ACHTUNG ENTHÄLT SPOILER
Wer Helden(oder in diesem Fall -innen) liebt, die allein eine Armee besiegen und die man noch bei der Beerdigung am Sarg festnageln muss ist hier richtig.
Vorweg, ich sehe mir sehr gerne Serien und Filme an, deren Realitätsanspruch nicht mal mit der Lupe sichtbar wäre. Typisch für (die alten) James Bond Filme sind die unglaublichen Gimmicks, die Erfindungen die James immer im richtigen Moment das Leben retten (was dieser gar nicht so schlaue und talentierte Held auch bitter nötig hat). Oder ein Jacky Chan, der unzählige Male getroffen nicht zu Boden geht und 2 m hoch springt, von Dächern hüpft usw.
Unterschiedslos sehe ich auch Heldinnen dieser Kategorie gerne (in verschiedenen Abstufungen). "Ripley" ("Alien"), Hitgirl ("Kick Ass") und "Die Braut" ("Kill Bill") nur als Beispiele für knallharte Heldinnen aus guten Filmen.
Keiner dieser Filme oder seiner Macher versucht, die Realität abzubilden oder "realitätsnah" zu sein.
Anders sieht das bei Filmen wie "Die Bourne Identität" oder "Stunde der Patrioten" aus. Diese erstklassigen Filme präsentieren Helden, die zwar in ihrem Rahmen hervorragend ausgebildet sind, deren Grenzen aber sichtbar und deren körperliche Verletzlichkeit (und auch seelische) präsent sind.
"Salt" und seine gleichnamige Heldin sollen sich einreihen, mischen aber die Genre bis ein unglaubwürdiger Mix rauskommt, der die hervorragende technische Seite des Filmes, das Popcorn-Kino zumindest für mich vollkommen auslöscht.
Ein paar Beispiele und Vergleiche.
Als Bourne (ein ausgebildeter Attentäter, ehemals Offizier der Special Forces einer Spezialeinheit) im ersten Film seiner Triologie vor den ihn suchenden Polizisten in die US Botschaft flieht, werden sofort Wachleute auf ihn aufmerksam. Drei davon wollen ihn festnehmen, nicht ahnend, dass er eine Form des Nahkampfes beherrscht. Als er dann diese Wachleute überrascht, zu Boden bringt und einem die Waffe entwenden kann, wird in der Botschaft Alarm ausgelöst, Bourne vermeidet die anrückenden Marines nach Kräften, sucht sich Orientierungshilfen und stiehlt ein Funkgerät um informiert zu sein, was die Sicherheit gegen ihn unternimmt. So entkommt er auf die Strasse, wo er sich weiter vor den ihn suchenden Polizisten verstecken muss.
Als Salt aus ihrer Zelle in der CIA Zweigstelle entflieht, alarmieren die Beamten nur die Portiersdame, Salt flieht in ein Stockwerk das renoviert wird aber bereits über hochtechnische Schleusen verfügt, dafür aber nur eine Videoüberwachung aus den 80ern (kein Sicherheitsglas darum herum, wie es bspw. in jeder S-Bahn heute üblich ist), welche sie ausschaltet. Dann bastelt sie sich aus Reinigungsmitteln und einem Feuerlöscher einen Einweggranatwerfer. Dieser reißt zwar ein Loch in eine solide Wand, die direkt davor stehenden, nun doch eingetroffenen Sicherheitskräfte aber scheinen "zu überleben". Daraufhin stellt sich ihr niemand mehr in den Weg, sie kann einfach auf die Strasse fliehen, nimmt dort ein öffentliches Taxi und fährt unbeheligt in ihre noch nicht vom CIA überwachten Wohnung... Die CIA wirkte dabei ziemlich wie die Wehrmacht in alten Kriegsfilmen der 60er und 70er.
Ein weiterer Vergleich: Jacky Chan seilt sich in "New Police Story" an einem Stahlseil senkrecht und ohne Ausrüstung an einem Haus ab. Vorher sichert er seine Hände vor den zu erwartenden Verbrennungen durch die Reibung, unten angekommen zeigt er durch schütteln und pusten an, dass er trotzdem Schmerzen hat. Im Making of bekommt man zu sehen, wie oft sie diese Szene gedreht haben und wie viele Verletzungen bei solchen Aktionen drin waren.
Salt dagegen stemmt sich in einer Szene in einem Fahrstuhlschacht mit bloßen Händen gegen Stahlträger und läßt sich rasant mehrere Stockwerke nach unten rutschen. Wer jemals mit nackter Haut eine trockene Rutsche runterglitt weiß um die Folgen. Und in diesem Vergleich ging es ja um Jacky, dessen Realitätsanspruch verschwindend gering ist.
