mit gutem Songwriting und bereits sehr ausgefeilter Produktion. Der überragende, in jeder Hinsicht bessere "Nachfolger Afternoons" in Utopia erhielt bereits deutlich weniger Aufmerksamkeit, während alle nachfolgenden Alben nahezu unbeachtet blieben, so dass die Gruppe stets auf ihre größten Hits reduziert wurde.
Jedoch hätten alle Nachfolger die gleiche oder größere Beachtung verdient als das Debüt. "Salvation" bildet hier keine Ausnahme. Nach dem experimentellen "Prostitute" fand die Gruppe hier zu ihren elektronischen Wurzeln zurück. Das Resultat ist ein hervorragendes düster-warmes Album, welches Dimensionen über dem künstlerischen Durchschnitt seiner Entstehungszeit steht.
"Inside out" bildet den sanften Einstieg, das verhaltene Tempo wird mit dem warmen "Monkey in the Moon" weiter gesteigert. Das folgende "Guardian angel" ist das erste Highlight, Melodie, Gesang und Songwriting formen einen überragenden Titel in welchem das Problem der Sterbehilfe thematisiert wird. "Wishful thinking" ist ebenso kraftvoll und melodisch, bereitet jedoch einen Stimmungswechsel vor. Die folgenden Titel "Flame" und "Point of no return" führen in ruhigere Gefilde, während Flame jedoch Wärme und Optimismus ausstrahlt, ist Point of no Return kalt und mysteriös.
Mit "Control" wird das Tempo wieder angezogen, dieser Titel ist für mich jedoch ein regelrechtes Ärgernis; die Brillianz der Vorgänger wird in keiner Weise erreicht, das Stück wirkt wie eines der unzähligen beliebig austauschbaren Titel, die sich in den 90ern in den Charts tummelten. "Dangerous place" bremst das Tempo wiederum aus. Der Song hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck; als Mid-tempo Techno wirkt es sehr untypisch, Melodie und Gesang erzeugen jedoch eine intensive düster- mysteriöse Stimmung wodurch der Song als gelungen gewertet werden kann. Ähnliches gilt für das kraftvolle "Spirit of the age", das sich ebenfalls an der Grenze zum 90er Jahre Einerlei bewegt, ohne diese jedoch zu überschreiten.
Die drei letzten Stücke schließen wieder vollständig an die exzellente erste Albumhälfte an. "Soul messiah" vereint abermals kraftvolle Produktion, tiefgründiges Songwriting und treibende Melodie. "New horizon" leitet die rasante Stimmung des Vorgängers wieder in ruhigere Fahrwasser, wobei Stimmung und Atmosphäre stetig gesteigert werden.
"Pandoras lullaby" führt die düster-warme Stimmung das Albums zu einem erhabenen Abschluss, kann jedoch auch als völlig eigenständige Einheit angesehen werden. Dieses epische, mit klassischem Orchester umgesetzte Stück ist ein absoluter Geniestreich der Gruppe, der man so etwas bis dahin nicht zugetraut hätte. Obwohl stimmungsmäßig mit dem Rest des Albums verbunden, wirkt es dennoch abgekoppelt, man könnte sagen, das Album enthalte 11 + 1 Song. Im Vergleich mit dem vielgelobten "Forever Young" ist dies für mich der klar bessere, weil vielschichtigere und erhabenere Titel der Band.
Letztenendes kann der seinerzeitige Misserfolg des Albums (Platz 97 in den dt. Albumcharts) nicht verwundern, da ab den 90ern die Tendenz zu prägnanter aber wenig wirklich niveauvoller Musik neigte. Für Alben wie dieses braucht man Zeit, nicht nur um die Qualität der einzelnen Songs nach und nach zu entdecken, sondern auch das Album als Gesamtwerk begreifen zu können. Der oben geäußerten Kritik, das Album drifte zum Ende hin in Techno und Belangloses ab, muss energisch widersprochen und mit dem Gegenvorwurf beantwortet werden, dass die Rezenzenten das Album anscheinend nur bis zum neunten Titel gehört haben. Nur dann ergäbe diese Kritik einen gewissen Sinn.
Schließlich wäre festzustellen:
Freunde der heutigen Chartmusik sollten von diesem Album die Finger lassen, Freunde der 80er, sowie unvoreingenommene Hörer mit Vorliebe für syntehtische Klänge und etwas Geduld sollten ihm eine Chance geben. Es lohnt sich.