An weiblichen Nachwuchsstimmen, die obendrein auch noch eigenständig komponieren, mangelt es in der Jazzszene gegenwärtig wahrlich nicht. Ein besonders positives Beispiel ist die 23-jährige Lizz Wright mit ihrem Debütalbum „Salt". Stimmlich bringt die aus Georgia stammende Pastorentochter alles das mit, was auch die große Ella Fitzgerald einst hatte: Volumen, Modulation und viel Gefühl. Ebenso eindrucksvoll wie spielerisch switcht sie zwischen den Stilrichtungen Jazz, R&B, Blues oder Gospel ohne auch nur einen Funken an Authentizität zu verlieren. Dabei hat sie mit Tommy LiPuma, dem Mann der Diana Krall „groß" gemacht hat, als Produzenten und mit Brian Blade als Drummer und Co-Produzenten hochgradig professionelle Unterstützung. Wenn dann zusätzlich eine Legende namens Chick Corea einen Song zur Interpretation bereitstellt, sind die Erwartungen für ein Debütalbum entsprechend hoch. Schon der Eröffnungstrack „Open your eyes" erfüllt diese Erwartungen und lässt unter dem Eindruck großartiger gesanglicher Qualitäten eine traurig-schöne Leidenschaft durchscheinen. Im weiteren Verlauf wirken sowohl die Eigenkompositionen - allen voran „Fire" als Anspieltipp - als auch die Interpretationen von Klassikern wie Mongo Santamarias „Afro blue" oder Rachmaninows „Vocalise" höchst beeindruckend.
In ihren Performances verzichtet die junge Chanteuse auf jegliches Understatement und lässt ihrem ungezügelten Talent freien Lauf. Wie auf einem Beauty-Contest zieht sie alle Register, wechselt Intonation und Rhythmus nach Belieben, wodurch die harmonische Grundstimmung des Gesamtwerks etwas strapaziert wird. Auf diese Weise wird Lizz Wright gewissermaßen zum Opfer ihrer eigenen Möglichkeiten. Wenn die Mehrkämpferin der Vocalperformance ihre Spezialdisziplin einmal gefunden hat, spätestens dann dürfte einer glänzenden Sangeskarriere nichts mehr im Wege stehen. Gespannt darf man daher sein, welchem Genre sie in Zukunft schwerpunktmäßig ihren Stempel aufdrücken wird. Wer „Salt" lieben gelernt hat, dem wird dies ohnehin egal sein. Frei nach dem Motto: Do whatever you want, but do it!