Eine der schlimmsten Szenen des Films: Nachdem Salt den russischen Präsidenten "ermordete" (scheinbar mit einem genetisch implantierten Wissen um den Aufbau der Kirche und der benötigten Menge Sprengstoff die exakt richtige Stelle so zu sprengen, dass nur der Präsident und dieser unverletzt nach unten stürzt) wird sie abgeführt. Dabei hat man ihr weder Fussfesseln angelegt noch die Hände HINTER dem Rücken gefesselt. Allen ist zu diesem Zeitpunkt bekannt, dass sie CIA Agentin ist und einen Nahkampfkurs besucht hatte. Trotzdem wird sie in einen Polizeiwagen gesetzt, der keine Trennung zum Fahrerraum besitzt, zwei Beamte quetschen sich neben sie auf den Rücksitz. Diese überwältigt Salt denn auch erwartungsgemäß und stößt sie mit jeweils einem Tritt durch die geschlossenen Türen (man erinnere sich, ein Polizeiwagen, deren Hintertüren von innen i.d.R. nicht zu öffnen sind), ein weiterer Tritt reißt den Fahrersitz aus der Verankerung, klemt den Fahrer zwischen Sitz und Lenkrad ein. Bei den darauffolgenden Unfällen (der Fahrer wird durch Stromstöße zum Krampfen gebracht, drückt damit auf das Gas, Salt lenkt und schaltet unbehindert) bleibt Salt unverletzt, und beim Finalen crash durch die Betonbegrenzung und dem anschließenden Fall nebst Aufprall aus mehreren Metern wird endlich der Airbag des Fahrers ausgelöst. Salt klettert gänzlich unbeschadet aus dem Auto und irgendwie soll auch der Fahrer die Auslösung des Airbags und dem mangelnden Platz zwischen seinem, von Salt beschwerten, Sitzes und dem Lenkrad überlebt haben. Das wäre selbst John McClane zu viel gewesen.
Der Witz kommt am Ende. Nach dem Endkampf, in welchem sie "übel" zugerichtet wurde, springt sie, aus diversen Platzwunden blutend, von ca. 50 m Höhe aus einem Helikopter in den winterlichen Potomac, landet unsauber (also nicht wie ein Taucher oder Turmspringer, "gerade"), bleibt trotzdem unbeschadet, taucht zum Ufer (durch den halben Fluß) und sprintet von dannen.
Rambo ("Rambo", 1982) fiel aus einer geringeren Höhe und landete auf halbem Weg in einer Tanne, deren Äste ihn abbremsten. Dieser Mann, durch Muskelpakete besser gepolstert als die "zierliche" Salt, (die zwei Jahre im Innendienst gesessen hatte, nachdem sie eine unbestimmte Zeit in asiatischer Haft gefoltert worden war) verletzt sich dabei so sehr, dass er eben nicht einfach wegsprinten kann, sondern eine Pause braucht und seine Wunden und Verletzungen dringend versorgen muss. Kimble ("Auf der Flucht") springt in einen Wasserfall aus größerer Höhe, danach wird durch die Darsteller klargestellt, dass dieser Sprung nur "1:1 000 000" überlebt werden kann. Man sieht allen anderen hier genannten Figuren an, selbst Rambo und McClane, die emotionale Belastung solcher besonderen Aktionen an, ebenso leiden sie körperlich an den Folgen (wer erinnert sich nicht an die Schreie von McClane, als er sich die Scherben aus den Füßen ziehen muss). Und dabei sind die meisten der hier genannten Helden NICHT mit einem Realitätsanspruch gesegnet.
Hätten die Macher diesen Punkt weggelassen, die CIA und Salts Gegner nicht als unfähige Idioten gezeichnet, die Heldin leidender dargestellt, Salt hätte sich eingereiht in gutes Action-Popcorn-Kino.
So ist es ein Versuch, einen Thriller mit Actionsequenzen zu drehen, der kläglich daran scheitert, wie unglaubwürdig er ist.
Dazu kommt, dass Angelina Jolie scheinbar nur zwei bis drei Gesichtsausdrücke kennt.
Wen sowas alles nicht stört, wer sich mit einem Comichelden in der Realwelt anfreunden kann, der wird sicher Spaß an diesem Film finden. Ich sehe mir da lieber eine Sigourney Weaver in Alien oder eine "Trinitiy" aus "Matrix" an. Oder "Alice" aus "Resident Evil" oder...